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und als dann auch Abends von dorter klagend und fast wimmernd zwei kleine Glöcklein aus dem Tale heraufklangen, hielt sie es so nicht länger aus. Sie wagte sich über den grossen Weiher des Parkes, dessen gefiederte Bewohner schon längst die Stockwerke ihres Turms bezogen hatten, hinaus, sie wollte sich in den Zimmern des Kammerherrn zu schaffen machen und so den Vater an ihre Gegenwart erinnern.

Wie erstaunte sie aber, als sie dasselbe Gefährt, in welchem vor zweimal vierundzwanzig Stunden Heinrich Klingsohr angekommen gewesen, an der hintern Aufgangstreppe des Schlosses stehen sah und erfuhr, der Sohn des Deichgrafen wäre oben mit dem Kronsyndikus allein und niemand dürfte sie stören!

Sie traute ihrem Ohre kaum. Jetzt sah sie jedenfalls die Bestätigung erst der Unschuld des Kronsyndikus überhaupt, dann aber auch wieder, aufs neue grübelnd und die Vorgänge vergleichend, die so nahe Verwandtschaft zwischen beiden.

Von den Leuten erfuhr sie, dass die Aussichten auf Entdeckung des Mörders sich gemehrt hatten. Teils behauptete man, dass von einem Morde überhaupt nicht die Rede sein konnte, sondern nur von den Folgen eines Wortwechsels. Hatte der Deichgraf beim Streite sich gewandt und war ein gezücktes Messer (ein gezogener Hirschfänger, wagte schon niemand mehr hinzuzusetzen) so unglücklich gewesen, gerade im selben Augenblick in den Nacken zwischen die Halswirbel zu fahren, so drehte er sich noch einen Augenblick ein wenig um und "weg war er", wie Kenner versicherten. Man erzählte, dass so die Jäger mit dem Nickfänger dem Todeskampfe eines erlegten Hirsches im Nu ein Ende machen. Alle aber wussten, dass sich die Umstände, wie es hergegangen, immer mehr lichteten, seit man einem Fetzen Tuch, den sicher im Ringen das Opfer seinem Mörder vom Kleide gerissen, diese einstimmige Erklärung gab. Man wusste auch, dass der Tuchfetzen von Farbe grün gewesen. Allen stand freilich, ohne dass eine Silbe laut wurde, dabei der Kronsyndikus vor Augen, der so ängstlich vorgestern seinen grünen Jagdrock bis oben hin zugeknöpft gehabt hatte, allen war begreiflich, dass der Geruch, der sich so pestilenzialisch im schloss nach seiner Rückkehr aus der Gegend des Grundes her verbreitet hatte, nur von einem verbrannten Kleide herrühren konnte ... aber niemand verweilte dabei ersichtlich, die einzige Lisabet ausgenommen, die wie sinnlos hin- und herrannte, seitdem Stephan Lengenich aus Lüdicke nicht wiederkam.

Indem klingelte es beim Kronsyndikus aufs heftigste ... jeder glaubte, dort wäre hülfe nötig ... Lucinde bebte ... die Lisabet suchte nach Fassung ... sie schickte einen Diener, um die Befehle des gnädigen Herrn zu holen.

Nach wenig Augenblicken kam der Diener zurück ... Das Ross sollte ausgeschirrt werden!

Ausgeschirrt? war nur ein Ton, den alle zugleich sprachen. Man zerstreute sich kopfschüttelnd. Auch Lucinde zog sich zurück, dem Vorpark zu.

Wieder aber klingelte es ...

Der Diener kam aufs neue und brachte die Nachricht, man hätte Licht verlangt undzwei Flaschen Burgunder!

Jetzt wusste Lucinde nicht mehr, woran sich halten. Sie fragte nach dem Kammerherrn, von dem niemand etwas wusste, dann schwankte sie, da nach ihr nicht begehrt wurde und sie auch nicht wusste, wie sie in eine so geheime Zwiesprache eintreten sollte, ihrem Häuschen zu, jetzt sich selbst mit ihrer Jugend und Lebensunerfahrenheit bescheidend. Sie sagte sich, dass sie bei ihren Jahren alles das schon zu verstehen – "zu dumm" wäre.

Im Pavillon war es düster und gespenstisch. Der Sturm tobte, Zweige brachen. Die Mitbewohner schliefen schon. Sie glaubte immer noch, man würde sie nun wohl nach vorne rufen. Es geschah aber nicht. Es verging die zehnte Stunde. Endlich suchte sie fiebernd das Lager ...

Das Leid der Prinzessin Ilse aus dem "Liederbuch von Heine", in dem sie eine Weile gelesen, rauschte ihr noch lange im Ohr:

Es bleiben tot die toten,

Und nur das Lebendige lebt;

Und ich bin schön und blühend,

Mein lachendes herz bebt.

Und bebt mein Herz dort unten,

So klingt mein krystallenes Schloss,

Dort tanzen die fräulein und Ritter

Bilder wie vom haus im einsamen Tannenwald, Bilder vom ledernen Grossvaterstuhl und der am schnurrenden Spinnrad sitzenden Grossmutter, Bilder vom wilden Jäger und seinem Liebchen, vom Mondschein, vom Galgen, von Gretchen in ihrem Wahnsinn gaukelten um so mehr um sie her, als die Lebensschicksale der alten Stammers und einer ihnen frühgestorbenen Tochter sich trotz der Dunkelheit, die für sie auf ihnen lag, gespenstisch einmischten. Der Refrain "Dort oben auf dem schloss" blieb sich immer gleich und dazu geigte der buckelige "junge" Stammer unter ihrem Fenster und wisperten die Alten nebenan. Es war ihr, wie wenn irgendwo Hochzeit gefeiert wurde mit Gästen aus der Unterwelt.

Blanke Ritter, Frau'n und Knappen

Schwangen sich im Fackeltanz ....

Am folgenden Morgen klagten dann wieder die ihr wohl bekannten, sonst aber selten von ihr beachteten kleinen Glöcklein, die evangelischen; die grossen, die katolischen schwiegen.

Vom Doctor erfuhr Lucinde, dass er Nachts zwölf Uhr erst vom schloss abgefahren, und vom Kronsyndikus, dass er schon um fünf Uhr in der Frühe wieder vom "schönen Enckefuss" abgeholt und nach Eggena den, und sie hörte dies gern, weil es ihr anzudeuten schien, dass zwischen den Menschen, die ihr wert waren, Friede herrschte.

Auch auf Schloss Neuhof war grosse Bewegung, denn um acht Uhr sollte der Deichgraf begraben werden.

Aus