Benno war ihm eine lockerer Bekanntschaft von einem Heimatsgefühl, von einer Seelenerquickung, als sänge, da er ihn zum ersten male hier sah, sein ganzes Sein: "Ich komme aus der Normandie!" ... Ebenso elegisch betrachtete er Tiebold de Jonge ... Ebenso Hedemann; auch "unbekannterweise", aber um seines Sohnes willen, den Landrat von Enckefuss, an dem ihn seine Geldverlegenheit um so mehr rührte, als er, gelegentlich von diesem um hülfe angesprochen, bedauerte erklären zu müssen, dass er "Geschäfte dieser Art" nicht mache ... Mit Bonaventura vollends trat ihm die ganze alte Katedrale von sankt-Zeno in Kocher am Fall wie im Mondlicht entgegen; das Sterbebett der Nachbarin Lei; Treudchen und mit ihr der Blumenstrauss, den er an jenem Morgen für Veilchen gekauft hatte ... Alles das hob ihm Seele und Gemüt ...
Mit besonderer Andacht besuchte Löb das grosse Dorf Borkenhagen. Er betrachtete sich von allen Seiten jenes Pfarrhaus, wo "denn also" Leo_Perl, sein leiblicher Vetter, abgefallen vom Glauben seiner Väter, gelebt hatte und gestorben war ... Er betrachtete die Fenster, die Walleinfriedigung, den Brunnen und die Scheuer dieser wohnung mit einem so elegischen Rückblick, dass der jetzige Pfarrer das Fenster seines Studirzimmers öffnete und ihn fragte: Wünschen Sie etwas? ... Durch seine Seele zogen sich bei diesem rauhen Anruf alle Töne des Gefühls unverdienter Kränkung, die nur jemals sein angebeteter Bellini componirt hat ...
Von Veilchen wusste er über Leo_Perl so viel Wunderbares ... Perl war ein Freidenker und doch – ein Kabbalist gewesen. In Paris hatte er in alten Pergamenten studirt und trotz Voltaire eine schreckhafte Geisterwelt anerkannt. Nun erschien ihm Leo_Perl wie einer jener Rabbis, die durch gewisse Zahlenzusammenstellungen, die sie einer tönernen Figur auf die Stirn schreiben, diese lebendig machen. Eine solche Figur dient dem Zauberer, verrichtet ihm alle Geschäfte, macht das Schwierigste möglich und begehrt keinen andern Lohn dafür, als gut zu essen und zu trinken. Wischt dann ein Zufall die Zahlen von der Stirn des "Golem" oder der Rabbi vergisst eine gewisse Formel, so wird das Tonbild zum leibhaften Teufel und hat schon manchen Nachts im Bette erdrosselt. Gott – so immer kam ihm die Erinnerung an Leo_Perl! ... Das war nun da die Kirche, wo dieser, ein Jude, celebrirt hatte! Das war nun da der Friedhof, wo er begraben lag! ... Und das waren die Lehmhaufen, aus denen er sich allenfalls so einen Golem hätte bilden können! ...
Im Kloster Himmelpfort, hiess es eines Tages im wirtshaus, lebten noch Mönche, die den Pfarrer Perl näher gekannt hätten ... Mit diesem Kloster kam Löb durch einen Besuch in Verbindung. Vor noch nicht acht Tagen wurde er in Witoborn "Bei Tangermanns", durch den Küfer Stephan Lengenich überrascht. Der "Gerechtfertigte" kam wieder aus dem Gefängnisse, das er jetzt wegen seiner Beteiligung an jener Versammlung im Roland hatte als Strafe für geheime Verbindungen verbüssen müssen. Der vierschrötige, feierliche, exaltirte Mann trat in einem grossen kaffeebraunen Mantel bei ihm ein und gab sich in so fragwürdiger Schreckhaftigkeit, dass Löb Seligmann unwillkürlich an eine seiner Lieblingsopern "Zampa" und das erste Auftreten des furchtbaren Räuberhauptmanns denken musste ... Der Küfer kündigte ihm an, dass er sein Begehren nach dem Stück Tuch vom Jagdrock des Kronsyndikus (der bei seiner Ankunft noch lebte) zwar für einige Zeit durch Veilchen's Beredsamkeit hätte fallen lassen können, aber nicht für immer und am wenigsten für jetzt, wo er seit einem halben Jahr schon wieder die ganze Schwere des Unrechts dieser Welt und der Nichtrechtfertigung vor Menschen hätte erfahren müssen. Er verfluchte den Verführer Hammaker, der seinen Lohn gefunden. Er bereute den Verkauf des Blutackers in Drusenheim. Er war ganz in jener volkstümlichen Rachestimmung, die bei solchen Gelegenheiten unter weltistorischeren Bedingungen zu Masaniellos, John Hampdens und Andreas Hofers machen kann, in unserm Leben, wie es so kommt und geht, leider nur zu commandirenden Spritzenmeistern. Stephan Lengenich wollte zu näherer Auskunft über den Tuchstreifen ins Kloster zu dem Mönche Sebastus. Zitternd und doch voll hohen Interesses hörte Löb Seligmann die Proposition, ihn dortin zu begleiten. Die wildesten Racheklangfiguren aus "Fidelio" und "Lucrezia Borgia" tanzten vor seinem Ohr und Auge ...
Glücklicherweise – so kann man hier wohl sagen und da leugnete Veilchen die unmittelbare Vorsehung! – war der Kronsyndikus schon in den nächsten Tagen gestorben und Stephan Lengenich knirschte nur mit den Zähnen. Er kam, um einen Process gegen den Kronsyndikus einzuleiten. Eine festliche Einholung in die Keller der Moppes'schen Weinhandlung, wo ihm seine unterirdische Stellung verblieben war, hatte er um diesen Process verschoben. Nicht eher wollte er mit Blumen geschmückt wie Bacchus auf einem Fasse in die Keller getragen werden unter Männergesangbegleitung – der junge Moppes hatte selbst eine Cantate dazu componirt – als bis er, endlich im Besitz des Tuchstreifens, zum Landvogt gesagt: "Schliess' deine Rechnung mit dem Himmel, denn deine Uhr ist abgelaufen!" Nun war die Uhr abgelaufen ... Stephan Lengenich sprach mit Advocaten, die ihm keine Ermutigung gaben. Seine "Entlastung" konnte er nur an der Eiche selbst vollziehen ...
So besuchte denn Löb Seligmann mit ihm das Kloster Himmelpfort, um auf alle Fälle den Streifen Tuch von Klingsohr zu fordern. Beide trafen den Pater auf dem Krankenbett