1858_Gutzkow_031_558.txt

sein schlechtestes Werk, die 'natürliche Tochter', war gerade aus den geheimsten Falten seines Herzens geschrieben ... Warum plaudere ich das alles? Ich könnte bitter sein und es so ausführen: Unsere ganze römische Kirche ist mit der Zeit auch allein über den Einen dunkeln Abgrund der Seele gebaut, dass wir Priester nicht heiraten dürfen ..."

Der Provinzial sprach ironisch:

Der Dechant gehört der philosophischen Zeit an ...

Er will sie auch nur schildern, sagte der Präsident und beruhigte Bonaventura, der auf die Mitteilung nur der Hauptsachen aus einem Briefe drängte, der ihm in ängstlicher Weise eine krankhafte Aufregung des teuern Onkels verriet ...

"Ich schildere Ihnen die Zeit, in der unsere Sünden jung waren, die Zeit, in der ich mit dem Kronsyndikus bekannt wurde ... Es war gerade, als Goete, unser damaliger Gott, den einzigen gefunden hatte, vor dem auch er zu Staub wurde. Dies eben war Napoleon, unsere zweite Gotteit. Es war in jenem Erfurt, da, wo Goete schweigsam vor Napoleon stand, der Mann, der ewig die natur suchte, vor dem Mann, der ewig die natur floh. Ich befand mich gerade damals bei dem sogenannten 'Parterre der Könige' als ein der Diöcese Dalberg's angehörender Priester. Ihr Vater war in Erfurt erschienen als Syndikus der jungen Krone Westfalen bei den alten deutschen Ständen des Teutoburger Waldes ... Herr von Wittekind zog vor, in der Nähe der Pracht und Herrlichkeit des fremden Hoflagers zu leben. Und doch starb in Ihrem Vater trotz seines Leichtsinns ein Mann wie aus der Ritterzeit ... Die eiserne Hand, die Götz nur künstlich führte, schlug Ihr Vater natürlich. Ich habe gesehen, wie er von einer Tischplatte die Ecke abbog gleich August dem Starken von Sachsen, dem er leider nur zu sehr glich, wenn ihm auch dessen Sinn für Grösse, die stolze Haltung und Bedeutsamkeit der Gesinnung versagt waren. Ein Nimrod war's, der zuletzt in wilder Baulust den Rest von Mut austobte, der ihm vom Jagdtreiben übrig geblieben. Sein Park, sein Schloss, seine Oekonomie müssen ihm Summen gekostet haben; aber er brachte sie durch Geiz wieder ein. Die Folgen seiner gewalttätigen natur, die genug von ihm verdeckt werden mussten, liegen Ihnen jetzt offen vor, die stärkste Prüfung, die der Kindesliebe beschieden sein kann" –

Pater Maurus besass den Takt, einen Augenblick innezuhalten ...

Seligmann warf einen still beglückenden Rückblick auf seine eigene vorwurfslose Laufbahn als Garçon ...

"Der Handel mit der Fulvia Maldachini", fuhr der Mönch fort, "stammt aus jener Zeit einer wilden Philosophie, aus jener Zeit, wo auch in des sonst so strengen Napoleon Heergefolge' der alte französische Leichtsinn sich wieder regen durfte. Seine Marschälle waren früher Perrükenmacher und Kellner. Als sie auf ihren Lorbern ausruhen wollten, konnten sie nur geniessen, wie Perrükenmacher und Kellner, die das grosse los gewinnen, geniessen. Napoleon hatte Verwandte, die er, um eine neue Legitimität zu begründen, auf Trone erhob, während seine Schwestern erklärte Courtisanen, seine Brüder Champagnerreisende waren. Der Hof des Königs von Westfalen riss in seinen Strudel Männer und Frauen vom deutschesten Ursprung. Ach, wir waren tief gesunken! Und noch jetztim Vertrauenwir sind ein liebedienerisches Volk, geborne Fürstenknechte! Ich habe in Deutschland Bureaumenschen gesehen, die einem Nero und Caligula ebenso zuvorkommend würden gedient haben wie einem Antonin oder Marc Aurel ... Ihr Vater, ein junger Witwerkein Stand ist gefährlicher, als der der jungen Witwen und Witwergenoss noch einmal seine Jugendjahre. Trotz seines Amtes war er ein Händelsucher, ein Wettrenner, ein Don Juan ... Damals also besass ich am Münster von Witoborn ein Kanonikat, das ich in alter Weise von einem Vicar verwalten liess ... Ich war Priester geworden, wie andere unter die Soldaten gehen. Mein Bruder Friedrich studirte die Rechte, mein Bruder Max war ein Soldat. Als ich Priester geworden war, reiste ich in die Welt hinaus, war lange in Paris und kam nach Kassel, Erfurt und Witobornwie ein Abbé zurück. Goete, Napoleon undGrécourt waren meine Gotteiten ... Ich schloss mich meinem Landsmann, Ihrem Vater, an. Wittekind konnte so ansteckend lachen, dass man ihm gar nicht lange wegen seiner sonstigen Unarten zürnen konnte ... Wir waren ein Kreis wilder Gesellen und ich bekenne und darf es bekennen, da ich später mancherlei Unstern bestand, ich, ein Priester, ich entwarf nach Bildern aus Herculanum und Pompeji Zeichnungen, die in Kassel nicht etwa Frauen zweideutigen Rufs als lebende Bilder stellten, sondern die Gattinnen der Minister, die Töchter der Gesandten, Deutschlands ältester Adel!" ...

Eine Pause liess Löb Zeit, sich die vorhin gesehene Galerie und die Frömmigkeit des jetzigen Adels dieser Gegend in Vergleichung zu bringen ...

"Eine der gefeiertsten Tagesschönheiten", fuhr der Provinzial zu lesen fort, "war die Römerin Fulvia Maldachini. Sie war eine Sängerin in der italienischen truppe, die König Jérôme neben der deutschen und französischen hielt. Das Repertoire überwachte der Kaiser selbst aus Paris oder aus dem Hauptquartier und verfuhr darin ebenso streng, wie bei Bildung der Ministerien, des Heers und jenes Schattens von Repräsentativverfassung, dem Ihr Vater seinen 'Kronsyndikus' verdankte. Ich sehe' Ihren Vater noch, wie er die Syndikatsuniform zum ersten Mal anlegte