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der Welt erblickt hatte, wusste ihre Nächte zu schätzen ... Der himmlische Vater lässt seine Kinder öfter bei Nacht in dies Freuden- und Jammertal einschlüpfen als bei Tage ...

Selbst eine so grosse Begebenheit, wie der Brand auf Schloss Westerhof, brachte die alte Frau nicht aus ihrem zweistöckigen, stattlichen Häuschen, das nur ein klein, klein wenig abseits vom Wege zwischen Witoborn und Westerhof lag, zugänglich ihrer Stadtund Landpraxis, umgeben von einer gewissen geheimnissvollen Verschwiegenheit, die das Zutrauen zu ihr seit nahezu vierzig Jahren nicht wenig gemehrt hatte ...

Aber im Bett litt es die alte und etwas reizbare Frau denn doch nicht ... Schon war sie zur Ruhe gegangen, als ihr einziger Hausbewohner, eine alte Magd, sie weckte und ihr die Schreckenskunde von dem Brand in Westerhof brachte ...

Mutter Schmeling war so ergrimmt auf den Pfarrer Müllenhoff zu sankt-Libori, der ihr auf ihr fünfzigjähriges Jubiläum noch mit dem Kirchenbann hatte drohen und sie des Teufels Grossmutter nennen können, dass sie geradezu herausbrummte: Ob's denn auch wirklich auf dem Schloss wäre? Und doch nicht etwain sankt-Libori? ... Ein leises Kichern dabei, das hörte die Magd nicht einmal ... hörte nicht die still für sich ins Bettkissen, ja in einen kleinen grauen Bart gebrummten Worte: Kindtaufe! Kindtaufe! Hihi! Er lässt vielleicht schon illuminiren ...

Ne, ne! sagte die Magd, dat muot en groot Füer sin! und zeigte durchaus nach Westerhof ...

Und nicht minder plattdeutsch entgegnete Mutter Schmeling, so wolle sie denn up stahn und wenigstens Licht maken ...

Inzwischen unterhielt sie's, den grossartigen Lärm zu hören, der sich auf der Landstrasse entwickelte ...

Ihr Häuschen lag in einem Hohlweg, der sich von der Landstrasse abwärts senkte den Gärten zu, die zur grossen Besitzung der Frau von Sicking gehörten ... Im Sommer war das hier alles gar grün ringsum ... Lämmlein undSchweine genug weideten auf den Triften und ein paar einsame alte Bäume, die hinterm Gärtchen des Hauses lagen, hatten sogar Ruf und Anziehungskraft durch die ihnen angehefteten Bildchen und frommen Sprüche und besonders durch eine erquickliche Aussicht und eine Bank, wo mancher Bauerbursch und manche Bauerdirne unter nächtlichem Sternenglanz in ernst bedeutsamem Gespräch mit der Alten verweilen und über Manches seufzen konnten ... Hundert Schritte davon lag eine Art Vorwerk von Witoborn, obgleich es nachher noch Strecken von Wiesen und von Kirchhöfen gab, bis man die Mauern der alten souveränen Bischofsstadt erreichte ... Jetzt jagten die Spritzen mit fackeln nach Westerhof ... Gensdarmen sprengten dahin, zuletzt ein Piket Husaren ... Und die Menschen liefen undlachten sogar, denn "Feuer ist eine Bürgerfreude!" sagt ein frankfurter Sprichwort ...

Dass aber die junge Gräfin das Feuer nicht beschwören kann! meinte die Magd, die, wenn's verlangt wurde, an Hexen glaubte ...

Dummer Schnack! antwortete Mutter Schmeling, die in diesem Gebiet bewanderter war. Eine weise Frausie verstand darunter eine Zauberin, keine sage femmeeine weise Frau kann wohl andern Gutes tun, aber sich nicht selbst ...

Nach so tiefsinniger Aeusserung überlegte sie, ob wohl im Bereich des Schlosses Jemand wäre, den Mutterhoffnungen demnächst auf ihre hülfe anwiesen. Es kamen Fälle vor, wo gerade solche Schreckensaugenblicke Geburten beschleunigten, andere vereitelten ... Sie zählte an den Fingern, wie weit es noch mit der Moorbäuerin und Frau Leiendeckerin hin war ... Endlich bog Niemand vom Weg in ihren Hohlweg ab ... Sie verbrannte nur unnütz Oel ... Die Wand, wo sie schlief, fasste sich noch kalt an ... Sie wollte sich wieder zur Ruhe legen ...

Eine Stunde mochte sie vergebens den Schlaf gesucht habenDer Lärm der Glocken, das Blasen und Trommeln in Witoborn, das Rasseln auf der Landstrasse förderten die Ruhe nichtals sie heftig an ihre Haustür pochen hörte ...

Die Magd, die sich nicht nehmen liess oben auf dem dach nach Westerhof zu die malerische Aussicht zu geniessen, kam erschreckt in die stube zur ebenen Erde mit ihren klappernden Holzpantoffeln herabgelaufen und flüsterte der Alten, die aufhorchte:

Wat soll dat? Der alte Bettelpape bringt uns einen Menschen herhuckepack

Die Hebamme wusste, wer der alte Bettelpfaff war ... So? sagte sie ruhig und erhob sich, trotz des Pochens noch zweifelnd ...

Einen Mann trägt erich sah ihn über die Lehmgrube kommen und dachte erst: Wer sucht nur da was? Nun kommt er gerade über'n Wallund das da draussen, das sind sie

Wieder pochte es stärker und stärker ...

Mutter Schmeling wurde aufs neue aus ihrem Bette getrieben ...

Ein Rock war bald übergeworfen ...

Mach mal auf! sagte sie ...

Einer Gefahr glaubte sie in keiner Weise gewärtig zu sein ...

Der ihr wohlbekannte Bettelbruder Hubertus trat mit seiner schweren Bürde ein, die er von Schloss Westerhof bis hieher getragen hatte. Er hatte Umwege gemacht, um die Landstrasse zu vermeiden. Jetzt verliess ihn allmählich die Kraft. Welche Anstrengungen hatten aber auch die Erlebnisse dieses Tages von Beginn der Jagd an ihm schon zugemutet! Er liess den noch immer Bewusstlosen in dem Zimmer, dessen Eingang sogleich zur Rechten lag, auf einen alten Lehnstuhl sinken,