1858_Gutzkow_031_532.txt

oder welche Geister standen ihr zur Seitesie befehligte wie die Gebieterin des Ganzen ... Sie war die Stammherrin der Dorste-Camphausen, die Letzte ihres Geschlechts ... Mit leuchtenden Augen, beschienen von Flammen, im erstickenden Qualm des Rauches verlor sie die Besinnung nicht ... Die Tante dagegen brach schon zusammen ... Wenigstens bedachte sie nur noch die Rettung des Kleinen und Einzelnen, während Paula im Ganzen lebte ...

Menschen waren nun endlich genug da, die Befehle gaben und befolgten ... Schon fehlten die Spritzen aus Witoborn nicht ... Gensdarmen kamen daher gesprengt ... Man isolirte das Feuer mit Erfolg ... über die Entstehung schwankten die Meinungen ... Die einen leiteten das Unglück aus dem Laboratorium her, die andern aus einem Kohlentopf in der Kapelle, den vielleicht ein Andächtiger hatte stehen lassen ... Dass die Gräfin das Feuer schon gestern gesehen, war ein Wunder, wodurch die Anstrengung des Rettens, die Erhöhung der Stimmung gemehrt wurde ...

Bonaventura irrte in trüben Ahnungen und barg sich jetztvor Müllenhoff, der im Eifer angekommen war, aber seine Zunge nicht ruhen liess, der Entrüstung Worte zu geben über fräulein Benigna, die kaum ihn erblickend Besinnung gewann und geradezu ihn beschuldigte, die Ursache des Feuers zu sein ... denn ihm und seiner "Toilette" zu Liebe hätte man die Zahl der Vorhänge am Altar vermehrt, jene Sakristei hinter dem Altar improvisirt, ihm in dem engen Raum den seit Jahrhunderten dort verpönten Gebrauch von Licht gestattet ...

Den heftigen, ganz aus der geistlichen Sprache und Rücksicht fallenden Wortwechsel unterbrach die Ankunft eines Pikets Husaren aus Witoborn ... Man sperrte den Zudrang der Menschen, die von allen Richtungen herbeiströmten ... Nur wer sich ausweisen konnte, wurde jetzt noch über die kleine brücke gelassen, die zu der Insel führte, auf welcher Westerhof lag ... Glücklicherweise war Windstille ... Die Funken flogen nicht an die nahen Wirtschaftsgebäude und Kornspeicher ...

Unter denen, die über die brücke wollten, befand sich auch der allen wohlbekannte Bruder Hubertus ...

Er machte sich Bahu mit einer Gewalt, die unwiderstehlich war ...

Lasst mich, rief er den ansprengenden Reitern entgegen und keines Rosshufs achtend, drängte er zur brücke hinüber und stürmte in die Gefahr, die inzwischen nachliess ...

Vorzugsweise war es jetzt, wie Paula ganz recht gesehen hatte, ein einziger Mann, der mit Anstrengung, ja mit Lebensgefahr dem Umsichgreifen des Brandes Einhalt tat ... Es war dies jener Dionysius Schneid, dem man anfangs vergebens gerufen hatte, der sogleich die Pferde und den Wagen in den Wirtschaftsgebäuden für Paula bestellen sollte, der sich dort "eine Ewigkeit", wie die Angst der Tante ein Dutzend mal ausrief, aufhielt, der aber auch jetzt beim Einreissen der Zwischenmauer, beim Absperren der Flamme einen verdoppelten Eifer zeigte ... Mit geschwärztem Antlitz, plötzlich roten Haars, das Niemand seit dem Finkenhof wieder an ihm gesehen, sass er in einer buntgestreiften Stalljacke mitten in der Verwüstung des halb in Trümmern liegenden Flügels zwischen den beiden Türmen, hob die Axt, zertrümmerte glühende Balken, um deren Zündkraft zu mildern, in kleinere Stücke, und arbeitete fast mit Wildheit allen andern zuvor, die sein Beispiel ermunterte ...

Hubertus kam mit dem Namen: Schneid! auf den Lippen. Wie musste er erstaunen, als man ihm auf diesen Namen den Diener zeigte, der hoch im qualmenden Gebälk sass, die blinkende Axt in der Hand ...

Unmöglich! entgegnete er ...

Doch! Doch! rief man ihm zu und bezeugte seine Anerkennung über die Entschlossenheit des sonst so trägen Dieners ...

Im Hof war ein Gedräng und kaum zum Hindurchkommen ... Eimer, Spritzen, geborgene Gerätschaften bildeten schon einen hohen Haufen, über den die Menschen hinwegklettern mussten ... Den Mönch, den die zuweilen noch aufzuckenden blauen Flammen am wassertriefenden Gebälk in seinen allbekannten Todtenkopfzügen beleuchteten, würde man nicht geduldet haben, hätte man nicht gewusst, dass der riesenstarke Greis es liebte, in solchen Fällen sich nützlich zu machen ... Schon hatte er, immer den in der qualmenden Zerstörung sitzenden Schneid im Auge, von den Gensdarmen einen Eimer zugereicht erhalten, um wasser zu holen aus dem glücklicherweise im Tauen begriffenen Teich, der die Insel bildete ... Schon war sein unwillkürliches Erbeben vor der Anrede durch die Beigeordneten des Landrats die Ursache, dass Hubertus mechanisch Folge leisten wollte, als ein noch einmal auf die Stätte der Zerstörung im obern Stock geworfener blick ihm eine plötzliche Gefahr zeigte, in die der Diener des Hauses geriet ... Sein eigener Zuruf erstickte schon in dem allgemeinen Geschrei: Er stürzt! Eine Leiter! Er ist verloren! ...

Der schwarzberusste Mensch, der wie ein Gnom der Unterwelt durch Feuer und Rauch sich den Weg zu bahnen suchte, wollte sich vor einem drohenden Mauersturz vom dach retten, sprang auf ein verkohltes Sparrenwerk, das unter ihm zusammenbrach, stürzte tiefer und tiefer und schwebte zuletzt mit seinen Füssen, die ohne Halt im Leeren tasteten, über einem Abgrund, in den er unfehlbar hinunterstürzen musste, da sich seine hände nur am glühenden Stumpf eines Balkens halten konnten ... Eine Leiter war nirgend anzulegen ... Eine Minute nochund unfehlbar fiel Schneid aus dem zweiten Stockwerk auf Steingeröll und Balken mit zerschmettertem Schädel nieder ..