war ...
Frau von Sicking's vor einigen Tagen schon beabsichtigter Besuch hatte erst heute zur Ausführung kommen können und Lucinde kam in der Tat zu Gruss und Abschied zugleich ... Ihre nächste Mission war erfüllt ... Wohin Hubertus den Brandstifter geborgen, erfuhr sie nicht, aber gestern Nacht noch beim Abendgebet im Münster kniete er hinter ihr und sprach: Alles ist geschehen! Seien Sie ruhig, ziehen Sie in Frieden und sorgen Sie jetzt nur für die beiden Eremiten, die in der Residenz des Kirchenfürsten und wenn sie mit den ersten Lerchen nach Rom ziehen sollten, einen Anwalt bedürfen werden! ... Schon im Hof hatte sich Lucinde von ihrem Entsetzen über die Brandstätte gesammelt, ihre Empfindungen über "den falschen Isidor", der auf so fragwürdige und in ihren Folgen entscheidende Weise die junge Gräfin zur reichsten Erbin des Landes machte, geordnet, ebenso wie über den Anblick einer Ekstatischen, die zur heiligen Hildegard erhoben werden sollte und vielleicht im Traumschlaf sah – wo Dionysius Schneid verborgen war und wie Nück auf Lucindens Rückkehr harrte ...
Frau von Sicking war im vollen Strom der Erörterungen ... Beileidbezeugend über den schreckhaften Brand, glückverheissend zum folgenreichen Fund der Urkunde ... Ihre Sprechweise war leise ... Alle räumten ihr den Vorrang ein, dass man schwieg, um sie besser hören zu können ...
Man sass jetzt ... Nur Bonaventura stand noch rükkgelehnt am Fenster ... Auch Armgart an der Stuhllehne Paula's, die Hand der Freundin haltend, um ihr Zittern zu mildern ... Bis zu einem so weit gehenden Ueberblick aller Beziehungen, dass Armgart auch Bonaventura am Widerstreit dieser beiden Naturen aufs mächtigste beteiligt sah, reichte ihr Auge nicht ... Paula's und Lucindens Liebe zu Bonaventura war ihr nur ein "Schwärmen" – jene Empfindung, die ein Mädchenherz in alle Himmel versetzen kann, nicht aber die Entsagung zum grössten Schmerz der Erde macht ...
Lucindens Feierlichkeit war von Frau von Sicking's Begleitung ebenso bedingt, wie von der ersichtlichen Neugier der Anwesenden, die sie musterten ... Sie sprach anscheinend harmlos mit Armgart von der Begegnung im letzten Sommer an der Maximinuskapelle und von Benno von Asselyn ... Sie erzählte der jungen Gräfin vom ortopädischen Institut, von dessen Vorstand, von einigen jungen Mädchen, jenem guten Curatus Niggl, der die armen Verwachsenen, Blinden und Lahmen bei sich zum Kaffee lud ... Sogar Bonaventura wurde von ihr ins Gespräch gezogen ... Mit Niggl und Hunnius war er als Priester ausgeweiht worden ... Auch ein Wort über den Tod Hendrika Delring's konnte nicht ausbleiben, ebenso wenig wie die Kunde über Treudchen, die ins Kloster gegangen war ... Bonaventura blieb so erregt, dass er nun selbst zu fragen anfing ... Wie hat nicht jener grosse Staatsintriguant so Recht gehabt, als er sagte: Die Sprache ist erfunden, um unsere Gedanken zu verbergen! ...
Das allgemeine Gespräch kam wieder zurück auf die beiden Flüchtlinge in den Eichstamm und jetzt erst hörte Bonaventura die ihn doppelt erschreckende Kunde ... Denn er hatte nichts für Sebastus' Befreiung getan und machte – seiner "priesterlichen Lässigkeit" Vorwürfe ... Streit mit dem Provinzial gab man als Ursache dieser Flucht an ...
Der Name Hubertus weckte im Gespräch die Erinnerung an die Rettung des Dieners, den man im Spital von Witoborn glaubte ...
Lucinde konnte sich sammeln und Kraft gewinnen, den Namen Klingsohr und das fortgesetzte Anblicken der Damen zu ertragen. Sie behielt dasselbe bleiche Incarnat, wie immer ... Sie zuckte nicht einmal mit den Augenwimpern ... Nur Bonaventura's Auge suchte sie zuweilen und dieser schlug dann das seine nieder ...
Frau von Sicking sagte dem Domherrn die schmeichelhaftesten Dinge – jetzt auch, als ob sie ihre geheimsten Abneigungen erraten glaubte, recht aufgetragen Lobendes über seine Mutter ... Gräfin von Styrum-Schorum kam heute schon von Schloss Neuhof herüber, wo die Kunde von den beiden Mönchen eine nicht geringe Sensation erregt hatte ... Der gesetzliche Sinn des Herrn von Wittekind, der sich solcher Nutzniessung seines Waldes durch die Gensdarmen erwehren wollte, war überstimmt worden durch seine Gemahlin, die aufs dringendste gebeten hatte, dem frommen Verlangen dieser beiden Brüder nichts in den Weg zu legen ...
Da man dem Bericht Beifall murmelte, musste Bonaventura für die Mutter danken ... Er dankte und bemerkte Lucindens Lächeln ... Triumphirend schien diese sagen zu wollen: Das alles, was ich hier sehe und höre, sind die Opfer, die mir der Gott der Rache bringt! ... Sie liess sich Klingsohr und Klingsohr ins Ohr rufen; sie lächelte nicht einmal ... Ihre Blicke spannen nur lange Fäden und bald war ihr alles wie in einem grossen Netze ... Mit leiser stimme flüsterte sie mitten in die Schilderung des Lagers, das sich von Moos und Baumlaub die beiden Flüchtlinge in der Eiche und um diese her gemacht hätten, der Tante Benigna zu von dem Brand, von dem Eindruck, den ihr der Anblick der Flamme schon vom Schloss Münnichhof aus gemacht hätte ... Die Tante sah nichts von dem blick, der diese liebevollen Worte begleitete, als wenn sie gelautet hätten: Die Welt soll noch in Feuer aufgehen und wie ihr hier alle sitzt und lächelt, weg habt ihr's doch! ... Sie