der Gegend meines jetzigen Wohnorts gebürtig und seines Zeichens Rabbiner. Sein Aeusseres war ein gar stattliches. Nach Paris kam er, um in den dortigen Biblioteken talmudische Manuscripte zu lesen. Ich lernte ihn kennen und schätzen. Im geist der Zeit, der nicht mehr der Geist des Deismus, sondern ein Bestreben war, irgendwie aus dem Deismus herauszukommen, standen wir uns nahe. Frömmler waren wir natürlich am wenigsten; das Leben nahmen wir leicht – ich wenigstens gab den Lebensanschauungen eines Alcibiades nichts nach" ...
Alcibiades! wiederholte sich Löb und wusste jetzt ein höheres Wort zur Bezeichnung des Leichtsinns ...
"Wir hatten aber ein Bedürfniss des Positiven. Freilich – wir suchten es eher in Indien und an den Quellen des Ganges, als in Judäa und an den Quellen des Jordan. Leo_Perl war halb aus Scherz halb ernstaft Kabbalist, was mich als Curiosität anregte. Er sprach die meisten lebenden und mehrere tote Sprachen. Sonst war er aufgewachsen wie ein echter Rabbinerknabe in alten Büchern und mikrologischen Studien; die Welt war ihm auf dem Gebiet des Parquets und der feinern Geselligkeit fremd, jedoch seine zähe Lebenskraft, sein Witz und manche Schalkhaftigkeit halfen ihm auch dort sich zu behaupten ..."
Gott im Himmel! sagte sich Seligmann und war nicht einverstanden mit dem Worte: Zähe Lebenskraft ...
"Zugleich war Perl gefällig und interesselos, wie ein Kind ... Ihm verdank' ich nicht nur den grössten teil meiner Ausbildung, die Läuterung meiner Lebens- und Kunstansichten – sogar meine Existenz" ...
Ein Mensch! rief Seligmann schmerzbewegt ...
"Durch Perl wurde ich auf das Stift sankt-Zeno an seinem Geburtsort aufmerksam gemacht und auf dessen alte Rechte und Urkunden ... Er begleitete mich nach Deutschland und gab mir Mittel und Wege, diese einträgliche Stelle mit hülfe des Kaisers von Oesterreich aus der Säcularisation zu retten und für mich zu gewinnen. Ich habe ihm für alles das ein treues Herz bewahrt und meine Schuld ist es nicht, wenn ich zu den vielen Erinnerungen an ihn nicht auch noch die an äussere Beweise meiner Dankbarkeit fügen kann. Plötzlich zog er sich von uns allen zurück ... Trotzdem, dass er infolge unsers Leichtsinns Christ wurde"
Löb sass wieder zusammengekauert wie ein Jäger auf dem Schnepfenfang ...
"Leo_Perl hatte in seinem Wesen zwei unvermittelte Gegensätze. Der gewaltige Mann lebte höchst mässig, entbehrte wie ein Stoiker und dachte doch wie Epikur. Er vermied die Frauen und duldete jede Ausgelassenheit" ...
Wie Veilchen! sagte Löb ...
"Er ass trocken Brot und sprach anerkennend über die, denen nur Trüffeln mundeten" ...
Wie Veilchen! ...
"Er erklärte sich für unfähig, einen vernünftigen Satz zum Druck zu stilisiren und seine zierliche Hand schrieb doch Briefe voll Geist" ...
Wie Veilchen! ...
"Perl war der strengste Kritiker, der jemals beizende Lauge im Urteil über ein Ganzes mit der Fähigkeit verband, doch im Einzelnen die Tiefe der Absicht und die Schönheiten des Details zu erkennen" ...
Das wurde Löb zu hoch und – "beizende Lauge" führte ihn sogar zerstreuend auf Veilchen's Spitzenhandel ...
"Er tadelte in kleinen Aufsätzen ein Buch so, dass man dennoch den Verfasser lieb gewann. Alles das geschah mit so viel Bonhommie, dass man vor lachen gesund wurde, wenn man seine Scherze las" ...
Seligmann hauchte wieder für sich hin: Wie Veilchen! ...
"Ich nannte ihn den zwölften Apostel, den Christus zum Ersatz für Judas Ischariot hätte nehmen müssen. Auch versicherte er mich, sein Vorgänger Judas Ischariot wäre der unglücklichste aller Menschen auf Erden gewesen: er wisse bestimmt, er hätte Christus geliebt: er hätte ihn mehr geliebt, als Johannes; er hätte Jesus nur verraten, um ihn zur Entschiedenheit zu bewegen; er hätte sich erhängt aus Verzweiflung, weil ihn ein Werk der Freundschaft mislungen. Würde ihn Jesus, sagte Perl, drei Jahre lang um sich geduldet haben, wenn er nicht Eigenschaften an ihm erkannt hätte, die wenigstens denen der andern Apostel gleichkamen? ... So zwischen Ernst und Scherz, bald durch seine Behauptungen erschreckend, bald wieder wohltuend, konnte Leo_Perl plaudern. Wir gewissenlosen Cavaliere – immer ist es mir, als hätten wir nicht Ursache gehabt, uns der spätern Wendung seines Schicksals so zu rühmen, wie wir's zu unserer Beruhigung oft im Stillen taten" ...
Leo_Perl starb als christlicher Pfarrer in Borkenhagen ... sagte ein dumpfe stimme, die wohl Terschka's sein konnte ... Dies Wort schien auf die bindende Kraft eines geweihten Priesters berechnet zu sein ...
Vielleicht war er schon heimlich in Paris ein Christ! erwiderte der Präsident mit parodirender Ironie ...
"Leo_Perl", fuhr der Provinzial fort, "wurde von uns überredet, in den Betrug der Maldachini miteinzutreten. Ganz in der Laune, die wir an ihm kannten, griff er zum Champagnerglase und sagte lachend zu. Wir verlangten von ihm nichts Geringeres, als sich in ein Priestergewand zu hüllen und in einer entlegenen Kapelle, auf den Gütern eines der Mitverbündeten, bei nächtlicher Weile den Freiherrn von Wittekind mit Fulvia Maldachini zu trauen. Aufrichtig gesagt, ich erstaune noch jetzt über seine Zustimmung ... Ich kannte sonst die Gewissenhaftigkeit, die ihn beseelte, bei aller Leichtigkeit in der Beurteilung anderer" ...
Auch