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Doch nur eine Secunde der Ratlosigkeit, wo man die Leiter anbringen sollte, die an sechszig Stufen zählte und hin- und herschwankte vor der Macht ihres Gewichts, da schon stand Hubertus und rief: Hinauf! Wer steigt hinauf? ...
In seinen knöchernen Armen hielt er die Leiter, dass sie frei schwebend stand wie gelehnt an eine Mauer ...
Klettert hinauf! rief er wiederholt und immer dringender redete er den Ablehnenden zu ... Habt keine Furcht! bedeutete er die, die die Leiter, so nur frei in der Luft gehalten, zu besteigen zögerten ...
Endlich wagte es Einer der Feuerleute aus Witoborn ... Schon berührten die Füsse des in der Luft Hängenden die obere Sprosse der Leiter – er würde sich nicht haben halten können ohne einen Arm, der ihn umfing ... So kletterte der Mann an der aus freier Hand gehaltenen Leiter empor ... Wie eine Gerte bog sie sich, je höher er kam ... Hubertus stemmte sich aber fest wie ein Atlet und balancirte die ungeheuere Wucht ... hülfe, die hinzukam, stiess er zurück mit dem Ruf: Gleichgewicht! – Das – kann nur Einer! – Mit den Zähnen knirschte er zum Zeichen seiner äussersten Anstrengung ...
Der Arbeiter war jetzt oben ... Er ergriff den schon Sinkenden, dessen hände verbrannt sein mussten ... Jetzt zog er ihn zu sich herüber auf die Leiter ... Diese, vom doppelten Gewicht überlastet, bog sich ... Ein Schrei des Entsetzens unter allen Umstehenden, von denen einige hinzusprangen, um Hubertus wiederum zu unterstützen ... Doch "Zurück"! rief er ihnen allen aufs neue entgegen und klemmte die Leiter zwischen seine beiden Kniee, die arme in der fünften und sechsten Sprosse eingeschlungen, sodass er die gewaltige Last nur wie eine vom Sturm bedrohte schwanke Fahnenstange hielt ...
Der Arbeiter stieg nieder und brachte den Ohnmächtigen glücklich zu Boden ...
Je näher dem Mönche Jean Picard kam, je näher ihm der Anblick des Armes möglich wurde, auf dem er das verhängnissvolle Zeichen der Erkennung suchte, desto schwächer wurde die Kraft des Bruders, dessen Kutte hie und da an den noch brennenden Trümmern schon versengte ... Nun liess er das Hinzukommen anderer geschehen ... Als der Arbeiter mit dem Geretteten auf unterster Sprosse stand, sank die Leiter in die hände der Uebrigen ...
Hubertus holte einige Augenblicke Atem, hörte mit lächelndem Kopfnicken die bewundernden Beifallsäusserungen der Umstehenden und folgte dem Arbeiter, der den Bewusstlosen weg von der Brandstätte trug ...
Diesem bot man jetzt hülfe, Erquickung, ein Lager in dem andern Flügel des Schlosses ...
Hubertus aber sagte zu dem Träger:
Lasst das alles, Landsmann! ... Ich trag' ihn schon selbst weiter! ... Mit Brandwunden weiss ich umzugehen! ...
Damit nahm er den Ohnmächtigen und trug ihn aus dem Gewühl und ganz aus dem Schloss hinaus in das inzwischen aufs neue und immer mächtiger vom Menschenstrom belebte Dunkel der Nacht ...
Während jetzt schon von allen Türmen auf Meilen umher die Feuerglocken riefen, kamen auch die Teilnehmer der Jagd an ... Terschka voraus auf einem leichten Wagen ... Tiebold ... der Onkel ... Auch von Witoborn kamen Benno und Hedemann ...
Armgart machte sich Bahn durch alle ... Paula's hohe Entschlossenheit und mutvolle Haltung hörte erst auf, als sie in die arme ihrer weinenden Freundin sinken konnte ...
Bonaventura stand voll Rührung und sprach, als die Gefahr vorüber schien, mit zitternder – tiefahnungsbanger stimme ein Dankgebet, in das alle Nahestehenden mit entblössten Häuptern einstimmten ...
Die Turmuhren schlugen zehn ... Jedes sagte: Wenigstens noch ein Glück, dass der Unfall so zeitig ausbrach ...
Wächter wurden für die Nacht bestellt ... allmählich wurde alles stiller ... Die Gruppen lösten sich auf ... Man zerstreute sich ...
Auch die Schlossbewohner bedurften der Ruhe ...
Onkel Levinus fand sich leicht in neue Tatsachen, die er gedruckt las, schwerer in solche, die er selbst erlebte ... Er hatte mehr als sonst gewohnt dem Rebensafte zugesprochen, auch auf der Jagd selbst schon manche Herzstärkung genommen ... Um sich zu finden und im Nichtzuändernden zu orientiren irrte er mit einem offenen Lichte so lange im schloss auf und ab, bis ihn die Wächter aufmerksam machten, er könnte leicht den Brand aufs neue entzünden ...
Armgart flüchtete auf ihr Zimmer wie ein verstörter Geist ...
Terschka, dem man kaum die Anwesenheit des Mönchs Hubertus und dessen gewaltige Tat erzählt hatte, als er auch schon in seine unversehrt gebliebene wohnung entschlüpfte, schien am längsten zu wachen ... Das Licht an seinen Fenstern erlosch erst nach Mitternacht ...
Bonaventura war mit Benno, Tiebold, Hedemann und Müllenhoff zu Fuss gegangen ...
Endlich breitete die stille Nacht über das Gemälde des Schreckens ihre dunkeln Schwingen ...
Schauerlich ist es, wenn nach solchen Begebnissen auf einsamem Lager der Schlummerlose das Krähen des Hahnes so laut und hell und wohlgemut hört, wie zu aller Zeit, und doch sich sagen muss: Der anbrechende Morgen zeigt das Neue in seiner ganzen folgenschweren Grösse ...
18.
Frau Schmeling, jenes Mütterchen, durch das, wie wir wissen, eine ganze Generation um Witoborn das Licht