dies ... Sonst hörte er nichts und sah nichts, als die wahrscheinliche geschichte der Urkunde ... Er bewies an den Brüchen des Documents, wie dasselbe zwei Jahrhunderte lang an der hintern Wand eines Schubfachs hätte müssen eingeklemmt gewesen sein ... Er hatte das Siegel der Dorstes nie in so richtiger Prägung gesehen ... drei Sterne fand er wieder, die gerade Maximilian von Dorste zuerst in das Wappen des Hauses einführte ... Er bewunderte die damalige Schreibart einiger Dorfschaften, die zu den gräflichen Gütern gehörten ... Längst von ihm geahnte Ursprünge derselben sah er jetzt bewiesen ...
Paula blieb inzwischen auf dem Sopha; Armgart kniete vor ihr und barg tränenvoll ihr Haupt ...
Tante Benigna sagte halb bangend, halb von ihrem Standpunkt schon freudestrahlend:
Eine grosse Wendung! Paula – die Herrin des Ganzen! Das steht nun fest und bleibt unwiderruflich ...
Und auf ein Wort, das sie eben von den Rücksichten der Etikette beginnen wollte, trat Terschka ein, in schwarzen Kleidern, in völlig veränderter Haltung gegen sonst, bleich wie der Tod ...
Die Augen Bonaventura's wagte er nicht auszuhalten ...
Er verbeugte sich und blinzelte auf alle Umstehenden von der Seite, während er aufs neue die Urkunde ergriff ...
Wie oft hatte man sich aus Wien bereit erklärt, sich ihr unterwerfen zu wollen, falls sie gefunden werden könnte und überhaupt je ausgestellt wäre ... Es handelte sich um eine veränderte Stellung aller der fragen, die bisher Rück vertreten hatte. Es handelte sich um die weitere Erbfolge, die eine völlig verschiedene wurde, wenn sie von Paula als Herrin ausging, als wenn von der jüngern Linie. blieb Paula die Besitzerin, so hatte auch die weibliche Linie der Dorstes Erbrechte und da ergab sich auf diese Art nicht nur der berechtigtste Anteil drüben in der person des Präsidenten auf Neuhof, durch diesen in Bonaventura selbst, sondern auch für viele entfernter wohnende Angehörende ... Gerade von dieser Seite aus war schon lange und besonders durch den Kronsyndikus wie eine felsenfeste notwendigkeit die Convenienzregel hingestellt worden, dass, wenn Graf Hugo nicht mit dem Erwerb dieser grossen Güter, weil er nicht katolisch wäre, durchdränge, doch Gräfin Paula dann seine Hand annehmen m ü ss t e , um ihn und die jüngere Linie von ihrem tiefen Verfall emporzubringen ... Ein solcher Recess, wie er nun jetzt eintrat, gestattete Paula nicht die freie Disposition über ihr Eigentum; Vettern und Muhmen und Kirche und Landschaft nahmen an den Pacten einer Ehe teil und legten die mannichfachsten Beschränkungen der vollen Besitzergreifung auch für Paula auf ... Paula, die darum aber doch die reiche Erbin blieb und höchstens aus freiem Willen, aus Hinopferung ihrer Hand etwas für die jüngere Linie tun konnte – für den Grafen Hugo, den Luteraner, den Freund Angiolina's – den Freund des Freifräuleins von Wittekind, der Schwester Benno's! – Paula erhielt an die Freiheit ihres Willens Berufungen, denen wenigstens jetzt ihre Kraft nicht gewachsen war ... Alles das übersah Bonaventura voll Schrecken und Wehmut ...
Terschka erklärte mit scheinbarer Ruhe und mit einer den Onkel und die Tante wohltuend berührenden Mässigung nur seine Ueberraschung zu diesem Schicksalsschlage ... Seinen unbedingten Glauben an die Urkunde verweigerte er nicht ...
Er erwähnte die Anstalten, die er getroffen hätte, sofort durch einen Courier nach Wien die neue Wendung wissen zu lassen, die man jedenfalls – er verbeugte sich gegen Paula – hoch in Ehren zu halten hätte ...
In seinem inneren kämpften die Entschliessungen, die er fassen sollte ... Seine irrenden Augen suchten Armgart, die die ihrigen verbarg ...
Die Beichtworte, die Bonaventura von Hammaker und Bickert gehört hatte, lauteten auf "Feuersbrunst" und "falsche Urkunde" ... Ein Wie? ein Wo? und Wann? hatte er von keinem von beiden erfahren können ... Vielleicht hatte er in der Tat diese beiden Geständnisse in eine zu rasche Verbindung gebracht mit den Scherzreden Benno's bei jenem Abendspaziergang am Ufer des Stroms, die gelautet hatten: "Die Kunst, in alten Lettern auf Pergament zu schreiben, ist in unserer Stadt heimisch" ... Konnte er auch eine Wendung, die zunächst eine scheinbare Glückkswendung für Paula war, so ohne weiteres auf diesen seinen Verdacht hin als ein Werk des Betrugs erklären? ... Wie er Terschka lesen und lesen sah, kam ihm sogar der Gedanke: Hat wohl gar, in falscher Freundschaft für den Grafen Hugo, ein Jesuit dies Verbrechen gefördert – fördern müssen – in majorem Dei gloriam? ... Reisst man Paula mit Gewalt zu dem Mann hinüber den sie in den Schoos der Kirche führen soll und – führen wird! ... Sicherte man sich in Rom zwei Magnete zur Bekehrung: Paula – und Angiolina? ...
Paula erholte sich und ihr Auge suchte Bonaventura. Sie wollte den Rat der geliebten stimme hören ...
Den Rat – des entmannten Abälard – an Heloisen ...
Die Aufregungen des Onkels, der Tante dauerten fort ...
Benno, der bisjetzt kaum von der Tante genannt wurde, erhielt plötzlich von ihr die höchste Anerkennung und Tiebold de Jonge verschwand. Eine Neigung zum Skepticismus, die Tiebold beim Anblick des wunderbaren Fundes und beim dadurch bedingten Rückgängigwerden seines Waldankaufs verraten hatte, verdächtigte ihr Tiebold's Gemüt, sogar seine Grundsätze ... Die