haben, wenn Ihr zu Schiff geht, nicht einen, wo immer drei auf zehn sterben ... Särge gibt's auf dem wasser nicht, das wisst Ihr ... Wer draufgeht, ins wasser! ... Ganz so nackt, ganz so kahl, wie dazumal, wisst Ihr, der tote war, dem ein Teufel seine letzte Ruhe störte ...
Bickert erhob sich starr ...
Rollt Ihr so die Augen? ... Im Mondschein hab' ich vielerlei gesehen, Löwen und Tiger ... Auch Menschen, die sie zerrissen hatten ... Aber keinen kalten toten, dessen Seele schon im Himmel ist und der neben seinem Sarge liegt, in dem ein Mensch noch nach Geld sucht! ... War denn kein heiliges Bild in der Nähe, das dazu zu sprechen anfing? ... Hayum's Taufe mag freilich nicht tief gegangen sein ... Hanne Sterz aber war leidlich fromm ... Wo steckt die wohl jetzt? ... Auch unter der Erde? ...
Bickert sah bei diesen scharf betonten und fast nach den Silben ihm zugezählten Worten empor wie zu einem Richtschwert ...
Inzwischen brachte Seligmann ein Glas Wein, das er dem Kranken anbieten wollte ... Die Kunde von dem beim Brand Verunglückten, durch Hubertus so aufopfernd Geretteten hatte sich im wirtshaus verbreitet ... Der Wagen wurde von Neugierigen umstanden ... Bickert verbarg sich in seiner Decke ...
Die Fahrt ging weiter, ohne dass Hubertus sich vollkommener mit Bickert verständigen konnte ... Bickert sah ihn wie den Boten seiner Richter an ...
Tapfer und frisch ermutigt schwang Seligmann die Peitsche ...
Hubertus geriet ins Erzählen und brachte Dinge zur Sprache, die nach allem, was von ihm erlebt worden war, wunderbar genug sein konnten ... allmählich schien Bickert darüber zur überzeugung zu kommen, dass wohl am geratensten sein würde, den guten Absichten des Alten, auf den sich sein verdüstertes Gedächtniss besann, zu vertrauen ...
Schon war es Dämmerung, als die langsam gehende Fahrt bei Borkenhagen am dortigen Pfarrhause ankam ...
Auf Löb Seligmann's Frage nach Leo_Perl erwiderte Hubertus in der Tat:
Ja, den kannt' ich! Es war ein getaufter Jude! Juden – nehmen Sie's nicht übel, Herr – Juden sind die curioseste Nation ... In Java hab' ich sie gerad gefunden, wie hier ... Brave Seelen darunter, wie Sie, Herr, wahre Samaritaner ... Aber – auch schlimme – blutdürstige sogar – – Wo sie unter sich und nach ihren eigenen Gesetzen leben, begreift man, wie sie sonst steinigen konnten, hinter Propheten herliefen, die um Wunder fragten und wenn sie auch noch soviel taten, sie ans Kreuz nageln liessen ... Das ist die alte heisse Sonne Asiens ...
Auch Löb fühlte in den Finales und bei den Chören der heroischen Opern immer etwas vom Blut der Makkabäer und gegen Bernhard Fuld hatte er an jenem Drusenheimer Sonntage wirklich im Geist nach dem Schwert gegriffen ... Doch lehnte er alle diese Ansichten über das Temperament seines volkes ab und sagte lachend:
Der Jude ist heiss, das ist wahr! Aber wie Gott der Herr ist er – ein Busch voll Feuer! Hat Einer Courage und greift zu, keiner verbrennt sich!
Bei Erwähnung des Namens Leo_Perl und des Umstandes, dass Seligmann mit diesem Priester verwandt wäre, horchte Bickert auf ... Auch ihm war dieser Name erinnerlich – als Unterschrift unter dem lateinischen Papier, das er im Sarge des alten Mevissen statt Geld gefunden und an Lucinden gegeben hatte zur Uebergabe an Bonaventura ...
Ich sagte, fuhr Hubertus fort, dass ich den Pfarrer Perl kannte ... Aber eigentlich zum kennen war der Mann nicht ... Er verrichtete sein Amt, war ein grosser Redner, celebrirte wie ein Heiliger, stattlich stand er am Tabernakel ... Aber in seine Nähe liess er Niemanden und die Leute fürchteten sich vor ihm ...
Warum ist er Christ geworden? ...
Aus Erleuchtung – denke' ich ...
Da oben hinterm Berg der Kronsyndikus und der Dechant von Asselyn in Kocher am Fall waren die Ursache seiner Erleuchtung ...
Auf den Namen "Asselyn" zuckten die Augenbrauen des Verbrechers und auch Hubertus kam von Seligmann's fragen durch die Erwähnung des Kronsyndikus ab ...
Seligmann unterbrach jedoch sein Grübeln:
Sie haben Leo_Perl nicht näher gekannt?
Nur einmal in meinem Leben hab' ich ihn gesprochen ...
Was hat er gesprochen? ...
Gesprochen hat er, um es recht zu sagen, vorher schon ein Jahr lang mit mir, aber durch Blicke ...
Durch Blicke ... Wie so Blicke? ...
Immer, wenn er mir im Feld begegnete, sah er mich mit seinen grossen schwarzen Augen an ...
Warum sah er Sie an? ...
Ich war damals Jäger gewesen und eben erst ins Kloster gegangen ... Oft war mir, wenn ich ihn grüsste, als wollt' er mit mir reden ... Dann blieb ich stehen ... Aber er ging vorüber ... Das dauerte, bis seine schwere Krankheit kam ...
Welche? ...
Die Zehrung ...
Der starke Mann die Zehrung! ...
Wenn er hustete,