ahnte ... Als sie in die allgemeine Flucht des westfälischen Hofes gerissen wurde, blieb ihr kaum darüber ein Zweifel ... Da sie die tiefere Kenntniss der ihr beistehenden Kirchenlehre nicht besass, ergriff sie Furcht, Hass, Scham, sodass sie nichts mehr vom Vergangenen besitzen mochte und in ein neues Lebensverhältniss trat, leichtsinnig genug vielleicht ... Erst hatte Max von Asselyn, der aus Spanien zurückkam, Benno als seinen Sohn mitgebracht, dann erzogen ihn die Hedemanns, dann kam er in die Dechanei ... Alles das war verabredet um des Dechanten willen, dessen Existenz von einer plötzlich streng gewordenen Censur abhing. Ein Zug der natur war es, dass sich Benno so eifrig die Sprache seiner Mutter aneignete und oft Bonaventura selbst anfeuerte, sich in ihr zu vervollkommnen ... Und neben Angiolina – neben einer zweiten Lucinde, neben einer in gewissem Sinne zweiten Rivalin Paula's – Graf Hugo liebte sie – dann noch Lucinde selbst ... Zuletzt hafteten alle seine Gedanken nur noch allein an dieser ... Gefolgt war sie ihm aufs neue ... Ewig sie sein Schatten! ... Auf Schloss Münnichhof, unter dem Schütze einer Frau von Sicking, wagte sie zu erscheinen ... Nichts fürchtete sie von Klingsohr, nichts von allem, was Bonaventura über ihr Leben aus ihrer unvergesslichen beichte wusste ... Es durchbebte ihn, gedachte er dieser Fessel seines ganzen Lebens ... Das war sie und das blieb sie und – zum Hasse, zum glühenden Hasse Lucindens konnte er sich nicht einmal erheben ... Nur fliehen musste er sie ... Wer weiss, ob sie nicht rücksichtslos auf Schloss Westerhof erschien, Paula sich vorstellte und die Schmerzen, die sonst die Leidende in ihrer Nähe fühlte, erneuerte ... Wie er im verschlossenen Wagen seines Stiefvaters dahinfuhr zur Ebene nieder, da war es ihm doch, als müsste Lucinde ihm nachfliegen, umschwärmt von Raben, mit einem Zauberstab auf die Brandstätte deutend als den Anfang all des Unheils, das sie ihm vorausgesagt hatte ...
Indessen – auf den Feldern lag ein so milder Sonnenschein ... Der Frühling fing an sich so mächtig zu regen ... Die Wälder in der Ferne hatten in einer Nacht einen Schein bekommen, als trieben die Bäume schon ihre verjüngenden Säfte ... heller, hoher Mittag war es ... In der Ebene musste er den Schlag öffnen, um ganz die Sonne hereinzulassen ...
Und wenn es ihm allmählich wurde, als müsste schon die Lerche seines Frühlingsliedes steigen, so war es, weil sich zuletzt doch siegreich nur noch allein Paula's Bild in milder Anmut auf sein inneres Auge senkte ... Das Gewitter in ihm verrollte ... Nur noch einzelne Schläge, nur noch das Zucken seines Auges vor einem letzten Leuchten des Blitzes – dann zogen die drohenden Geister der Luft immer ferner dahin ... Auch der innere Himmel blaute wieder und all sein Leben ruhte im blick hinüber auf Westerhof ...
Dennoch, dennoch klagten die inneren Melodieen:
Muss ich es ewig sehen! In deine Locken
Flicht doch dereinst den Kranz die fremde Hand!
Der Myrte silberweisse Blütenflocken –
Doch schimmern sie dir einst aus fernem Land!
Unsterblich los, an Sterbliche gegeben,
Dich zu umfangen für ein ganzes Leben!
O lächle nicht zu hold! Du kannst nicht wissen,
Wie Lächeln wird zu Hoffnungdämmerschein!
Wie sich das Licht entringt den Finsternissen
Und hüllt die Welt in Rosenwolken ein!
Du ahnst es nicht, wie deinem Zauberworte
Zu sel'gegen Träumen sich erschliesst die Pforte!
Es kann nicht sein! Es soll nur still verhallen!
Wie Zephyrhauch am holden Frühlingstag!
Wie in dem Strom die stillen Tropfen wallen!
Nur wie die Knospe bricht im Rosenhag! ...
Und rief's die Welt im Chor – Dennoch entsage!
In Witoborn wurde Bonaventura von dem alten Messner Tübbicke angehalten ... Dieser bat ihn aufs dringendste, erst nach sankt-Libori zu fahren, wo Norbert Müllenhoff plötzlich erkrankt war und das Bett hütete ... Eben entbot er ihm einen Vicar und vielleicht, bat er, hätte der Domherr auch die Freundlichkeit, den Pfarrherrn in seinen Functionen zu unterstützen ... Beichten, Messen, alles würde in Stocken geraten, wenn die Krankheit andauerte ...
Bonaventura musste den Umweg über sankt-Libori nehmen ... Sonntag war vor der Tür, aber nichts erschreckte ihn mehr, als die Aussicht auf Beichtören ... Er billigte als Aushülfe einen Vicar aus dem Seminar – aus demselben, aus dem einst Leo_Perl gekommen ...
An der Besitzung der Frau von Sicking brauchte er jetzt nicht, wie er gefürchtet, vorüberzufahren ...
Den Pfarrer fand er in der Tat im Fieber ... Müllenhoff behauptete, sich beim Brand erkältet und über das fräulein Benigna von Ubbelohde geärgert zu haben ... In Wahrheit aber waren nur die beiden Wiegen, die vor seiner Tür gestanden hatten, der Anlass seiner Krankheit ... Wie der Gensdarm von der Schmeling zurückgekommen war und den ganzen Hausstand derselben geschildert hatte, auch die Anwesenheit des verunglückten Dieners auf Westerhof, auch die der Finkenhofer Lene und ihrer Umstände, da legte er sich ins Bett ...
Der Geschäfte gab es für den Eiferer so viele ... Gerade war der Kirchenconvent gekommen ... Er kam, um Strafen zu verhängen, um die neue Tanzordnung