1858_Gutzkow_031_535.txt

rückte sofort zwei Stühle herbei, legte darauf die Füsse der über und über geschwärzten abschrekkenden Gestalt im gestreiften Kittel und sank selbst, anfangs sogar sprachlos, auf einen Stuhl, den ihm die alte Frau mit Erstaunen hinschob, während die Magd schon nach der Küche lief, um Torf für den kaltgewordenen Ofen zu holen ...

Heiliger Lazarus, was ist denn dasfür ein Schornsteinfeger –? Der ist wohl verunglücktauf dem Schloss? sagte Mutter Schmeling und billigte das Erwärmen der stube auch schon in Betracht ihrer selbst ...

Hubertus machte sich, allmählich wie zu Kräften kommend, mit der Bequemlichkeit seines in Erschöpfung Liegenden zu schaffen und trat mit dem Verlangen hervor, Mutter Schmeling sollte in ihrem verschwiegenen haus ihre obern Zimmer für diesen allerdings beim Brande Verunglückten öffnen, den er anfangs nach Witoborn ins Spital hätte tragen wollen, nun aber lieber selbst verpflegen wolle ... es wäre ein Mensch übrigens, vollkommen reich genug, sie zu bezahlen ... Ein Wagen würde den Kranken jetzt zu sehr erschüttert haben ... Deshalb hätt' er lieber ihn selbst getragen ...

Ne, dat geiht nicht! Da oben? Bruder, dat geiht nicht!

Warum nicht ...?

Ihr wisst, ich habe Euch immer gern gedient, schonals Ihr noch weltlich wart! Aberdat geiht nicht!

Der Mann ist brav, seine Wunden schmerzen ihnund die Kosten

Das ist's nicht

Oben ist's bewohnt! schaltete jetzt die Magd ein ...

Frau Schmeling unterbrach die Magd und sagte:

Bewohnt oder nicht ... Wat snakt sie? ... Aber ... Ja! Ich erwarte

Wieder so einePrinzessin –?

Jaja ...

Was bringt's Euch denn ein? Ich selbst habe nichts! Der Mann da aber ist reich

Mit zweifelhafter Miene blickten beide alte Frauen auf den sich allmählich Erholenden, der die Augen aufschlug, wieder sinken liess und sich an die von einem spärlichen Lampenlicht erhellte kleine, nicht unfreundliche stube erst allmählich gewöhnte ... Die Nähe eines Mönchs musste ihn annehmen lassen, er wäre im Spital

Die weitere Verhandlung über seine im obern Stock zu bewerkstelligende Unterkunft unterbrach das Verlangen einer Erfrischung, die der Gerettete mit Aufhebung einer seiner blutig roten und an andern Stellen schwarzen hände zu begehren schien ...

Hubertus lehnte noch das Erbieten der Frauen für wasser oder Tee ab und zog aus seiner Kutte eine Korbflasche, die er dem Verschmachtenden an den Mund setzte ...

Dieser starrte die unheimliche Gestalt des Mönches an, trank ein angenehm duftendes gebranntes wasser und atmete gestärkter auf ...

Frau Schmeling! Nehmen Sie den Mann nur auf! begann Hubertus aufs neue. Er ist wohlhabend! Ein Diener vom Schloss zwar nur, aber in guten Verhältnissen! Ich habe sein Geld zu mir gesteckt! Sehen Sie da, zehn Taler! Ihr Bett und alle Ungelegenheiten, die er Ihnen macht, sollen vergütet werden! Wo kann er auch besser gepflegt werden, als bei Ihnen? Nur einen Tag! Dann sorgen wir ja schon weiter! Er will zu seinen Angehörigen! Das ist drei Meilen von hier und dahin fährt er morgen oderübermorgen! So lange wird's doch gehen? ...

Frau Schmeling fuhr mit ihrem rechten Zeigefinger sinnend hinter dem rechten Ohr hin und her, während Schneid den Mönch anstarrte, nicht begreifend, was er da alles zu vernehmen bekam ...

Für einen Tag wollte denn Frau Schmeling zuletzt wirklich einwilligen und lehnte die hohe Bezahlung ab ...

Ich erwarte nur Besuchsagte sie ...

Ja, ja! Ich weiss schon! scherzte jetzt hocherfreut Hubertus. Dann werden die Gardinen zugezogen! Bei sankt-Franz! Ich kann ihn ja schon um deswillen nicht zu lange hier liegen lassen, weil hier nächstens der Kirchenbann anklopft ...

Darüber lachte zwar erst Frau Schmeling hellauf, zankte dann aber doch über derlei Reden ...

Nun, nun! beruhigte Hubertus ... Wir Mönche beten dann desto mehr für Sie! ...

Schneid sah nur immer den Sprecher und die Frauen an und sprach ein: Diable! nach dem andern vor sich hin und verschluckte seine Gedanken vor jedem Aussprechen ...

Frau Schmeling wetterte über den Pfarrer Müllenhoff, öffnete die Tür, leuchtete voran und schloss eine zweite Tür auf, die zur Treppe in den ersten Stock führte ... Man konnte diesem auch durch eine Hühnersteige und eine geöffnete Falltür von der Küche aus beikommen ...

Hubertus bestellte heisses wasser, einen Napf mit so viel Speiseöl, als nur im haus vorrätig wäre und trug den jetzt Widerstrebenden die Stiege hinauf ...

Auf den Moment des Erschreckens und des gewaltsamen Sichloswindens, wenn Hubertus bei dieser Procedur heimlich dem von ihm Getragenen ein Wort der Erkennung zuflüstern würde, war er gefasst ...

Soyez tranquille, Jean Picard! flüsterte er ihm mitten auf der Treppe ins Ohr ...

Auf das durch dies Wort wie von einem galvanischen Schlage getroffene mächtige Aufzucken, Umsichschlagen und Sichaufrichtenwollen des Halbgelähmten hielt ihn Hubertus, wie man einen Epileptischen bändigt, Glied an Glied ...

Oben empfing sie Frau Schmeling ...

Starr, mit aufgerissenen Augenlidern, sah Bickert in die festen Augen des Mönchs ... Es war ein Bild, wie auf der Guillotine sich ein Opfer niederwerfen mag, um nicht erst