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andern zeigte sich jener Zug der menschlichen natur, dass man sich selbst an Unangenehmes zuletzt nicht gern umsonst gewöhnt haben will. Die Tante merkte hie und da dergleichen und sagte einigen der so sonderbar erstaunenden Besucher: Es ist Ihnen wohl gar nicht einmal recht, dass wir hier im Besitze bleiben? ...

Mit dem geraubten Briefe a u f dem Herzen, im Herzen zunächst mit dem Gedanken an eine Anfrage um den Vater bei Hedemann, irrte Armgart im Schloss und liess sich ruhig die Reden gefallen, die die Tante an sie hielt und die ihr zuletzt freundlich zusprachen, ja ihr schmeichelten ...

Armgart, sagte sie fast mit Herzlichkeit, liebes Kind, ich wüsste doch gar nicht, was mir Freudigeres begegnen könnte, als gerade in diesen aufgeregten Stimmungen solch eine Beruhigung! Morgen muss ein Hochamt in sankt-Libori stattfindenMüllenhoff wird sich schon herausreissen und der Domherr ist ja daein Hochamt für diese längst ersehnte Stunde! Ich hatte ja nur diese eine Schwester! Liebte sie immer! ... Eine trostreiche Versöhnung! ... Auch Angelika Müller hat mir einen rührenden Brief aus Paris über ihre Begegnung mit Monika geschrieben! ... Monika war immer ein seltenes Wesen! Zu jeder Zeit! Ich glaube, ich kann sie nicht mehr von meinem Herzen lassen! Ja und wie freu' ich mich auch dieses Besuchs um Terschka's willen ... Der arme muss in der Tat vernichtet sein! ... Er verehrt deine Mutter ... Das wird ihn emporrichten! ...

Die Tante lachte wie schadenfroh und war ganz ironisch gegen Terschka gestimmt ...

Ein Tag war es dann, an sich so hold, an sich so freundlich, so hellsonnig, so ganz gemacht zum Empfang von Glückwünschen, die von allen Seiten kamen ... Sogar die Leidenden wurden heute von der Treppe entfernt, um all die vornehmen Besuche durchzulassen ... Durch das Begräbniss des Landrats liess sich in dieser Sphäre natürlich Niemand stören ...

Um elf erschien Paula in den Vorderzimmern, nachdem sie ihr tägliches Amt verrichtet, beim Frühgebet die Kissen zu segnen, mit denen sie heilte ... Aber sie sagte:

Meine Kraft ist hin! Diese Mittel helfen nicht mehr! ...

Man sprach ihr Mut und Fassung ein ...

Nein, erwiderte sie, ich bete auch nicht mehr so, wie sonst! Ich habe die Andacht verloren ...

Schon kamen die Advocaten aus Witoborn ... sowohl der, der gegen Nück processirt hatte, wie der, der Nück's bisheriger Bevollmächtigter war ... Andere, die an den Angelegenheiten des Hauses beteiligt waren ... Ein für den Grafen Hugo stehender Justizrat war der Frommsten einer und beugte sich tief der Urkunde, die ein Gebot der Kirche entielt ... "Der Brand ist hochverdächtig! Die Zerstörung des Archivs hat die Veranlassung gegeben, das falsche Document an einen Platz zu legen, wo man ja hundertmal es schon hätte finden müssen!" Diese Worte sprachallein Benno und doch auch nur bei sorgfältig beobachteten Türen in Gegenwart Bonaventura's, der ihn in aller Frühe in Hedemann's Häuschen besucht hatte ...

Benno erfuhr jetzt von seinem in Rührung vor ihm stehenden, mit seltsamer Prüfung ihn betrachtenden Freunde mehr und mehr ...

Bonaventura gestand ihm, was er dachte; gestand ihm, er wisse aus einer beichte, dass irgendwo, den Ort kenne er nicht, ein Verbrechen dieser Art, wie nun vielleicht in Westerhof stattgefunden, im Werke gewesen ... Bickert, der noch lebte, durfte nicht genannt werden; Hammakern nannte Bonaventura ...

Benno ging im Zimmer auf und nieder und rief:

Ich sage mich von Nück los! Noch heute reis' ich zurück! Ein Schurke ist's! Ich kündige ihm meine Stellung undich sag' es ihm warum! ...

Nimmermehr! entgegnete Bonaventura. Wie wäre das möglich! Wie kann man gegen die Ehre und Würde des Hauses der Dorstes auftreten! ...

Terschka wird es doch tun müssen! ...

Terschka! ... sprach Bonaventura zögernd ...

Die Advocaten des Grafen Hugo in Wien – ...

Was werden sie beweisen können! Und ändert sich denn auch so viel? Man wird in Paula drängen, baldbald zu vollziehen, was schon lange für diesen Falldie Convenienz anrät ...

Tiebold, der vom Begräbniss des Landrats kam und mit den Rüstungen zur Abreise drängte, störte den vollen Erguss der wehmütigen und gegenseitig auch gar wohlverstandenen Empfindungen ...

Und wenn auch alles sich ausgeklagt hätte, was doch vergebens nach Worten rang, welcher Rest blieb nicht noch im Herzen Bonaventura's – beim Hinblick auf den trauernden Freund selbst! ......

Als von Armgart die Rede kam, von Terschka's Werbung um sie, erwiderte Bonaventura festen Tones und mit sicherer Bestimmteit:

Darüber geb' ich Beruhigung ... Hier sehe' ich bisjetzt nur das Unmögliche ...

Beide staunten des so entschiedenen Worts ... Nach Terschka's durch die Entdeckung der Urkunde veränderter Stellung aber konnten beide diese dunkle Antwort zuletzt in der Ordnung finden ...

Auch die Erwähnung Lucindens war nicht ausgeblieben und Benno betonte ihre Bekanntschaft mit Nück, ihre auffallende Hierherkunft, ihre, wie Benno und Tiebold versicherten, nun auch