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So kam schon die siebente Stunde ... Tante Benigna schrieb immer noch und störte die Liebenden nicht ... Sie wusste – und sie wusste nicht, sie sah – und sie sah nicht; sie war ganz in den ihr unbewussten Fesseln eines Idealanfluges, der, ob sie auch beim "Aufarbeiten ihrer Rester" am Schreibbureau Gänse, Enten, Schweine und Ochsen addirte, sie doch dabei wie ins Paradies versetzte, wo ja auch wildes und zahmes Getier so fromm und heilig um den noch unberührten Baum der erkenntnis wandelte ...
Tiefe Stille ... Nur die Tante sagt viertelstündlich:
Wo nur Armgart bleibt! ... Wenn die Jagd nur kein Unglück bringt! ...
Plötzlich fällt ein so seltsam heller Schein ins Zimmer ... Die beschlagenen Fensterscheiben klirren leise ... Anfangs beachtet niemand den Schein und das Klirren ... Jetzt dringt ein Geruch ins Zimmer, der selbst der Tante, die an die Consequenzen der Landwirtschaft gewöhnt ist, zu fremdartig vorkommen sollte ... Aber sie nimmt Anstand, dem Besuch zu verraten, worauf man im Landleben alles gerüstet sein müsse ... Sie schweigt und rät auf die Küche und das verbrannte Nachtessen ...
Nun aber wird der Schein zu licht ...
Alle drei erheben sich zu gleicher Zeit ... Da hört man schon das Klirren von zerspringenden Fensterscheiben ... Das ist Feuer! ruft die Tante und greift an den Klingelzug ...
Schon stürzen die Mädchen den todtblassen Damen entgegen – sprachlos ... Statt ihrer spricht der in Glührotschimmer getauchte Vorsaal ...
Es brennt –?! wollte die Tante ausrufen ... Der Ton erstickte in ihrer angstgeschnürten Brust ...
Doch schon war sie hinaus ...
Bonaventura hielt Paula ... Die Mädchen hatten schon inzwischen gesagt, dass die Kapelle brenne ...
Menschenstimmen ... Rufen, Schreien ... Das Laboratorium! hörte man. Das Archiv! ... Zusammenkrachendes Gebälk, eingeschlagene Türen ... Bonaventura, halb bewusstlos, übergab Paula den Mädchen, um selbst nach den Ausgängen des Schlosses zu sehen ... Die Treppen waren steinern ...
Im Hof entdeckte er eine mächtig lodernde Flamme, die aus der schon eingeschlagenen Tür der Kapelle wie eine gierige Zunge nach Nahrung suchte ... Noch schien sich das Feuer auf das Innere der Kapelle zu beschränken ... Wer aber wusste, was schon drinnen zerstört war! ... Dem Archiv suchte man durch andere Zimmer beizukommen ... Im Hof arbeitete mächtig eine der Spritzen, die sich im schloss befanden ... Tante Benigna leitete sie selbst ...
Noch aber fehlte es an Menschen ... Die Diener sagten dem Domherrn, man spanne bereits an ... Tante Benigna rief: Fahren Sie mit der Gräfin zum Stift!
Bonaventura kehrte zurück und sorgte für die Zurüstungen der Flucht ...
Paula fand er gefasster ... Man eilte, nach Kleidern zu suchen ... Bonaventura verschloss schnell das offen gebliebene Schreibbureau der Tante und steckte den Schlüssel zu sich ...
Inzwischen mehrte sich der Zustrom der Nachbarn, die eine Riesenflamme jetzt nach aussen hin hatten ausbrechen sehen, eine Flamme, die ihren Weg von dem in Brand befindlichen Altartabernakel in der Tat zum Archiv suchte, dem sich von aussen nicht beikommen liess, da die Fenster vergittert waren ... Der eine Flügel des Schlosses schien verloren; schon machte sich die Flamme durch das erste und zweite Stockwerk Bahn ...
Bonaventura verlor seine Geistesgegenwart nicht ... Die wichtigsten Schränke liess er sich bezeichnen, liess Silbergerät packen und folgte den Weisungen Paula's, die gerade jetzt in den seltsamsten Zustand geriet ... Nicht dass sie ihr Bewusstsein verlor, aber wie eine Traumwandelnde schritt sie dahin, wie eine Geisterjungfrau, die zuletzt, falls sie entfloh, auf einem Gespann von geflügelten Drachen entschweben musste ... Sie gab Weisungen, Aufklärungen, wie eine Seherin im Sturm am Ufer des brausenden Meeres ... Dort! rief sie ... Die Kisten! Die Schlüssel hängen ja hier! Nehmt sie doch! ... Hier sind die Bücher der Grundverschreibungen! Da! Der Aufgang ist frei! ... Uebereilt nichts! Der Dachstuhl brennt, aber an den Ecktürmen ist alles von Stein! ... Leert das Laboratorium von brennbaren Sachen! Der Bau ist feuerfest! ... Seht, der Wasserstrahl trifft ja mächtig! ... Rettet nur das Archiv in den Keller! ... Ha, der Mann! Seht den Mann! Folgt ihm nicht! Nein! Nein! Ein Balken stürzt! ...
Niemand sah einen Mann, den sie von der Galerie des Hofes aus erblicken wollte ... Indessen ertönte ein furchtbares Krachen im inneren ... Nach innen musste das zweite Stockwerk eingestürzt sein ... Die Flamme schlug schon oben zum Dach hinaus ... Von den beiden Ecktürmen aus bekämpfte man ihr Weiterdringen durch die hinaufgezogenen Schläuche zweier Spritzen, die von unten her nur wenig hatten wirken können ...
Dabei tönte die Schlossglocke hülferufend und mit herzzerreissender Eile schon seit einer Viertelstunde von einem dritten der vier Ecktürme ...
Paula lehnte jede Entfernung vom schloss, jede Schonung ihrer selbst ab ... War es der entschlossene Beistand Bonaventura's, war es die Erregung des Augenblicks