und den Galanteriedegen umschnallte. Ungeduldig, sich bei Eröffnung der Landstände zu verspäten, war er nahe daran gegen seinen Bedienten die etwaige Schärfe des Spielzeugs zu versuchen. Der Maldachini sagte man nach, sie wäre besserer Abkunft, wäre durch Umstände veranlasst gewesen, ihre stimme zu verwerten, eine stimme, die uns Deutschen mehr Entsetzen, als Bewunderung einflösste. Sie hatte, so jung und schön sie war, in ihrer Kehle eine Tiefe, die mit Proserpina bis in den Tartarus hinunterstieg. Das Teater erdröhnte zwar von Beifall, wenn sie ein: Perfido! knirschte; aber wie ein Dolch lag es neben jeder Note, die sie sang und besonders – wenn man einmal nicht applaudirte" – –
Seligmann wusste nichts von Gluck und Piccini ... Aber Norma bot Vergleichungen ... Er verstand vollkommen dieses Knirschen, namentlich beim Nichtapplaudiren ...
"Es galt für unmöglich, die Gunst der Maldachini zu gewinnen ..." las der Mönch. "Das gerade reizte den Kronsyndikus. Die Schönheit der Erscheinung, ihre Gestalt war mächtig, das geheimnis, mit dem sie sich umgab, bestrickend. Sie nahm die Huldigungen des Freiherrn von Wittekind an, namentlich seine Geschenke; dafür war aber nicht mehr sein Lohn als ein Zunicken im Teater. Sie lehnte sich an den Hof, der sie beschützte, an die grosse Zahl ihrer Verehrer. Der Kronsyndikus ertappte sich auf einer wirklichen Schwärmerei für sie. Feste bot er ihr, die sie annahm. Er liess sie zur Fastenzeit, wo die Bühne geschlossen wurde, in den Sommerferien nach Neuhof in sechsspännigen Carrossen kommen ... Sie, Herr Präsident, und Ihr Bruder waren damals in Pensionen ... Die stolze Sängerin wohnte auf Schloss Neuhof wie eine Fürstin. Nichts aber entlockte ihr eine Zärtlichkeit, nichts eine Erwiderung der Liebesbeteuerungen, die ihr, wie mich Lauscher versicherten, der Freiherr auf den Knieen machte" – –
Lauscher! ... Seligmann bebte ... Hier, diese Cabinete waren doch wohl die Orte, wo man auf Schloss Neuhof lauschen konnte ...
"Fulvia Maldachini verlangte die legitime Gemahlin des Freiherrn zu werden. Sie nannte sich eine geborne Marchesina und in der Tat, der Freiherr von Wittekind beschloss, sie zu heiraten ..."
Löb s a h fast den Eindruck dieser Worte ... S a h fast Terschka's Lächeln ...
Mit einer stimme, deren Sicherheit deutlich verriet, dass für ihn in allen diesen Mitteilungen nichts Neues lag, las der Provinzial weiter:
"Dies Heiratsproject entsprach an sich ganz dem Charakter jener Tage. Man hatte nicht im mindesten das Gefühl, dass diese Napoleonischen Zustände nur eine Episode wären. Ein völliges Aufopfern des Stolzes und Heimatgefühls trat ein. Fast wäre Ihr Vater seiner leidenschaft erlegen, wenn nicht seine Freunde dazwischengetreten wären. Freiherr von Malstatt, Graf von Dohrn, Baron von Liebetreu, die Andern – alle widersetzten wir uns. Als Fulvia kalt blieb, höhnisch die Lippen aufwarf und sich in ihren roten Gewändern, mit dem grünen Kranz auf dem kurzgeschnittenen schwarzen Tituskopf, den Dolch im Busen, wie eine junge Medea zeigte und doch bestrikkend schön, doch verheissungsvoll lächelnd wie der beginnende Frühling, da wurde zur Rettung Ihres, wie es schien, geradezu verlorenen Vaters ein Entschluss gefasst. Wir verpflichteten uns, eine Farce aufzuführen. Fulvia konnte kein anderes Wort deutsch, als soviel nötig war, kräftig zu fluchen. Sie lebte unter uns, wie im grund damals alle diese Fremden; sie lebten im eigentlichsten Sinne des Worts wie in der Verwirklichung eines Traums. So war auch ihr Deutschland nichts als Wald und Flur und Flur und Wald; nur vom Geld sah sie, dass es das allbekannte echte Silber und Gold war. Der Freiherr schlug ihr eine Ehe vor, die aus Familienrücksichten einige Jahre lang geheim bleiben müsste. Fulvia, die die grosse Stellung ihres Verehrers kannte, die von seinen mächtigen Verwandten wusste, die einsah, dass für gewisse Vermögensverhältnisse auch in Rücksicht auf die vorhandenen Söhne erster Ehe Schwierigkeiten entstehen konnten, willigte ein ... In dem Dünkel und Siegesübermut, der sie, wie damals alle diese abenteuernden Fremden, gegen jede Vorsicht blind machte, steigerte sie sich selbst zuletzt zur überzeugung, dass sie ihre allgemeine Anerkennung als Frau von Wittekind erst von spätern zeiten abhängig machen müsste ... Nun ging unser Leichtsinn so weit, dass der eine künstliche Pacten schloss mit Siegeln von Aemtern, die nirgends existirten, der andere Correspondenzen mit der Familie eröffnete, der dritte falsche Dimissorialen des Pfarrers von Schloss Neuhof brachte, die notwendigen Depense, die dem Freiherrn gestatteten, sich andernorts trauen zu lassen – kurz, wie es nur in einer Zeit möglich war, wo täglich die grössten Ereignisse sich drängten, Trone wankten, Völker in Bangen und Zagen lebten. Wir erfanden und setzten dies Abenteuer unserer 'noblen Passionen' wie eine Fastnachtsposse in Scene" ...
Löb Seligmann schauderte über den ehrwürdigen Herrn Dechanten, der einst solcher Streiche fähig gewesen ...
"In Paris hatte ich einen jungen geistvollen Gelehrten kennen gelernt, eine höchst geniale natur ... Er nannte sich Leo_Perl und war ein Jude" ...
Löb's Atemzüge wurden ihm jetzt selbst fast vernehmbar. Er musste aufstehen und zwei Schritte weiter gehen ... Dann stand er wieder still, um nichts zu versäumen, und horchte zitternd ...
"Perl war", las der Provinzial, "aus