an ihre älteren und besonders an die Zeit, wo sie ihnen so gewaltsam vorentalten wurde, aufgetrieben hatte ... Der alte Tübbicke hatte ihr den Versteck im Laboratorium, die Krankheit der Mutter, das Ergrauen ihrer Haare erzählt ... Der alte Oberförster lobte jeden Soldaten, der sich im Frieden nicht gefalle und es mache wie Herr Ulrich von Hülleshoven und Hedemann, die in fremde Dienste und Länder gegangen wären ... Was nur unterhaltend, abenteuerlich, bedeutsam im Leben war, knüpfte sich für Armgart an die älteren ... Ihre Liebe zu ihnen wurde ihr wie ein angewöhntes Sprichwort, das man aus Laune und gerade zum Trotz in Gegenwart von Menschen, die sich aus Gründen, die uns nicht überzeugen können, darüber ärgern, nicht ablegt ...
Wie dann die Religion auf Armgart wirkte, wissen wir ... Die Religion war ihr wie dem Volk und wie im Mittelalter der ganzen Bildung der Anhalt alles Heroischen und Grossen ... Man führte im Mittelalter die Vorgänge des Evangeliums auf öffentlicher Bühne auf, um zu zeigen, dass Tyrannen, wie Herodes, vor Gott nicht bestünden ... Was wollten denn nun diese bösen Philipps und Ludwigs von Frankreich gegen die vom Christentum berechtigten Augenspiegel beginnen? ... "Hauspapen", Französinnen aus klösterlicher Region legten den Grund der Bildung Armgart's ... Das Pensionat in Lindenwert hatte nur auszubessern, ohne dass man dabei an besonders Neues ging ... Armgart lernte etwas zeichnen aus sich selbst ... Nie, dass sie dafür zur Ermunterung kam; nie, dass sie angefeuert wurde, einen Wert auf sich zu legen ... Sie war so anmutig, so hold und lieblich – aber das war ja ihre Schuldigkeit – Himmel! Wie würde sie "gestanden" haben bei ihrer ohnehin so "schiefen Stellung", wenn sie nun gar noch hässlich gewesen wäre! ... So warm und innig, wie Benno mit ihr sprach, so schwärmerisch wie Tiebold, das war alles nicht die Fortsetzung dessen, worauf sie im Leben früh angewiesen war ... Euere Liebe, ihr jungen Mädchen, ist nur das stündliche Eintreffen einer sechszehnjährigen Prophezeiung, die Folge des stündlichen Erwartens einer verheissenen Huldigung! ... Seht nur die blasse Klavierspielerin, wie sie ermattet am Fenster sitzt und hinter den Blumen die Vorübergehenden mustert und berechnet: Der da mit dem goldnen Knopf am Spazierstock und dem Bärtchen geht heute schon zum dritten Mal vorüber – gilt das dir? Und galt es ihr, so lässt sie auch gleich das Leben für ihn. Sie sagt das wenigstens den älteren. Werden die Annäherungen des jungen Manns von diesen nicht gewünscht, so verfällt sie in einen Zustand "unglücklicher Liebe", der ein halbes Jahr dauert und mit dem ersten Winterball endet.
In Lindenwert machte es Armgart, wie sonst in Westerhof; sie nestelte und bändelte und strickelte den ganzen Tag – für andere ... Sonst schnitzte sie den kleinen Kindern – sogar den Kindern der Bedienten Schiffchen von Borke und machte ihnen Püppchen aus Schneiderlappen, die der alte Tübbicke aus Witoborn von seinem Sohn mitbrachte ... In Lindenwert hatte sie erst da, als sie die Ankunft der älteren in jener Gegend in Erfahrung brachte, das Bedürfniss, allein zu sein oder doch nur mit Angelika ... Benno's Liebe war ihr nur das Erwerben eines besten und einzigsten Freundes und Tiebold – das war dann nur der dritte im Bund dieser grossen Verschwörung gegen die schlechten Menschen und Dinge in der Welt ... Da so sagen: In diesen treuen Seelen hab' ich zwei Menschen gefunden, die ich für mich festalten will und von denen ich den liebsten mir zum Glücklichsein wähle ... Das empfand sie nicht – Und was gab es nicht alles Wichtigeres in der Welt! ... "Sie ist kalt"! "entdeckte" eines Tages Tiebold und in der Tat, ein Kuss war ihr ein Ausdruck der Seele – Benno hätte sie beim Abschied getrost küssen dürfen ...
Ein Gelübde ist dann in der katolischen Kirche etwas Hochheiliges. Die Kirche will in diesem Auslöschen der Freiheit zunächst eine Huldigung für Gott, dann eine für sich selbst. Jede Entäusserung der freien Verfügung über späteres Ja! und Nein! des Willens soll sich treu bleiben; selbst die erkenntnis der Uebereilung, selbst die bitterste Reue soll die Erfüllung nicht hindern; denn so nur erhalte sich die Würde des Altars, dem ja die meisten Gelübde gewidmet werden, und vorzugsweise jene Regel und Ordnung im Beten und Fasten und in alledem, was dann zuletzt seine heiligste Gestalt im Klostergelübde findet ...
So blieb auch Armgart bei ihrem Wort: Die Stunde ist da, wo meine älteren auf mich Ansprüche machen! Jeder will den Vorzug meiner Liebe! Warum soll ich ihnen beiden die Hand nicht festalten und ihr Priester werden zum neugeschlossenen Bunde! ... Terschka stört diesen Bund? Nun wohl! Terschka ist – furchtbar. Er ist der Freund des Grafen Hugo und die Mutter des Grafen ist die Freundin meiner Mutter – Sie liebt ihn vielleicht nur noch in ihren geheimsten Gedanken – ich will Paula glauben, die das Gegenteil versichert – aber Terschka ist voll List. Wohin mich auch mein Gelübde führt, Terschka soll meine Mutter nie beirren – nie – nie! ... Ich ahne meinen Untergang, aber ich opfere lieber mich selbst an Terschka und nehm' ihn, wenn er mich will .