so schnell wieder bevorstehende Abreise ...
Gegen zwölf Uhr fuhr Bonaventura auf Westerhof und fand die ganze Lebhaftigkeit, die er erwarten durfte ...
Besuche kamen und gingen ... Auch von Armgart's Mutter und ihrer Nähe wurde gesprochen ... Die Stiftsdamen konnten eben nichts für sich behalten ...
Gerade als mitten im lebhaftesten Gespräch auch eine Mitteilung zündete von dem, wie es schien, in Ausführung gekommenen Plan, den hohlen Eichstamm vom Düsternbrook zum Aufentalt zweier Eremiten zu machen, trat Paula ein ...
Ihr blick schien sagen zu wollen: Die Mauern eines Klosters nehmen mich auf! In deiner Nähe! Da, wo Terese von Seefelden den Schleier trägt, da werde auch ich anpochen! ...
Man sprach von den Klöstern ... Man rühmte den sich mehrenden Zustrom zum beschaulichen Leben ... Eine der Besucherinnen wusste etwas von Treudchen Lei ...
Bonaventura hörte gerade nach einer andern Gruppe hin, wo Neuangekommene erzählten: Zwei Mönche hätten in letzter Nacht Kloster Himmelpfort verlassen und wären Eremiten im winterlichen wald geworden ... Die Namen der Mönche und den Wald konnte man nicht bezeichnen ...
Bonaventura schwieg zu Allem ... Er kannte das Märchen von der versunkenen Kirche ... Ihre Glocke klang und klang und Niemand wusste, wo die Kirche gestanden ... Am Meer sagen die Schiffer, sie läge im Wellenschoos, wie ein mahnender Zeigefinger gegen oben rage ihr Turm zuweilen über dem Spiegel auf ... Die Jäger kennen die verlorene Kirche im wald ... auch da läutet sie unsichtbar ... So tönte für Bonaventura durch alles, was Paula tat und sprach und die Welt um sie her tat und sprach, nur der eine Glockenton: Dem bin ich – im wald – im Meere – im tod –
Zu Aller Interesse wurde plötzlich Frau von Sikking gemeldet ...
Bonaventura hörte auch das nicht ...
Im wald – im Meere – im tod –
Paula hatte den gemeldeten Besuch, der zu gleicher Zeit eine Begrüssung von Seiten Lucindens sein konnte, erwarten dürfen ... Sie wollte ruhig bleiben, ruhig sich ergeben und doch richtete sie sich auf ... Nicht wie in bebender Erwartung vor Lucinden ... Schon im physischen Schmerz ... Noch ehe Lucinde im Vorsaal sein konnte, fühlte sie wie mit einem elektrischen Schlag schon die Annäherung ihres Gegenpols ... Armgart, die umirrend, wie sie war, Lucinden unten gesehen hatte, war heraufgeeilt, sah schon die wirkung, die sie kannte, umschlang die Freundin, wollte sie hinwegführen; doch diese blieb und lächelte wie immer zu ihrem Schmerz ...
Die Anwesenden alle – Frau von Böckel-Dollspring-Sandvoss, Frau von Stein, Gräfin Münnich, Gräfin Styrum-Schorum, fräulein von Merwig, fräulein von Absam, die alle nun schon über Lucinden unterrichteter waren und die Verhältnisse annähernd übersahen – nahmen Paula's Lächeln für Takt und grosse Güte. Sie verwiesen mit strafendem blick dem fräulein von Tüngel-Appelhülsen ihren laut ausbrechenden Hohn über die "person, welche" – Lucinde erschien in Begleitung der Frau von Sicking und war eine Büsserin geworden ...
Frau von Sicking, die zu jener Gattung der weiblichen Tartüffes gehörte, bei denen man ihrer Unergründlichkeit wegen besser tut, ihre Gottseligkeit einfach anzuerkennen und sie wirklich für das zu nehmen, wofür sie erscheinen wollen, liess Lucinden in den Vordergrund treten und fand es vollkommen in der Ordnung, dass Gräfin Paula sogleich von ihr auf die Ueberraschung durch ihre ehemalige Gesellschafterin im ortopädischen Institut überging ... Sie selbst beobachtete die Mienen Bonaventura's ...
Sie sind es, Lucinde! sprach Paula, Lucinden die Hand reichend ... Erst so wenig Jahre getrennt und eine Ewigkeit ist's ... Meine Tante Benigna von Ubbelohde das! ... Meine Freundin Armgart von Hülleshoven ...
So stellte Paula mit der mildesten Miene die nächsten vor und erst, wie sie an Bonaventura kam, stockte die Rede ...
Bonaventura erwachte aus seinen Träumen ... Er verfärbte sich über den plötzlichen, unerwarteten Anblick, wurde dunkelrot und verneigte sein Haupt – der ihn anredenden Frau von Sicking ...
Er sprach und sprach zu dieser und doch rief es nur in seinem inneren: Paula und Lucinde! ... War es wie Tag und Nacht, die da zusammenstanden, dann drückte nicht die bräunliche schwarzäugige Lucinde mit ihren Augenbrauen und aufgeworfenen Lippen die Nacht und Paula mit ihrem blonden Haar und rosig lichten Wangen den Tag aus – umgekehrt war's ... Paula war die träumerische Nacht, die Nordlandsmaid, die Mondpriesterin; Lucinde der Tag, die Tochter tropischer Zonen, die Sonnenjungfrau ... Dort Gefühl und Ahnung in jedem blick, gestaltungsloses Sehnen, krankhafte Gebundenheit der Sinne; hier Verstand, Wachsamkeit, Willenskraft und Beherrschung der Leidenschaften bis zur schneidenden Kälte ... Beide in Trauertracht ... Paula's Kleid ein glänzender, rauschender Atlasstoff; Lucindens ein hochgehendes, den braunen Hals verdeckendes geflammtes Moirée ... Paula's Haar niedergleitend über die Schläfe in langen Locken, im Nacken die Flechten in schwarzen Kreppbändern verloren ... Lucinde trug ihren Hut mit der Reiherfeder ... Sie gab sich so, dass die adeligen Herrschaften Mühe hatten, aus ihrer "Tournüre" heraus die "Schulmeisterstochter" zu erkennen, als die sie ihnen nun bekannt