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Tante sprach kein Bedauern aus, dass der junge sonst so liebenswürdige Herr von Jonge heute und nun für immer fehlte ...

Bonaventura verliess endlich das Schloss, dessen Bewohner sich nicht sammeln konnten ...

Terschka schien zögernd mit ihm sprechen zu wollen ... Er entriss sich ihm voll Grauen ...

Wie die Nebel um ihn her aufstiegen, wie rings alles in ein undurchdringliches Dunkel sich hüllte, so umnachtet in seiner Seele schritt er dahin und fast den Weg verfehlend ...

Erst die Glocken von sankt-Libori wiesen ihm die rechte Strasse ... Sie läuteten schon seit einigen Tagen auf die kommende Fasten-, Leidens- und Osterzeit ...

Aber in seinem immer tiefer und schwerer belasteten inneren griff das Kirchenjahr schon weiter hinausschon zum Tag der Verklärung und der Himmelfahrt:

Ostern! Ostern! Dein Erwachen

Führt nur himmelwärts den Nachen

Aufwärts aus der Erde Not! –

Ach, zu tödlich ist der Tod! – –

Wer entronnen seiner Truhe,

Sucht auf Erden nicht mehr Ruhe.

22.

Von der Etikette hatte die Tante zu Terschka gesprochen ... Etikettedas ist so ein Wort, das uns in Armgart's Welt zurückführt ...

Etikette war ihr von allen Erb- und Erbsketten schon von frühster Kindheitserinnerung an eine der härtesten und grausamstenAuch im Stift wurde noch jetzt der Vorwurf des Mangels an Etikette nie anders ausgesprochen als mit jener Geringschätzung etwa, die den Mangel an sechszehn Ahnen begleitete ...

Wer das geheimnis der Liebe in einer reinen, eben vom Kind zur Jungfrau erblühten natur beobachtet hat, weiss es, dass sich die älteste aller Weltbegebenheiten im Mädchenherzen immer wie das Allerneueste wiederholt. Jede liebende Seele glaubt die Liebe zuerst erfunden zu haben ...

Die Tradition ist dann allerdings mächtig. Es gibt sechszehnjährige Oberflächlichkeiten genug, die die angeborne Nichtsbedeutung durch das schnellste Annehmen aller über Welt, Leben, auch die Liebe überlieferten Begriffe kund geben und ebenso basenhaft von der Liebe fühlen und sprechen, wie jede ihrer Tanten ...

Doch fehlen auch Erscheinungen nicht, die, wie die Schnecke ihr eigenes Haus, so sich ihre eigene Welt aus ihrem Innersten erbauen ... Erscheinungen, die erst lange, oft nach den gefahrvollsten, ja das eigene Leben bedrohenden Umwegen auf euere gemeinplätzlichen Entweder-Oders, euere "Liebe oder Hass", euer "Wille oder Zwang", euere "natur oder Unnatur" ankommen, Gegensätze, die nun einmal die geltenden sind. Sie kommen dahin oft an erst mit gebrochenem Herzen, geknicktem Genius, für immer verbrauchter Lebenskraft ...

Weiss denn wohl Armgart, was die Liebe ist? ...

Sie sollte es doch wohl empfunden haben, wie es tut, im Arm eines Mannes zu ruhen, der von glühender Neigung ergriffen ist ... Sie sollte es doch wohl wissen von damals, als sie vom Hüneneck herabstürmte und in Benno's arme sank, der sie auffing und so lange hielt, bis sie wieder den verlorenen Atem gefunden ... Sie sollte Tiebold's "Schmachten" verstanden haben und aus der Pension vollkommen wissen, wonach sich schon so früh Tausende von jungen Mädchenherzen sehnen ...

Aber sie hatte nun eben nicht den Trieb, immer allein in sich selbst zu verharren ... Schon als Kind lebte sie nur für anderesie lebte für Paula, die sie bediente, der sie half, die sie verteidigte, so klein sie war. Der Freundin war sie ein Bannerträger, wenn auch nur gegen Sonnenstrahl und Regen ... Und die Tante liess das Gefühl, dass sie auch selbst etwas war, niemals bei ihr aufkommen ... Sie wuchs auf unter Anklagen, dass sie, wie sie's nannte, überhaupt nur in der Welt wäre ... Bettina liebte als Kind den schon bejahrten Goete deshalb, weil sie in Frankfurt nur von ihm hören konnte: Der kalte, herzlose, unpatriotische, fürstendienerische Egoist! ... Armgart hörte ebenso nichts, als dass sie einen herzlosen Vater, eine herzlose Mutter hätte ... Sie hörte, dass sie eigentlich ein Leben führte, das eine Beschämung der Verwandtschaft wäre ... Sie wäre ein Wildling ... Sie sollte nur sorgen, dass man sich nicht auch noch ihrer schämen müsse ... Dem alten Grafen Joseph war sie in der Tat selten bequem ... Geduldet wurde sie in Westerhof nur durch ein stetes Gemeistert- und Gestraftwerden ... Paula schützte sie, soweit Paula Kraft und Willen hatte ... Aber mit träumerischem Herzen ging Armgart doch im Schloss wie in der Fremde und mistraute jeder Huldigung, jedem Schmeichelworte, das ihr wurde ... Bettina fand einen einzigen Freund des verketzerten Goete, die alte Mutter des Dichters ... Mit der "schwärmte" sie für ihn ... Mit der erfand sie sich eine Idealgestalt und hielt die fest ... Auch Armgart sass so auf einem Fussschemel und legte den Kopf in den Schoos einer einzigen teilnehmenden Seele und malte sich den Vater und die Mutter entgegengesetzt alledem aus, was ihr täglich von ihnen gesagt wurde ... Nur konnte Paula nicht, wie die Frau Rat, kleine Züge des Herzens von ihren so hart Angefeindeten erzählen, Erinnerungen der Kindheit, die ein Mutterherz bewahrt ... Aber Paula war doch die einzige, die zuhörte, wenn Armgart von alten Dienern und Beamten des Schlosses Erinnerungen