Sphäre, in der er hier leben durfte, nach allen Richtungen hin Ehre zu machen.
20.
Das musste man aber sagen – mochte auch der Kronsyndikus die letzten Jahre seines Lebens in Geistesschwäche zugebracht haben, überall sah man die von früher her stammenden Spuren seiner rastlosen natur. Die Güter der Dorste-Camphausens waren dagegen im Verfall.
Rings um Neuhof erhoben sich stattliche Anlagen, die selbst noch aus der winterlichen Decke in ihrer Bedeutung für die Zeit des Wachsens und Blühens vielversprechend hervortraten ... Auf den Feldern, obschon sie hoch gelegen waren, bemerkte man selbst noch in den schneebedeckten Furchen die sorgfältige kultur ... Kalköfen, Ziegeleien fanden sich auch hier, doch alles in stattlicherer Erscheinung, als bei den Dorstes. Der Holzschlag in den Waldungen war nach der Regel, mit Schonung und Voraussicht auch für künftige Zeit ... Die Buschmühle, wo einst der Deichgraf gehaust, war ein Meierhof von ganz besonderer Pflege. Dass dem Deichgrafen dafür gleichfalls ein Ruhm gebührte, wurde nicht mehr viel erwähnt. Raschlebend ist unser Geschlecht oder – entschuldigt sich die Gegenwart durch die Sorgen, die auch ihr genug aufgebürdet sind? Traurige Kränze, die auf Friedhöfen Niemand mehr erneuert! Trauriger Herbst, der zwischen verrosteten Gittern Jahre lang hängen bleibt, bis der Wind zu hülfe kommt und auch mit diesem einst so blühenden Frühling die Erde düngt!
Der Park schien unverfallen ... Die Ulmen, unter deren Schatten Lucinde so oft dahingehuscht, standen hoch und auch ohne Blätter stolz und vornehm ... Die Tannenbäume gaben dem Ganzen einen Schein des Sommerlebens ... Die Pavillons verrieten Bewohner, wie sonst. Nur der Teich war noch nicht aufgetaut; das grosse Geflügelhaus sah wie ein riesiger Strohmann aus; seine Bewohner mussten gegen die Kälte geschützt werden ... Wie stattlich war das Schloss! Wie gewandt waltete schon der Erbherr! Wie sah man auf dem Hof von den Fenstern in der Frühe schon alles in Bewegung! ...
Frau von Wittekind schritt trotz der Kälte und der feuchten Luft über den Hof und konnte, resolut wie sie war, Löb von der Verlegenheit befreien, eben die nähere Bekanntschaft mit zwei wilden Neufundländern zu machen ...
Gut geschlafen, Herr Seligmann? lächelte sie ... Sie bleiben doch den Tag über hier? ... Wir haben viel zu plaudern ... Aber erst nach Tisch! ... Machen Sie sich's bequem! ... – Sie sind unser Gast! ...
"Sie sind unser Gast!" – Seit dem: "speisen Sie bei mir in Drusenheim!" das ihm im Herbst Bernhard Fuld so vielverheissend und so wenig erfüllend zugerufen, nahm Löb diese Phrase nicht mehr allzu wörtlich ... Schon wusste er auch, Frau von Wittekind war genau ... Sie liebte das Geld und verhandelte mit ihm mehr darüber, als ihr Gatte ... Löb sollte sein Urteil über noch weitere Verbesserungen der grossen Besitzungen geben und Vorschläge zu Verkäufen machen; an baarem Gelde war Mangel ... Auch in des Kronsyndikus e c h t e m Testamente standen nicht kleine Legate zu bezahlen ...
Frau von Wittekind hob sich durch ihr schwarzes Atlaskleid, in das sie sich schon in aller Frühe geworfen hatte, stattlich von den weissen Wänden des Schlosses ab ... Sie schlüpfte behend über den mit Kieselsand bestreuten Hof. Ein eigentümlicher Kopfputz von schwarzem Draht und Schmelzperlen zierte das noch schöne dunkle Haar der schlanken Frau, die gegen die gedrücktere und durch die Jahre verkümmerte Gestalt ihres Gatten sich wie eine noch jugendliche hervorhob ... Löb sollte sich erst, da Besuch erwartet wurde, auf den Nachmittag zu umständlicheren Conferenzen bereit halten ...
In den Zimmern, wo einst Lucinde und Klingsohr jene verhängnissvolle Abendstunde zubringen durften, wurde schon eine Tafel hergerichtet ... Noch waltete dabei die Lisabet, die den Makler scheu von der Seite anblickte ... Löb wusste, dass sie ihm seine Bekanntschaft mit dem Küfer nachtrug. Sie war fast eine Dame geworden ... Nur durch die Angst, die letzte Stunde ihrer hiesigen Wirksamkeit dürfte bald geschlagen haben, mochte sie heute etwas freundlicher gestimmt sein, als schon lange in ihrer Art lag ...
Löb suchte Frieden und Freundschaft mit aller Welt und plauderte sich gern aus dem Herzen heraus in die Herzen hinein ... Das Schöne und vornehme übte einen besonderen Reiz auf sein ästetisches Gemüt ... Silberne Gerätschaften, die man in die obern Zimmer trug, reizten seine Neugier nach dem Glanz, nach den Farben, dem Marmor, die oben verschwendet sein sollten ... Nur umschnoberten ihn noch die fatalen Hunde und hielten die schreckhaften Erinnerungen von gestern wach, auch die dunkeln Sagen von der Vergangenheit dieses Schlosses Neuhof ...
Erschreckt umherirrend und doch träumerisch alles bewundernd und taxirend kam Löb auf die grosse Treppe. Stufe für Stufe zählend, schlich er hinauf ...
Eine hohe Flügeltür stand mit beiden Schlägen offen ...
In diese trat er behutsam ein, seine Neugier durch Bewunderung maskirend ... Ein zuletzt vollkommen natürliches Staunen ergriff ihn über all diese Pracht ... Er hatte viele Herrenhöfe besucht; aber diese Schönheit an Stuccaturen und Malereien, an bronzirten Marmortischen, in denen man sich hätte spiegeln und rasiren können, war ihm noch nicht vorgekommen ... Reizend war eine links gehende Galerie, an den bemalten Wänden mit seidenen Divans und Glaskronen und Bronzeleuchtern