1858_Gutzkow_031_554.txt

vorgefundenen Pelzhandschuh bewaffnete, rutschte er an den Wänden entlang, immer noch in der Hoffnung, einen Drücker zu einer nicht sofort ersichtlichen andern Tür zu finden, und schon gewöhnte sich sein Auge an die Finsterniss ...

Und wirklichdie Hand fuhr jetzt auf eine Klinkeund ein neues Zimmer ging auf ...

Aberauch dies Zimmer war ohne Ausgang ... Es war von gleicher Beschaffenheit, wie das vorige ... Auch hier war alles auf Beleuchtung berechnet ... Gott meiner Väter! seufzte Löb ... Er hatte manchen vornehmen Ball, selbst Bälle bei seinen Vettern Fuld, in der Ferne beobachtet; er konnte sich denken, wie prachtvoll das sein musste, wenn hier alles von Lichtern widerstrahlte, Eis herumgegeben wurde, lachend und reizvoll dahingegossen die Schönen auf den Divans lagen, die Herren um sie her voll Bewunderung und Galanterie ... Da und dort sah er Spieltische ... Gold und Silber glänzte ihm unter den Karten entgegenAber links und rechts waren sämmtliche Drükker abgeschraubt ... Nur in der Mitte gingen die Türen auf ... So zu einem dritten Zimmer, das er gleichfalls noch öffnete ... Die Luft war dumpf und stikkig ... Hier war seit Jahren nicht gelüftet worden ... Löb wurde immer lebendigbegrabener ...

Schon schickte er sich an, seinen Weg durch die drei Verliesse zurückzunehmen und sein Heil, mit dem Risico des Verlustes seiner Kundschaft auf diesem schloss, in einem durchdringenden Hülferuf zu suchen, als er hinter der Wand, da, wo es noch in ein viertes Zimmer gehen konnte, sprechen hörte ...

Jehovah sei Dank! war sein erstes Gefühl ... Er wusste, dass schon ein lautes klopfen nun nicht mehr ohne Beistand bleiben konnte ...

Sollte er jetzt gleich an die hier ohne Zweifel wiederum befindliche Tapetentür pochen oder sich vorläufig in Ruhe verhalten? ...

Das Gespräch nebenan schwieg plötzlich ...

Leise wagte er auf den in den inneren Verbindungstüren vorhandenen, aber überall festgeschraubten Drücker den wunden Finger zu legen ...

Hier nun war die Tür verschlossen und sicher vermutete man nebenan nur eine Wand und lehnte sich sorglos an sie an und war keines Lauschers gewärtig ...

Wieder begannen die Stimmen ...

Jetzt vernahm auch Löb Worte, hörte Namen, die ihm bekannt waren ... ja die Namen "Borkenhagen" – "Himmelpfort" – "Westerhof" fielen ... Nun schienen sie Anlass zu Mitteilungen zu werden, die ihn interessirten und die vielleicht mit seinen gestrigen Erlebnissen zusammenhingen ...

Deutlich unterschied er die stimme Terschka's ... Deutlich die des Präsidenten ... Zwei andere wusste er noch nicht recht hinzubringen ... Eine davon war ihm nicht gänzlich unbekannt ...

Kämpfend mit sich, was zu tun sei, ob er rufen oder schweigen sollte, ging er noch einmal leise durch alle Zimmer zurück, suchte überall, wo ein Ausweg sein konnte, seine Befreiung, fand diese aber nicht und beredete sich, entschlossen zu sein, zu rufen, zu klopfen, durch die geheime Tapetentür mit seiner "fragwürdigen" Anwesenheit hervorzutreten in die feine Gesellschaft und ganz gehorsamst um Entschuldigung zu bitten ... In Wahrheit aber setzte er sich hin, umzuzuhören ...

Jetzt erkannte er auch die dritte stimme ... Den ehemaligen Vicar von sankt-Zeno, den Neffen des Dechanten, den Domherrn von Asselyn ... Der Vierte war ohne Zweifel der Provinzial ... Sollte er d a seinen hülfestehenden Septimenaccord einsetzen und ein so schönes Quartett stören? ...

Und es kam denn so, dass er auf einem Polstersessel dicht an der Tür verblieb ... Es kam denn so, dass er zum Horcher wurde mit und wider Willen ... Es kam denn so, dass er Dinge hörte, die ihm vor Frost die Erinnerung an den noch nicht überstandenen Februar weckten ... Es kam denn so, dass er eine der schweren Seidendamastdecken von den Tischen zog und, trotz der in ihnen befindlichen Motten, sie um sich schlang und sich einhüllte und dass er sogar noch eine zweite holte und sich wie ein Hoherpriester zu Jerusalem vorkam mit den Urim und den Tumim ... Denn die schweren Goldtroddeln hingen ihm quer über die Brust hinweg ...

Der Präsident von Wittekind sprach mit einer, wie es schien, höchst erregten und von seiner gewöhnlichen kalten Art ganz abweichenden stimme fest und bestimmt die deutlich hörbaren Worte:

Ja, Herr von Terschka! Ich war vorbereitet auf einen Bevollmächtigten, den man in dieser betrübenden Angelegenheit mir von Rom aus schicken würde! ... Hm! Hm! ... Dass es aber Sie sein würden, gesteh' ich, hätte ich nicht erwartet ...

Seligmann brauchte nur von "Rom" zu hören, um mit gespannterer Aufmerksamkeit zu folgen ...

Herr Präsident, antwortete Terschka mit seiner Löb bekannten leutseligen Harmlosigkeit, die nur zuweilen, wie Löb gleichfalls hätte bestätigen können, unter vier Augen nachdrücklich abgelegt werden konnte; Herr Präsident, bei meiner nahen Verbindung mit dem Grafen Hugo ist der Auftrag, den ich vorgestern durch den Herrn Provinzial entgegengenommen habe, nicht so auffallend ... Ich kenne ja auch selbst sehr genau das ausserordentlich liebenswürdige Mädchen, das halt so zu sagen eine Adoptivtochter des Grafen Hugo ist ...

Seligmann rüstete sich