der Uebrigen nicht zurückbleibt ... Wer ihn beobachtete, konnte annehmen, dass er durch die ganze Kirche, wie dergleichen oft geschieht, in dieser Form einen Rosenkranz abbetete ...
Lucinden entdeckte er nicht ...
Schon waren rings in den Kapellen die Wunderaugenblicke der "Wandlung" vorüber, schon konnten die murmelnden Priester nahe bei ihrem: Ite, missa est! angekommen sein ...
Da fiel neben der letzten Kapelle und schon dicht wieder am Eingang sein blick durchs Fenster auf einen eben vorrollenden Wagen, dessen Kutscher eine Livree trug, die ihm als die gräflich Münnich'sche bekannt war ... Sollte er dort vielleicht eine Erkundigung einziehen? ...
Wie er im Begriff war, die Kirche zu verlassen und der düstern Vorkapelle sich zuzuwenden, begegnete ihm eine tiefverschleierte schlanke Gestalt, einen schwarzen Mantel von schwerem Pelz übergeworfen – wofür hatte die gute Wally Kattendyk nicht alles gesorgt! – den Sammetut zierte eine niederwärts gehende geschwungene Reiherfeder ... Das waren ja die Formen, die er suchte ...
Ein kurzes Zucken und Stillstehen der an ihm Vorüberschreitenden bestätigte seine Voraussetzung ...
Wohl konnte Lucinde auf den ersten blick sehen, dass die Messen bald vorüber waren ... Aber auch stille Gebete genügten für ein längeres Verweilen in der Kirche ... Sie musste es sein ... Hubertus, der sich an den mächtigen Pfeilern des mittlern schiffes hin nachschlich, bemerkte, wie sie die entlegenste Gegend der Kirche suchte, einen Seitenwinkel mit kleinen runden Fenstern, wo ein alter Taufstein stand ... Alles war in diesem kleinen Viereck dunkel und still ... Hier kniete die Angekommene nieder und zog ihr Brevier ...
Auch Hubertus warf sich drei Schritte von ihr zu Boden ...
Das Schreckliche ist geschehen! murmelte die Beterin mit offenbar zitternden Lippen vor sich hin ...
Hubertus rückte näher ...
Was wird kommen? fuhr sie mit angsterfüllter stimme fort ...
Hubertus, der sich in diese wunderliche Form der Zwiesprache nicht sofort finden konnte, erzählte das in dieser Nacht von ihm Erlebte ... Oft musste er dabei in seinem Bericht innehalten, denn bald ging ein Messner vorüber, bald ein Geistlicher, bald ein Singknabe, der von hier zum Orgelchor stieg ... Die Vorübergehenden mussten denken: Zwei Seelen das, die sich heute dem heiligen Ansgarius gewidmet haben! Denn gerade der Bekehrer der Friesen und erste Bischof von Bremen stand über ihnen ...
Bremen war freilich in minder geweihtem Sinn das Endziel der Hubertus'schen Mitteilung ...
Lucinde sagte:
geben Sie doch in diesem Fall jede Rücksicht auf die gesetz preis! Was ist denn überhaupt Strafe? Was wollen Sie der Obrigkeit ihre Sorgen erleichtern? Wenn ich Ihnen die Versicherung gebe, dass diese Brandstiftung aus dem Gehirn eines gewiss einst seiner Strafe nicht entgehenden Bösewichts entsprang, aber ehrliche Leute in Verdruss bringen kann, so glauben Sie mir's! Entfernen Sie diesen Menschen auf ewige zeiten aus dieser Gegend, ja aus unserm Weltteil! Welche Macht Sie auch über ihn gewinnen, Sie finden einen mit abergläubischer Schwäche gepaarten verstockten bösen Sinn, den Sie zu heilen und zur Besserung zu führen nur die kostbare Zeit verlieren! Seine Tat mag Gott richten! Teilweise hat er sie ja schon selbst gebüsst durch seine Beschädigung und gesühnt sogar durch Aufopferung! ...
Hubertus hörte in dieser Rede alles wieder, was er von Klingsohr über Lucindens wilde natur wusste ...
Noch machte er gegen die mächtig bestürmende Kraft ihrer Worte die Einrede:
Aber der Schurke legte Feuer an! Was war seine Absicht? Welchen Gewinn konnte er daraus ziehen?
Hinderten ihn nicht vielleicht die Umstände am Stehlen? flüsterte Lucinde. Untersuchten Sie, wo er etwas geborgen hat, was er sich aneignete? Mit diesen Forschungen wird jede Stunde mir und andern verderblich und ich schwöre Ihnen, Sie erhalten einst die Aufklärung – ich würde sie Ihnen schon jetzt geben, wenn – Sie ein Priester wären!
Der Laienbruder musste in diesem Augenblick ein Gebet murmeln. Denn die rings stehenden Bilder der Heiligen lockten auch andere Beter an ... Schon befürchtete er, dass eine daherkommende und jetzt still stehende Dame neben ihnen Platz nehmen würde ... Wie war sie zu verscheuchen? Er sah sie mit seinem Todtenkopfantlitz aus der Kapuze, die er über sich gezogen hatte, an; da erschrak sie, dass sie zurückfuhr und sich entfernte ... Es war Frau von Sicking selbst gewesen ... Sie hatte Lucindens Anwesenheit draussen vom Kutscher erfahren, der das fräulein in erster Morgenfrühe zu ihr zurückbringen sollte ... Sie erkannte den Mantel Lucindens und die Reiherfeder ... Anreden durfte sie die Betende nicht ... Der schreckhafte Mönch vertrieb sie in der Tat zu einem Altar, der den Schmerzen Mariä gewidmet war ... Sie liebte Gottes Wort in einnehmenderer Erscheinung ...
Lucinde hatte ein scharfes Auge ... Sie erkannte Frau von Sicking nur etwas von der Seite aufblikkend ... Mit bebender stimme sprach sie zum heiligen Ansgarius:
Ich lasse Sie nicht, wenn Sie mir nicht versprechen, die Gefahr noch heute zu entfernen! Diesen Menschen vor allem, so weit Sie können! Unbekümmert um seine ruchlose Tat sollen Sie ihm die Mittel zur Flucht gewähren! Ist Ihnen dieser Mensch noch vor kurzem von Wert gewesen, warum wollen Sie ihn jetzt aufgeben?
Hubertus murmelte ein Gebet, denn Lucinde mässigte sich nicht .