1858_Gutzkow_031_567.txt

sollte, war es, um einen Gebeugten nicht zu kränken. Wir gehören einem gemeinsamen staat an, der die gegebenen Zustände schont, ohne sich den Verbesserungen zu verschliessen. Wollte der Himmel, die notwendigkeit der letzteren würde nicht zu dringend! Verurteilen Sie mich nicht, Herr Provinzial! Ich frage Siewelch eine Institution ist allein schon unsere beichte, die die geheimsten Atemzüge bis nach Rom vernehmen lässt! ...

Ein Rauschen an der Wand verriet den Schrecken der Gattin ...

erkennen Sie darin keinen Segen? erwiderte der Provinzial mit düster zusammengezogenen Augenbrauen ...

Der Präsident beherrschte sich und fuhr fort:

Es ziemt mir nicht, Behauptungen auszusprechen, die ich nicht beweisen kann! So weit aber hat doch mein Amt mich in das innere Leben der Hierarchie einblicken lassen, dass ich vollkommen zu verstehen glaube, welche Zusammenhänge diesen Belästigungen meiner Ruhe und Ehre zum grund liegen. Sie glauben, ich würde nicht die Berechtigung der Herzogin von Amarillas, sich meine zweite Mutter zu nennen, anerkennen? Ich würde nicht meine Geschwister an mein Herz ziehen? Sie irren sich! Ich bin bereit dazu, wenn die Ehe wirklich nach bürgerlichen, allgemein gültigen, deutschen Gesetzen als richtig geschlossen gelten könnte. Sie kann dies aber nichtund ich glaube nicht daran, dass auch irgend Jemand von den Beteiligten in Wahrheit interessirt ist, dass dies geschieht ...

Nicht Angiolina, nicht Benno –? rief es in Bonaventura's inneren ...

Oder glauben Sie, Herr von Terschka, dass Sie Instructionen erhalten werden, noch eine gerichtliche Untersuchung über den Vorgang, den uns in so edler Offenheit der Dechant erzählt hat, in Angriff zu nehmen? Grell aufgedeckt, aller Welt bekannt soll dieser Vorfall werden? Was schrieben Ihnen darüberdie Jesuiten? ...

Terschka bot alle seine Verstellungskunst auf, um auf dies leicht hingeworfene, doch alle erschreckende Wort lächelnd wiederholen zu können:

Die Jesuiten! ...

Die Jesuiten! bestätigte der Präsident. Sie sind kürzlich wiederhergestellt worden. Sie sind schon mächtig genug. Aber die Macht des Ordens ist ihm noch nicht die alte. Die übrigen Orden wuchsen inzwischen in zu grosser Autorität für ihn empor. Von den frommen Vätern des heiligen Franciscus droht allerdings seinem Ehrgeiz wenig Gefahr. Ihr General, Herr Provinzial, wird den Einblick in die beichte meines Vaters verweigert haben; aber doch sind Sie angewiesen, die Bemühungen des Herrn von Terschka zu unterstützen. Ich weiss das! Bestreiten Sie es nicht! Die Dominicaner hätten es nicht getan. Sie würden Ihnen, Herr Provinzial, geschrieben haben: Lehnen Sie jeden Beistand zu Untersuchungen ab, die den Jesuiten gegenüber eine bei uns niedergelegte beichte compromittiren könnten ...

Herr Präsident! wallte der Provinzial auf und blickte auf Bonaventura, der ihm beistehen sollte ...

Ich klage Sie ja nicht an, Herr Provinzial! fuhr der Präsident fort und strich sich seine dünnen grauen Haare, als hätte er das Gefühl, wie sie sich unter seiner zunehmenden Erregung aufsträubten ... Ich sage nicht, dass Sie heute überhaupt schon zu Herrn von Terschka's Beginnen ein Ja oder ein Nein verrieten. Sie liessen ihn einfach gewähren. Ich will Ihnen aber nur Eines sagen, was Sie überraschen soll ... In tiefstem Frieden über alles, was uns hier beunruhigt, lebt in Rom die Herzogin von Amarillas ... Ohne sorge rüstet die hochgestellte Frau sich zu einer Reise nach Wien ... Cardinal Ceccone hat sich seit Jahren an sie und ihren Umgang gewöhntOlympia, seineNichteSie kennen ja die Sage über Olympiabeherrscht die römische Welt und beherrscht ihn und die HerzoginCeccone, wie uns Männern vom Regiment wohl auf unsere alten Tage geschieht, ist der Inquisitionen und Dolche müde. Er hat das Seinige für die dreifache Krone getan. Aus F u r c h t ist er sogarAffiliirter der Jesuiten gewordenUnd doch, doch tut er dem Orden nicht genug ... Ceccone schliesst Concordate, bekämpft die Revolution, bereichert den Index der verbotenen Bücher, verdammt Philosophieen und Glaubenssysteme, selbst die, die der Mutter Kirche ergeben sind, Ceccone lässt Donner und Blitz vom Vatican selbst über die neuen Eisenbahnen rollendem General der Jesuiten ist alles das noch nicht genug. Man erwartet, dass Ceccone nach Wien geht. Die Diplomatie und Staatskunst wollen den Frieden der Kirche mit unserm land vermitteln. Aber die Jesuiten nehmen diesen Augenblick wahr. Ihnen scheint er für Deutschland, für Europa entscheidend. Jetzt oder erst in einem Jahrhundert! So wollen sie den letzten Rest von Selbständigkeit, den sich der Heilige Vater noch durch seine nächsten Organe erhält, vernichten ... Nur den Befehlen des Al Gesù soll er folgen ... Nur eine Politik, eine Diplomatie nach kirchlicher Autorität vertreten ... Erst sollen Priester, Mönche, Bischöfe sprechen, dann Staatskanzler ... So stechen sie jetzt dem Cardinal, einem alten Richter und Advocaten allerdings voller Weltlichkeit, in die Ferse durch die Drohung: Die Frau, ohne die du nicht sein kannst, die Frau, die der Deckmantel deiner zärtlichsten Fürsorge für Olympia ist, verfällt einem Schicksal, das sie und Olympia und dich selbst an den Pranger stellt; sie war die Gattin zweier zu gleicher Zeit lebender Männer! Wozu würde sich nicht Ceccone entschliessen, wenn er solche Gefahren von seiner Ehre, von der Ehre der Frauen, die er schätzt und liebt