1858_Gutzkow_031_54.txt

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Es wurde ihr wärmer; aber die Bilder der erregten Phantasie wichen noch lange nicht ... Immer sah sie Leben und Bewegung um sich her. Jede zufällige Berührung weckte eine Vorstellung. Klingsohr's Gestalt konnte sie nicht sehen, aber hörbar blieb ihr seine stimme. Immer noch glaubte sie ihn reden zu hören und zwischendurch öffnete der Kronsyndikus die Tür und fragte: Schläfst du? ... Auch den Deichgrafen sah sie durchs Zimmer schreiten und die Ahnenbilder in den goldenen Rahmen stumm betrachten ... dann wurde die Reihe der Gestalten immer ferner, nebelhafter wurden ihre Umrisse ... Sie sah die Frau Hauptmännin Tauben morden und Mäuse fangen aus freier Hand und vor schönen Prinzessinnen knixen und sie dann in den Keller sperren, wohin sie ihnen in der Nacht Besuche machte, mit der Lampe über ihnen hinwegleuchtend und lachend, wenn eine Ratte an ihnen nagte ... gerade wie sie ihr einst getan ... Die eine Schlummernde war ihre tote Schwester; die erhob sich aber und setzte sich an ihren eigenen Nähtisch, kleine Hemden zu nähen, die wohl den beiden noch lebenden Geschwistern im Waisenhause gehören sollten ... auch diese erschienen und winkten so seltsam und so abwärts ... und die drei andern kleinen Geschwister, die am Scharlach gestorben, sah sie mit Blumen bekränzt und eine wundervolle Musik begann ... es waren die Flötentöne der Harmonica ... es war die Kirche in Eibendorf ... die Kirche der Residenz dann wieder ... das Gesangbuch der Magd im haus des Stadtamtmanns blitzte in seinem Goldschnitt und schlug sich hell auf ... sie las Warnungen, Mahnungen, unterdrückte und hier offen ausgesprochene Vorwürfe ihres Gewissens ... bis sie daran fester einschlief, aber doch immer noch in der Vorstellung, den Vater zu führen, alle die schmalen Brückenstege von Langen-Nauenheim entlang, und dem schwer dahintaumelnden kleinen Mann, der seinen Hut verloren und, mit den weissen Haaren im Winde, immer nach dem kopf griff, zuzurufen: Vater hier! Vater hier!

So war ihre letzte Erinnerung ...

Am folgenden Morgen weckte sie die Lisabet und brachte die schreckliche Kunde, dass man gestern Nacht im Düsternbrook den Deichgrafen in seinem Blute schwimmend undermordet gefunden hätte.

14.

Als Lucinde dies grauenvolle Wort hörte, sprang sie empor.

Sie verstand nicht einmal gleich, was sie hörte.

Sie wusste anfangs kaum, wo sie war.

Die Mägde hatten schon aufgeräumt und über dem gelben Plüschsammt hingen schon wieder die grauen Ueberzüge. Nur sie hatte man den erquickenden Schlaf noch geniessen lassen.

Die Lisabet wiederholte die grauenvolle Mitteilung:

Der Deichgraf ist todtgestochen! Gestern! Im Düsternbrook!

Aber der Doctor? fragte Lucinde erblassend und sich auf alles Gestrige jetzt erst besinnend.

Sie schliefen gerade, hiess es, als die Leute, die auf der Buschmühle arbeiten und den Weg über Neuhof nehmen, wenn sie nach haus wollen, die Nachricht brachten. Es war um neun Uhr.

Ermordet! wiederholte Lucinde schaudernd und sich auf das, was damit zusammenhängen konnte, besinnend ...

Abgestochen mit einem Messer, gerade wie man einen Karpfen absticht, dicht am Kiemen! fuhr die Lisabet fort. Im Regen lag er hart am Grenzstein bei der grossen Eiche. Mit dem Menschen, der's getan hat, muss er gerungen haben auf Leben und Tod!

Aber wer war es denn?

Die Lisabet wusste niemand zu nennen, erzählte aber von der Bewegung auf dem hof und in der ganzen Gegend ...

Und der Doctor?

Dem hätte man's gestern Abend sogleich gesagt. Er hätte wie versteinert gestanden, sie erst wecken wollen, dann wäre er hinuntergeschlichen in seinen Wagen, wie ein Schatten. An den Glaswänden hätte er sich wie ohnmächtig gehalten und wie er sein Antlitz drin gesehen, hätt' er sich an den Kopf geschlagen und einigemal gelacht, gelacht nämlich vor Schmerz ...

Die Lisabet erzählte, wie es auch ihr immer ginge, dass sie vor Schmerz lachen müsste und dass sie schon einmal drum einen Doctor gefragt hätte. Die ärzte wissen, was sie alles dem volk leisten sollen! Sie werden gefragt, ob sie nicht Tränke hätten, dass man gerade nur dies oder das träume, und zu manchem Arzt schon kam eine Mutter und verlangte ihrem kind etwas verschrieben, weil es so leicht "schrekke".

Von den Nerven Lucindens wissen wir schon, dass sie gegen den Schreck gestählt sind.

Was aber sagte denn nur derDoctor? fragte sie.

Der wollte Sie nur wecken, hiess es weiter, und als Sie nicht hörten, schlich er davon und in den Wagen war er und sein Gaul zog ihn fort, wir wussten selbst nicht wie. Hernach sagte Stephan, der spät aus dem Wirtshaus kam, es wäre besser gewesen, es hätte ihm eins sein Ross geführt: er hätte auf die Nacht ein Unglück haben können ... es geht schroff ab bis zur Buschmühle.

Dort fand er schon den toten Vater? fragte Lucinde kopfschüttelnd.

Stephan, fuhr die Lisabet fort, war der erste, der den Deichgrafen gefunden hat. Es fehlte ihm ein Stemmeisen. Da war's ihm doch, als ob er's im Grund hätte liegen lassen an der grossen Eiche. Nun ging er hinunter und im Schummer schon. Gleich sah er, wie da alles durcheinander lag an seinem Werkplatz. Der Stein mit dem Adler war weggeschoben