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. Siech und elend blickte er sie an. Vor dem Küfer, gegen den er einst falsches zeugnis abgelegt hatte, schlug er die Augen nieder. Auch auf Löb Seligmann besann er sich; er hatte ihn einst trotz seiner Verehrung vor dem Judentum in der Teorie, in der Praxis beim Zinngiesser Klingelpeter zur Tür hinausgeworfen. Bekannt war ihm, dass Seligmann die Brieftasche bei Natan, seinem Bruder, in der Rumpelgasse gefunden und von der Einlage dem Küfer Kunde gegeben hatte ...

Seligmann führte das Wort und erzählte, dass nur bisher durch Veilchen's Beredsamkeit, dann durch eine neue Haft, der Küfer in seinem Verlangen nach jenem Tuche wäre aufgehalten worden, nun aber begehre er dasselbe aufs bestimmteste von ihm. Klingsohr hatte eben die Kunde vom Tod des Kronsyndikus erhalten und gab das Tuch und liess geschehen was wollte. Er fragte nach Veilchen. Löb erzählte von ihrer Güte und Milde. Klingsohr erwiderte:

Euch Juden steht es besser an, wenn ihr dem Shylock gleicht! ... Da Stephan Lengenich! Macht damit was Ihr wollt! Auch aus mirundmeinem falschen zeugnis! ...

Dumpfe Stille in dem Kämmerlein ... Der Mönch wandte dem Besuch den rücken und streckte sich, lang wie er war, gegen die Mauer auf sein Lager ... Stephan Lengenich kannte sein Schicksal. Er sah in Klingsohr einen Gefangenen der Regierung, einen gottesfürchtig gewordenen Mann, den man verhinderte, für die Sache der Kirche zu wirken ... Ihn seines falschen Zeugnisses wegen jetzt noch zu verklagen verbot seine ganze Stimmung ... Auch würde ihn die Kunde, er hätte bei weltlichen Gerichten einen Mönch des Meineids beschuldigt, daheim um seinen Triumph gebracht haben ...

Pater, sprach er, Sie haben mir viel bitteres Leid angetan, durch das Unterschlagen dieses Tuchs vom Rock des Mörders Ihres Vaters, das ist wahrjahrelang ... Aber ichich höre, die Regierung hat Sie mit Gewalt hieher geschickt ...

Löb Seligmann zitterte vor den Wirkungen, die dies teilnehmende Wort hervorbringen konnte ...

Seligmann! ...

Herr Lengenich! ...

Sie schwören uns

Gott im Himmel! ...

In der Tat wurde eine Flucht besprochen ... Warum sollte der Küfer den Pater nicht nach Lüttich befördern helfen zu den Vätern der Gesellschaft Jesu?

Seligmann gab jede Versicherung, die Grossmut des Küfers zu ehren, aberer musste mehr erleben ... er war ausser sich, als die Verabredung getroffen wurde, dass an zwei einsamen Pappeln, die Sebastus von seinem Lager aus bezeichnete, in der Dämmerung und am Tage des Leichenbegängnisses Lengenich's Wagen stehen solltedieser war mit eigenem Fuhrwerk gekommen ... Erst als Klingsohr zu Löb sagte: Sind Sie denn feiger, als ein Mädchen? Meine Flucht war ja von Ihrerneuen Deborah veranstaltet! gab er nach ... Veilchen hatte allerdings, selbst hinterm Ofen noch, etwas vom geist der Deborah ...

Die Flucht scheiterte, wie wir wissen, an der Akustik der Krankenstube des Klosters ... Stephan Lengenich hatte seine Rede an der Eiche im Düsternbrook gehalten, hatte, wie sich an alles Erhabene so leicht der Schnörkelstrich des Lächerlichen knüpft, die Unterbrechung durch die Possen Stammer's erleben müssen, hatte die Genugtuung sowohl der Unterstützung des Mönches Hubertus, wie der ihre Falschheit entlarvenden Ohnmacht jener Lisabet, die ihn verraten, verraten um eine goldene Uhr, zu der sie schon lange mehr als eine Kette trug ... Alles Wunderbare war geschehen ... Der Zug ging vorüber ... Löb Seligmann zog den neuen Wilhelm Tell, der den Ruf des Tyrannen wenigstens noch mit Pfeilen des Wortes erlegt hatte, aus dem Gewirr des gestörten Leichenzuges ... Tangermann in Witoborn wurde nicht erst von dem grossen toten- und Weinrichter angeschmeichelt um seine Gelbsiegel, als es galt dem Gelungenen und noch Kommenden zu trinken, er stellte drei Rotsiegel als "die Sorte nicht" zurück, die ihm genügen konnte, seine Zunge zu befeuchten, während er den umstehenden Neugierigen Aufklärungen gab über sein ganzes grossartigverschlungenes Lebensschicksal ... Im Sturm und zu allen Unternehmungen fähig, fand er sich dann mit seinem Einspänner an den beiden Pappeln beim Kloster ein. Er wartete, wartete zwei Stunden auf den Flüchtigen ... Pater Sebastus kam nicht ... Er fuhr dann ab, dem Triumphzug in seine Keller entgegen ...

Löb Seligmann aber dankte Adonai, als er von diesen Beziehungen zu einem so eigentümlichen Staatsdemagogen befreit wurde, Beziehungen, in die er sich nur auf das magische Wort "Veilchen" und die Hoffnung wieder eingelassen hatte, im Kloster Himmelpfort würde er Bekanntschaften machen, von denen er etwas über Leo_Perl erfuhr ...

Selbstverständlich war es, dass er sich einige Tage später die Brandstätte in Schloss Westerhof ansah ... Er hatte mit so vielen Adeligen in diesen Tagen zu tun, dass er vom Neuesten als Augenzeuge sprechen musste ... Gerade bei einer Bekanntschaft, die er gemacht hatte, der mit dem Präsidenten von Wittekind und dessen geschäftskundiger Gattin, der Mutter des Domherrn von Asselyn, konnte ihm ein solcher autentischer Bericht die Bürgschaft eines angenehmen Eindrucks sein, falls er, wozu er Veranlassung hatte, sich gerade heute noch auf Schloss Neuhof begab ...

Mit Rührung hatte er den Arbeitern, die den Schutt aufräumten, im Wege gestanden; mit betrachtendem Schmerz hatte er