1858_Gutzkow_031_566.txt

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Terschka hätte in der Stimmung, in die ihn die Furcht vor dem endlichen "Ablaufen seiner Stunde", jetzt die leidenschaft für Armgart versetzte, nichts getan, den Vätern der Gesellschaft Jesu zu dienen, wenn ihn nicht die ganze Umgebung des Klosters und der lauernde Hubertus mit Furcht und Schrecken erfüllt hätte ... Und Pater Maurus, als Inhaber der beichte des Kronsyndikus, die er der darin vorgekommenen Reservatfälle wegen seinem General in Rom, dem General der Franciscaner, hatte zuschicken müssen, schwieg zu allem und schon musste er Terschka mindestens für einen Affiliirten der Jesuiten halten ...

So entschloss sich dieser, an einem der nächsten Tage auf Schloss Neuhof ganz im Interesse seines Freundes des Grafen Hugo und der schönen Angiolina zu sprechen ...

Er machte die Jagd mit, umschwärmte Armgart mit seinen Huldigungen, begrüsste mit Vertraulichkeit und allen Beweisen seiner gewohnten Galanterie Lucinden, zeigte beim Brande, über den er kein Arg hatte, seinen Tateifer und kam auf Schloss Neuhof mit dem Schein einer völligen Unbefangenheit an ... Er stellte sich, wie wenn der empfangene Auftrag ihm höchst lästig wäre und er nur opponirte, um seinen Auftraggebern die unerlässliche Schuldigkeit zu tun ...

Den Präsidenten brachten aber seine Aeusserungen über die Legitimität der zweiten Ehe seines Vaters in die leidenschaftlichste Erregung ... Ueberhaupt hatte dieser die Relicten seines Vaters verwickelter gefunden, als er erwartete ... Sein Ehrgefühl litt unter dem Ruf seines Namens schon lange und vollends gereizt war er über die Sprödigkeit, mit der man ihm und seiner Gattin hier entgegenkam ... Bonaventura fand heute an seinem Stiefvater Gefallen ... Fast betroffen war er von dem innigen Händedruck, mit dem ihn dieser begrüsst hatte ... Die Anrede: Mein Sohn und Freund! war so aufrichtig betont, dass Bonaventura aufs lebendigste für ihn Partei ergriffen hätte, wäre ihm nichtder Gedanke an Benno, der nun in wirkliche und nach seiner überzeugung legitime Verwandtschaft mit ihm trat, zu bestimmend gewesen ...

Terschka sagte auf die ganze Eröffnung des Onkels Dechanten mit einer spitzen und ironischen Betonung:

Ich bewundere den Mut dieser Geständnisse! Aberdie Ehe gilt ...

Herr von Terschka! rief der Präsident voll äussersten Unwillens ...

Gewöhnen Sie sich doch an diese Vorstellung! lächelte Terschka, Sie sollten Angiolina kennen lernen! Olympia in Rom –? Nein, da ist zu viel Kälte! Lucinde Schwarz hier –? Nein, da ist der Verstand zu zergliedernd ... Ei, und ich versichere Sie, ich gönne es Angiolinen, zu erfahren, dass sie an Jahren älter ist, als wofür sie gilt ...

Das fräulein von Wittekind bezaubert ganz Wien durch ihre Reitkunst! Ich weiss es ...

Es war nur die Schuld Ihres Vaters, dass das kaum geborene Kind, dessen Alter, wie man in solchen Lagen gewohnt ist, falsch angegeben wurdeunter

Die Gaukler geriet! ergänzte der Präsident. Ich werde sorge tragen, dass an Angiolina Pötzl nachgeholt wird, was versäumt wurde! ...

Tun Sie das nicht, Herr Präsident! erwiderte Terschka ... fräulein von Wittekind entbehrt nichts, als ihren legitimen Namen ... Sonst ist ausreichend für sie gesorgt ...

Am wenigsten gönnen Sie ihr doch wohl eine solche Mutter, die man bei ihrem erscheinen in Wien mit einem Process auf Bigamie begrüssen würde! ...

Sie kennen die Herzogin von Amarillas? fragte jetzt Bonaventura, um den Eifer der Streitenden zu mildern ...

Als ich in der römischen Armee diente, sah ich sie oft und ich gestehe Ihnen gern, die Gründe nicht zu begreifen, die man haben kann, eine hochgestellte Dame mit diesen Nachforschungen zu beunruhigen – ...

Diese Gründe sollten Ihnen unbekannt sein? ...

Vollkommen! sagte Terschka und stutzte über einen wie hülfe suchenden blick, den der Präsident auf den Provinzial warf ...

Bonaventura ahnte von Seiten seines Stiefvaters einen noch heftigern Ausbruch der mühsam unterdrückten Stimmung und warf ihm einen bittenden blick zu ... Die Hauptangelegenheit, das Austauschen der vor Jahren stattgehabten Vorgänge war ja beendet; das Aussprechen der Legitimität der zweiten Ehe hing von einer Entscheidung der römischen Gewissensräte ab ... Ihn zog es nun nach Westerhof zu Paula, die nach dem schreckhaften Erlebniss dieser Tage seines Zuspruchs bedurfte ... Und Benno, Benno war auf dem Schloss ... Benno hatte die mit Terschka verabredete nochmalige Revision des Archivs, die jetzt einer neuen Anordnung gleichkam, auf heute Nachmittag anberaumt ... Wie bebte er dem ersten Grusse des Freundesnun Bruders entgegen ...

Da wir unter uns sind, lieber Sohn, begann aufs neue der Präsident, dem Bitteblick erwidernd und das "unter uns" seltsam betonend, so will ich eine Vermutung aussprechen. Ich gelte schon lange für keinen guten Katoliken ...

Als hätte der Präsident das Erschrecken seiner lauschenden Gattin gesehen, verbesserte er:

Ich kenne wenigstens meinen Ruf ... Die Regierung schenkte mir Vertrauen und ich habe als Patriot diesem Vertrauen zu entsprechen gesucht ... Das zeugnis kann ich mir geben, dass ich darum meine Religion ebenso liebe wie andere. Nur die Anmassungen der römischen Curie zu beseitigen, lag in meiner amtlichen Stellung und auch hier verfuhr ich mit überzeugung. Zum Kirchenfürsten ging ich, weil es meine Gattin wünschte. Ich habe ihm offen ins Auge sehen können. Wenn ich es nicht getan haben