incorrecten" Visionen derselben begann, fiel ihr eine seltsame Beleuchtung auf die Pracht und Herrlichkeit dieser Niederlassung, auf die Teppiche, über die sie hinschritten, auf die kleinen verwickelt angelegten Cabinete mit gotischen schwarzen Möbeln, bilderbeladenen Wänden, auf die mit rotem Sammet überzogenen Betschemel ... Die Frau ist neidisch auf Paula wegen Bonaventura! sagte sie sich ... Wo sieht sie ihn denn? Fährt sie deshalb so oft zu Müllenhoff? ...
Frau von Sicking wollte gegen Mittag nach Schloss Westerhof zur Condolenz und forderte ihren Besuch auf, sie dortin zu begleiten ...
Die eben auf einem silbernen Plateau überreichte neueste Post für Frau von Sicking gestattete Lucinden ihren Zorn und das Erglühen ihrer Wangen zu verbergen ...
Bei alledem aber, durch den ihr vom Himmel geschenkten Beistand des Laienbruders, durch – auch i h r e Zähmung des "Bruder Abtödters" doch ermutigt und auf ein günstiges Verlaufen aller dieser Gefahren hoffend, warf sie schon voll Uebermut auf ihrem Zimmer ihr Brevier hin, wie – die Schöne, die vom Ball kommt, ihren Fächer, hinter dem sie eine Eroberung machte ...
Zur Wiederbegegnung mit Bonaventura und Paula interessirte sie sogar der mit Cherubimköpfen umrahmte Spiegel ...
Sie fand aber ihr Aussehen doch noch zu angegriffen, als dass sie schon heute diese Scene wagen sollte.
19.
Auch diesen beiden aus Witoborn zurückkehrenden Damen war im Vorüberfahren ein Gruss gespendet worden aus dem von Westerhof schon wieder heimkehrenden Wägelchen jenes gewissen Mannes im blauen Mantel mit dem schwarzen Pudelkragen ...
Löb Seligmann grüsste in der allerglückseligsten Laune ...
Hatte er auch in verschiedenen Spiegeln der Gegend, die er im Lauf dieses Winters und vor dem Frühjahr nicht mehr verliess, beim Rasiren seines Barts, beim Kämmen und Ansingen seines wolligen Haares eine nicht gewöhnliche Anzahl von grauen Löckchen bemerkt; doch kamen sie nur als ein zufälliger Tribut an seine Jahre, nicht als Folge von Kummer und sorge ...
In der von so mannichfachen Aengsten und Bedrängnissen erfüllten Sphäre, die wir schildern, war er die zufriedenste, frohste, vielleicht die einzige "gesunde natur", wenn nicht am Körper doch an der Seele ...
Das Vertrauen, das ihm zuerst Terschka schenkte, das sich dann dem ganzen Adel der Gegend mitteilte, gab ihm einen Schwung, der nur von jener ihm manchmal eigenen Rührung über sich selbst gemildert wurde ...
Aber sogar diese Anwandelungen der Wehmut wie sonst beim Hinblick auf Kocher am Fall, auf den Korb der Hasen-Jette, auf die schwachen Beine David's, auf die Blüte des Ghetto, Veilchen, die unter der Geldgier seines so unpoetischen und ihm unähnlichen Bruders Natan schmachtete, kamen ihm jetzt seltener. Nur der hierortige Mangel an Opernmusik, die sonst seiner Seele ein so notwendiges Labsal war, war eine Lücke in seinem Dasein. Von der classischen Anmut der Arie: "Ha, das Gold ist nur Chimäre!" war er musikalisch tief überzeugt – die Textesworte unterschrieb er bei seinen gegenwärtigen glänzenden Einnahmen weniger – aber er musste sie sich allein trällern.
Die Eroberung dieses gewissenhaften Kenners der Ackerkrume, der Ertragsfähigkeit der Güter, der einschmeichelnden Ueberredungskünste bald beim Bauer, bald beim Edelmann verdankte Terschka dem Vormittag auf der Villa des Herrn Bernhard Fuld in Drusenheim. Er liess ihn nach Witoborn kommen und "schlachtete", wie der Kunstausdruck lautet, bereits im voraus die Güter des Grafen Hugo ein, noch ehe die Uebergabe in allen Formen erfolgt war. In Terschka hafteten aus den Lebenssphären seiner frühesten Kindheit andere Eindrücke vom Judentum, als er sie durch Löb Seligmann empfing. Heium Picard und – Löb Seligmann! ... Letzterer mit den rührendsten Gleichnissen und Sprüchen aus dem Talmud, die ihm Gewinn auf Kosten der Ehrlichkeit verboten –! Löb citirte sie zuweilen mit einer gewissen jungfräulichen Verschämteit ... "Wir haben ein Sprichwort, Herr Baron –!" Das die stehende und mit Erröten gesprochene Phrase, mit der Löb ein solches Citat aus dem Talmud anbrachte – wie einen Traum aus der Menschheit kindlichsten Tagen ...
Eine wunderbare Kunst besass Seligmann, alle Verhältnisse, in die das Leben ihm einen Einblick gestattete, – bis auf den Grund auszukosten. Selbst einen so entschieden negativen Umstand, wie den, dass Armgart von Hülleshoven damals, als er sich die Rettung der kleinen Pensionärinnen von Lindenwert vor Wassersfluten so angelegen sein liess, unter den zur Villa Dahinwatenden n i c h t anwesend war, benutzte er zur Anknüpfung einer Bekanntschaft, ja zu dem seelenvollsten Genuss, Nachgenuss der Tatsache: Also, fräulein, Sie waren damals n i c h t dabei! ... Dabei sein Auge! ... In seinem Gemüt blieb's eine Nachbetrachtung mit den schmelzendsten Accorden ... Angelika Müller, die kannte er aus der Dechanei und die hatte er damals gesprochen und demzufolge besuchte er Püttmeiern – und Grützmacher hatte einst bei Witoborn als Gensdarm gestanden und demzufolge sah er sich dessen ehemalige wohnung und Stall an und knüpfte die Bekanntschaften seiner Nachfolger an und – Also das ist ein Vetter von Ihnen? und ein einziges seelenvoll so durchempfundenes verhältnis, erleichterte es auch sein Geschäft, das eben im Couragemachen zu Veränderungen und Expropriationen gemütlich wertgewordenen Eigentums bestand, so war es das doch nicht allein, was er dabei suchte ... Benno von Asselyn, mit dem er hier oft zu tun hatte, Benno, der ihn für seine Güterschlachterei als Student aus dem Roland "geschmissen" hatte,