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sein Plan, Bickerten weiter zu entführen, von ihm zu beschleunigen war ...

Um nach Witoborn zu kommen, nahm er den Feldweg und über die Kirchhöfe hinweg ...

Auf das vergoldete Holz und Gestein, auf die welken Kränze, hier und da auf die grünen Hängetannen blickend, sagte er sich: Der Abend deines Lebens ist längst da und wie kommst du noch einmal in deinen letzten Stunden zu solchen Dingen! Längst dem Leben entrückt, kannst du vom Abenteuer nicht lassen! Sonst, unter dem milden Pater Henricus ganz nur den stillen Werken des Klosters hingegeben, regt dich jetzt dieser schroffe und gewalttätige Pater Maurus auf, lässt dich umirren wie einen verstörten Geist, treibt dich an die Bahre deines bösesten Feindes, des Kronsyndikus, nun gehst du schon mit Nachtunholden, die der Irrsinn und das Verbrechen aufscheucht! Vielleicht fliehst du wirklich noch mit Klingsohr in den hohlen Eichstamm und verbirgst dich vor den Gesetzen der weltlichen Obrigkeit und flüchtest dich in die den Franciscanern erlaubte Alcantariner Regel, die ein Heiliger stiftete, der vierzig Jahre lang nur knieend schlief, der in die speisen, wenn sie ihm zu gut dünkten, Asche warf, der der Zeitgenosse Karl's V. im Kloster St.-Just, der heiligen Terese unddes Don Quixote war! ... Sonst stand Hubertus bei jedem kind, das ihm begegnete, still und konnte mit ihm plaudern, heute hafteten seine Gedanken nur an dem Namen Lucinde, Picard, TerschkaVon diesem letzteren glitt noch alle Annäherung ab, wie Stahl vom spiegelglatten Eise ... So verloren in seinen Gedanken war er, dass er selbst den freundlichen Mann nicht sofort erkannte, der beim Austritt aus dem Wege zwischen den Kirchhöfen auf die Wallanlagen von Witoborn ihm in einem Einspänner, auf Schloss Westerhof zu vorüberjagend freundlichst nickte ... Der kleine Mann in einem blauen, am Kragen mit Pudelpelz besetzten Mantel, aus dem die weissesten Vatermörder wie Bram- und Reffsegel lugten, war Löb Seligmann, der vielgeschäftige Gütermakler, der neulich neben dem hochgemuten Küfer gestanden hatte, als dieser sein Todtengericht hielt ... Hubertus wandte sich links den Mühlen zu, die von dem Witobachgrund herüber schon mit Donnerton hörbar wurden ... Es tat ihm wohl, diese wilde Musik zu hören, die vorzugsweise durch die mittlere Mühle, ein gewaltiges an einem alten Turm gelegenes Werk, hervorgebracht wurde; unmittelbar war noch ein weitrauschendes Wehr benachbart, das gestellt und dann in andere Abzüge gelenkt werden konnte; selbst im Winter fror hier nicht die Witobach ...

Aus diesem Turm heraus kam in weissen, gleichfalls vom Brande Spuren tragenden Müllerkleidern Hedemann ...

Beide begrüssten sich, ohne sich vor dem Lärm des Wassers und der Mühle verständigen zu können ...

Hedemann sprach vom Landrat, vom Brande; aber Hubertus musste den Kopf schütteln. Mindestens dreissig Schritte weit hatten beide über schmale und glatteisende Stege hinwegzuschreiten, um eine Stelle zu gewinnen, wo sie sich verständlich machen konnten ...

Der Landrat war noch in dieser Nacht gestorben ...

Sein Diener kam vom Schloss, erzählte Hedemann, und holte ihn ab ... Dann wurde es immer schlimmer und schlimmer mit ihm ... In seiner Erschöpfung blieb er und so hat er denn die ewige Ruhe ...

Was an der Ehre nagt, geht langsam, aber es trifft ... konnte Hubertus hinzufügen nach den Verhältnissen, die er kannte ... Für Bickert und Lucinden schien ihm diese Wendung besorglich ... Wie leicht konnte nun der junge Enckefuss selbst erscheinen ...

Vom Brand erzählte Hedemann mancherlei, was zwar schon Hubertus wusste, sich aber doch berichten liess, – um alles noch nach anderer Auffassung zu hören ... Die Volksmeinung wollte sich noch immer für den in der Kapelle zurückgebliebenen Kohlentopf entscheiden ... Im Laboratorium war nichts versehrt ... Gerade dortin hatte man das Archiv geborgen bis auf einige Schränke, die verbrannt sein sollten ...

Die Glocken läuteten von allen Seiten ... Die kirchen- und altarreiche Stadt wurde zu den vielen stillen Messen gerufen, die täglich vor der einen täglichen grossen gelesen werden ...

Ins Münster musste man niederwärts steigen ... In eine alte Vorkapelle führten erst mehrere Stufen ... Hier standen Grabmäler und Standbilder aus ältester Zeit ... Dunkelbraun und schwarz und lichtlos unheimlich war alles; dem inneren des Münsters selbst fehlte nicht das Licht ... Die Fenster waren nicht bunt ... Pracht und Kunstliebe zeigte sich wenig ... Nur der Hochaltar, der fast schon in der Mitte der Kirche begann, trug Embleme Jahrhunderte alter Auszeichnungen ... Messen wurden hie und da in Seitenkapellen gelesen ...

Hubertus wandelte, an jeder dieser Kapellen sich verneigend, auf dem steinernen Estrich lautlos dahin und forschte in den Betstühlen nach einer Knieenden in schwarzen Kleidern, die er unfehlbar anzutreffen erwarten durfte ... Von den Vorgängen auf dem schloss des Grafen Münnich konnte er nichts wissen ...

Eine der Bänke zum Knieen nach der andern musterte er ... Mit dem Schein eines bloss äussern Interesses durfte er nach seinem stand nicht in dem heiligen Bau umherwandeln ... Seinen Rundgang musste er durch ein Niederknieen da und ein längeres Beten dort an den Kapellen erklärbar finden lassen ...

Den Grad seiner aufrichtigen Verehrung vor den Heiligen kennen wir nicht ... Wir sehen nur, dass er hinter der Andacht