1858_Gutzkow_031_557.txt

Sohn, in Ihrer, Herr von Terschka, die Zeugnisse von sechs Cavalieren vor, die leider nicht mehr am Leben sind; sie haben der sogenannten Vermählung meiner Stiefmutter beigewohnt ... Dann aber bitte' ich Sie, Herr Provinzial, lesen Sie sich in die Handschrift des edlen Dechanten von sankt-Zeno Herrn von Asselyn in Kocher am Fall, meines Schwagers, wie ich ihn nennen darf, hinein und teilen Sie uns hernach diese Zuschrift mit, die ich gestern Abend auf eine Stafette, die ich vor acht Tagen nach Kocher schickte, erhalten habe ... Sie wird uns über diese Ehe und über Leo_Perl's dabei gespielte Rolle die genügende Auskunft geben ...

Löb musste aufstehen ... Es war in der Tat zu viel, was auf seine Wissbegierde einstürmte ... Ja er bedachte: Erfährt man je, dass du Zeuge dieser Familiengeheimnisse warst, so steckt man dich vielleicht ein oder macht dich ebenso unschädlich, wie einen gewissen Lauscher in den "Falschmünzern" ... Er musste seine Decken lüften, weil er in Transspiration kam ...

Nach einer Weile, in der Bonaventura ohne Zweifel voll Staunen odervoll Besorgniss der Worte seines Onkels gedachte: "Lass' aber alles das unter Priestern bleiben!" und von Terschka's Anwesenheit immer mehr beunruhigt werden musste, begann die rauhe und strenge stimme des Pater Maurus:

"Mein insonderst geehrter Herr Präsident und lieber Herr Schwager! Ich habe das alles geahnt, was nach dem tod Ihres Vaters kommen würde! Auch schon zu meinem Neffen, unserm guten Bonaventura, hab' ich mich in einer vor kurzem abgegangenen Zuschrift darüber ausgesprochen ... Es ist ein seltsamer Vorgang, auf den Sie hindeuten, und wohl verstehe' ich Ihren Schmerz, Ihre tiefe Betrübniss! Beschämungsagen Sie! Warum dies WortzuPriestern? Wir Priester der römischen Kirche sindbei solchen Dingen in – – unserm Element –" ...

Der Vorlesende stockte ...

Der Präsident sagte, wie es schien, mit Lächeln:

Sie werden hier eine Stelle finden, die Sie überschlagen dürfen! Indessen – –

Bonaventura mochte voll Besorgniss der Intoleranz des Provinzials gedenken ... Und auch Seligmann gedachte mit Schrecken des Dechanten, der so freundlich mit der Hasen-Jette verkehren konnte und nur deshalb nicht die untern Viertel am Fall zu Kocher besuchte, weil er zu sagen pflegte, "Reinlichkeit ist mein erstes Religionsdogma" ...

"Denn", fuhr jedoch der Provinzial und ohne weitern Ausdruck der Befremdung über diese Freimütigkeiten zu lesen fort, "denn unsere ganze Kirche beruht ja auf dem Natürlichen im Menschen. Wer unsere Kirche schildern will, muss vom Fleisch beginnen und im Fleisch aufhören. Die katolische Kirche erbaute Gott zu einer hülfe für die Sünder. Sie ist deshalb in allem der Gegenpol der nackten Menschheit und darum eben nur auf diesen Gegenpol errichtet. Bei den Protestanten ist die Sünde eine Unterbrechung ihres vom Geist beginnenden und im Geist endenden Lehrgebäudes; aber bei uns ist sie das alleinige Wesen desselben. Darum liebt der natürliche Mensch den Katolicismus und wieder der Katolicismus" – –

Der Provinzial stockte und murmelte wieder ...

Seligmann dachte an die Rumpelgasse und den Unterschied der Religionen ...

Lassen Sie das! Lassen Sie das! ... unterbrach der Präsident im Ton seiner andauernden Wallung ...

Doch der Mönch fuhr fort:

"Da hatte' ich beim Abschied vom Obersten von Hülleshoven den Streit über die Frage: 'Was ist unser Genius!' Monika, des Obersten Gattin, schrieb mir einst: 'Unser Genius ist der Schutzgeist gegen unsere Schwächen!' Der Oberst sagte: 'Unser Genius ist der Fahnenträger unserer Kraft!' Beide haben Recht und beide Unrecht. Sie hätten sagen müssen, wie der Genius im Menschen entsteht ... Was ist der Geniusdes Katolicismusder Genius Napoleon's – der Genius Goete's"? – ...

Wieder unterbrach der Präsident ... Wieder dachte Seligmann, wenn auch schon etwas schwieriger auffassend, an die Bereicherungen für Veilchen ...

"Napoleon war körperleidend"; fuhr Pater Maurus zu lesen fort. "Man kann leidend sein und doch sich ganz beherrschen. Die fallende Sucht aber kann man nicht beherrschen; das ist ein entsetzliches Naturgebot. Napoleon's Kammerdiener Marchand musste ihn oft einschliessen; des Kaisers Angst war: Jetzt überfällt dich dein Dämon! Napoleon's Genius war demzufolge der Geist, der ihn trieb, diesem Dämon zu entfliehen. Daher seine Unruhe, daher seine Liebe zum Frieden und doch die Unmöglichkeit, beim Frieden zu verharren, daher sein Vorwärtsdrängen, seine Art zu kämpfen, seine Auffassung über Welt und Zeit, sein Aberglaube, sein Wallensteinglaube an Ahnungen, seine Besuche bei Kartenlegerinnen, seine glühende Neigung zu Frauen und doch seine Kälte im Augenblick der LiebeNapoleon ist das Leben eines Mannes, der sich unter einem unglücklichen Naturgesetz weiss. Alles, was er tat und sprach, war auf dies Naturgesetz: Entfliehe deinem Fluch! bezogen. Goete ist nicht anders zu verstehen, als aus einem Naturgesetz. Nur bezieht sich bei Goete sein ganzes Denken und Fühlen auf ein anderes Factumer hatte einen unehelichen Sohn. Diese Möglichkeit und sittliche Gêne musste er durch sein ganzes Dasein, seine dicht- und Weltauffassung verteidigen. 'Legitim' oder 'Illegitim' – das wurde sein Grübeln und merkwürdig,