... Schon war seine Gesellschaft im zweiten Zimmer ...
Sie kam leise auftretend jetzt ins dritte ...
Es war eine Dame ... die Herrin des Schlosses selbst ... die Präsidentin ...
Löb sah seine Ehre und seine Zukunft auf dem Spiel, wenn die hohe Gönnerin ihn hier ertappte ...
Die Decken waren ihm schon entglitten ...
Fast fiel die vornehme Frau über sie; sie legte sie murmelnd auf die Tische ... Sie schien hier schon orientirt zu sein ... Es war die Mutter des Domherrn – und doch so völlig eine andere ...
Löb kniete hinter dem Lehnstuhl und berechnete schaudernd, wie die Frau sich wundern würde, wenn sie seinen Hut – Gott sei Dank! – Sein Hut war in einem schloss, wo er sich so heimisch fühlen durfte, auf seinem Zimmer geblieben ...
Die Präsidentin nahm wie er an der Wand Platz und schien so vertieft in die Worte, die der Provinzial las, dass er es wagte, zwischen zwei Uebeln das geringere zu wählen: Entdeckt zu werden oder über Leo_Perl nicht völlig ins Reine zu kommen ...
Er musste letzteres vorziehen ...
So kroch er auf allen Vieren in das nächste Zimmer, richtete sich dort behutsam auf, schlich in das erste Zimmer zurück und fand jetzt, wie er erwartet hatte, einen Drücker an der Tür, die auf den Corridor führte. Ein Griff war eben erst aufgesetzt worden ...
Sanft folgte jetzt die Tür dem Druck seiner Hand und nun sah er wohl, nun fehlte der praktikable Handgriff draussen ...
Leise zog er die Tür wieder an sich und verschwand und war befreit ...
Die hellste Mittagssonne schien ...
Sie schien so frühlingsahnungsreich, so erlösend von allen Banden des Winters und des Todes, dass er von einem Traum erwacht zu sein glaubte ...
Zu dem, was ihm noch an Vervollständigung der merkwürdigsten Geheimnisse seines Lebens fehlte, legte er das Gefühl hinzu, doch lieber im Sichern zu sein, lieber unentdeckt auf Fährten, die ihn leicht aus seiner gegenwärtigen glänzenden Laufbahn entfernen konnten ... Schloss Neuhof wurde ihm zum "Schloss Avenel".
21.
Benno – Benno – mein brauner Zigeunerknabe!
Du, du also der Sohn des Kronsyndikus und dieser armen, betrogenen, bemitleidenswerten Frau –! ...
Du, der Bruder einer Angiolina, die das Schicksal in die wildesten Strudel warf und die die Gräfin von Salem-Camphausen werden kann, wenn ein ruchloses Gaukelspiel – – doch, doch nicht ganz misglückte ...
"Was du auch in diesen Tagen von mir hören dürftest, ich war schwach" – "um der Liebe willen" – hatte der Onkel geschrieben –
Nein, Onkel! Das war die Liebe nicht, deren heiligste Forderungen du nicht verstandest! Das war ein Hohn, gesprochen den Gesetzen der natur! Die natur willst du preisen? Nur in den Sinnen findest du sie! ... Onkel, Onkel, Teurer, dessen weisse Hand ich so gern küssen mochte, warum hast du uns das getan! ...
So tiefschmerzlich und zugleich hochaufjauchzend freudig rief es in Bonaventura's inneren, während auch nicht einer der Hörer die Menschlichkeit besass, zu fragen: Und was wurde denn nur aus jenem Bruder Angiolinens, der doch jetzt vielleicht siebenundzwanzig Jahre zählen müsste? ... Sind euch die Sünden des Mannes, dessen Leben so grauenvoll da aufgedeckt liegt, so schon geläufig, dass nicht Terschka, nicht der Präsident, nicht der Provinzial fragt: Wo ist das zweite Kind? Der Sohn? Was wurde aus dem? ... Hatte also Benno Recht, so oft er sprach: Alles das muss in den Beichtstühlen verborgen bleiben! ...
Terschka, der glatte, jedem ausweichende, immer lächelnde Sendbote, der jetzt vielleicht sogar das Herz einer Armgart bestrickte – wie hält er so seltsam geheimnissvoll die Fäden aller dieser Wirren in der Hand ... Er nennt vielleicht doch plötzlich Benno bei dem Namen, der ihm gebührt – Benno, dessen Ehrgefühl so krankhaft ist, wie Verdacht in der Liebe ... Nimmermehr dürfen diese Schleier gehoben werden, ohne dass Benno es will ... Nie, nie darf ihn dieser grässliche Fluch seines Daseins überraschen auf dem Boden, auf dem er lebt ... Erführ' er davon, er stürmte fort von diesem Schauplatz der Lüge, die selbst deine spätere liebende Sorgfalt, Onkel, nicht veredelte ... Furcht war es, was dich bestimmte, Benno's Ursprung zu verbergen ... Die zeiten hatten sich geändert, der Onkel wollte das Stift sankt-Zeno erhalten, wollte, musste die Pflichten eines Dechanten üben, erinnerte sich, dass er jetzt den unbescholtensten Priester zu spielen hatte ... Ohne Zweifel bat er den Bruder, der aus Spanien zurückkehrte, das Kind als sein eigenes mitzubringen – ohne Zweifel wurde deshalb selbst dem Kronsyndikus jede Spur des Knaben entzogen – Ja man gab ihn für jünger aus, als er war ... Benno ist älter, älter als du ... Daher die grössere Reife seines Verstandes ... Alles, alles bot man auf, die Nachforschungen nach seinem Ursprung unmöglich zu machen ... Immer wieder mussten sie auf jene Scene zurückführen, bei der ein jetzt in Amtswürden stehender Priester als Messner einen leichtsinnigen Juden in der ehelichen Segnung unterstützte,