sich dem Strahl einer noch immer gehenden Spritze ausgesetzt ... Er sah, staunte und schüttelte sich die Tropfen ab ... Es war ein förmlicher Einschnitt in die eine Seite des Schlosses entstanden. Links und rechts von der Brandlücke konnte man die offenen Zimmer sehen, wie nach Löb's Phantasie im Teater, wenn "Zu ebner Erde und erster Stock" gespielt wird ... Haufen von Büchern, Kisten und Kasten erinnerten ihn an die Rumpelgasse ...
Eben trugen Bediente und Arbeiter Körbe voll Schriften nach einem entlegenen Turm ... Baron von Hülleshoven und Baron von Terschka, beide hatten heute kein Auge für ihn. Sie begleiteten die Körbe und hoben auf, was ihnen entfiel ... Es waren Schriften und Documente und gewiss lateinische und französische darunter, die – "für David Lippschütz den Ankauf von Schulbüchern ersetzt" hätten ... Auch sah sich schon Löb darauf einige an; sie wurden ihm mit Verweisen aus der Hand genommen ... "Dulden ist das Erbteil meines Stammes!" lag in seinen Augen. Hatte er denn diese Bücher heimlich einstecken wollen? ... Auch fräulein Benigna war heute den Umständen entsprechend von mehr abweisendem, als zuvorkommendem Benehmen gegen den Mann der praktischen Ackerwirtschaft ... Gräfin Paula schwebte da und dort hinter den Fenstern wie ein verstörter Geist. Er hatte viel von ihren Wundern und Ferngesichten gehört und befand sich darüber, wie seinem Glauben natürlich ist, im Zustande gelinden Zweifels. Ein Gespensterglaube, der sich an das Wunderbare durch Figuren von Lehm gewöhnen soll, die durch ein Zahlengeheimniss die Befähigung erhalten, jeden Freitag mehr als menschlich Schalet zu essen, kann im Gemüt nicht besonders für das Wunderbare stimmen ...
Nur Armgart berücksichtigte ihn plötzlich und sogar mit hohem Interesse ...
Als sie ihn sah, rief sie ihn voll Schrecken an:
Ha! Haben Sie wohl Neues aus Kocher am Fall?
Mein gnädiges fräulein –!
Ist mein Vater abgereist? Vielleicht schon in Witoborn? Reden Sie doch! ...
Mein fräulein –! ...
Seligmann fand sich nicht sofort in die determinirte Frage ... Er genoss noch erst die Tatsache der Anrede als solche selbst ...
Als er sich dann in die Begebenheit gefunden, glich sein Antlitz den Gesetzestafeln, wie sie aussahen, als Moses auf den Sinai hinaufging ...
Armgart liess ihn, da sein Schweigen nur ein umständliches Vorbereiten auf das Verschleiern seines Nichtwissens wurde, ebenso schnell stehen, wie sie ihn angeredet hatte ...
Das kostete wieder einige Zeit des Besinnens und wieder einige Spritzengüsse ...
Bei alledem aber doch höchst geschmeichelt und befriedigt von einer so ehrenvollen Aufnahme carriolte er auf Witoborn zurück ... Er führte sein halbbedecktes Wägelchen selbst ... Es gehörte einem witoborner Kutscher, dem er ein ansehnliches Pfand für die richtige Behandlung des Gauls hatte hinterlassen müssen ... Löb verstand sich aber auf alles, was zum Leben des Landes gehört ... Er war die seltsamste realistische natur, die sich zum Ideal verklärte ... Sein Wissen und sein Tun erfüllt von Tatsachen der Wirklichkeit bis zum Klee und zum Dünger hinunter und doch sein Fühlen ganz Aeter ... Seligmann war kein Panteist oder Spinozist – (die Einwendung, die er einst gegen Veilchen's Panteismus gemacht hatte, lautete: "Ei Veilchen, der Geist Gottes schwebte doch ü b e r den Wassern. Und Sie sagen: Er schwebte i n ihnen?" ...) aber sein Gott blies alle Instrumente und in der Luft klang es ihm wie Sphärenmusik.
Bei Witoborn wieder angekommen, musste Löb etwas langsamer fahren, denn die Wallanlagen sind erhöht ... Wieder begegnete ihm jener Mönch, der an der Eiche sich so nützlich gemacht hatte ... Wieder grüsste er ihn aufs verbindlichste ... Für die abschrekkenden Gesichtsformen dieses resoluten Mannes hatte er kein Auge – Er dachte an Aufklärungen über Leo_Perl ... auch über den armen "Feind" von ihm – über Sebastus –
Hubertus ging eine Weile neben seinem Wagen einher und redete Löb an ... Er liess sich von der Brandstätte erzählen ... Der Verdacht über den Ursprung des Feuers haftete immer noch an dem Kohlentopf ...
Im hören und Gehen verfolgte Hubertus einen Plan ... Als Löb Seligmann in die Stadt einbiegen wollte, bat er ihn, einen Augenblick still zu halten ...
Wollen Sie einsteigen? sagte der gefällige und seinen Absichten auf diese Art so nahe kommende Mann und rückte schon zur Seite ...
Hubertus sagte, er möchte gern einen Kranken, der hier dicht in der Nähe läge – er wäre beim Brande verunglückt – ins Kloster schaffen ... er verstünde sich auf das Heilen von Brandwunden besser, als die ärzte im Spital ...
Aber ich muss auf Schloss Neuhof – entgegnete Löb, teils dem, was er schon merkte, ausweichend, teils gelegentlich auch die Orientirung über seine vornehmen Verhältnisse unterstützend ...
Das ist nur ein Umweg! – sagte Hubertus. Sie werden nicht viel um eine Stunde später ankommen ... Freilich, setzte er hinzu: Mit einem Kranken muss man langsam fahren ...
Und diese Worte kamen so vom Herzen, dass Löb schon gewonnen war. Gott soll dich segnen hundert Jahre! hörte er im Geist seine Schwester sagen ...
So stieg Hubertus schon ein und der Gaul lenkte dahin, wohin der