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entstand, auch in Bonaventura, der sich sagte: Das Leben eines katolischen Geistlichen ist so ein ewiges Niederblicken! unterbrach Benigna durch die Vorlesung des briefes von ihrem Schwager ...

"Lieber Bruder!" schrieb der Oberst. "Die Grüsse, die Dir im Herbst schon Hedemann brachte, wiederhol' ich und bald soll, denke' ich, mein Handschlag folgen! Ich wäre schon bei Euch gewesen, aber ich suchte auf Bergbau mein Heil zu gründen und erwartete etwas von Kocher am Fall ... Indessen reichen die Mittel nicht aus für Versuche, die zuletzt ohne Lohn bleiben. So will ich denn nach Witoborn. Meine Pension ist nicht gross, wir hatten keine Wunden zu taxiren; man hat in England noch immer das System, die Wunden zu messen; zwei Zoll tief – 5 Pfund mehr; drei Zoll tief10 Pfund; ganz kaltdann allerdings werden Witwe und Kind gut bedacht. Ich komme leider heilund gesund und muss mich tummeln. Monika wird mir hoffentlich meinen Frieden nicht stören, den ich für mein Herz längst geschlossen habe. Ich bin in den Jahren, wo uns das Leben zuruft: Lass alles das der Jugend! Was ich noch Rest von dieser Jugend habe, das hätt' ich gern an Armgart gehängt; aber die glaubt, hör' ich mit Erstaunen, der Mutter zu nahe zu treten, wenn sie mir den Vorrang gibt! Nun hat sie gar ein Gelübde getan – – Seltsame Welt, deren Anschauungen ich mich jenseit des Meeresentwöhnt habe! Als guter Soldat will ich einstweilen den Waffenstillstand ehren, wenn er nach beiden Seiten hin aufrichtig gehalten wird. Empfiehl mich Schwägerin Benigna und dank' ihr in meinem Namen für alles Gute, was sie Armgart erwiesen. Mein Sinn ist, sagt Ihr, Eigensinn; ich kenne, was von uns Brüdern ich vom Vater, Du von der Mutter hast. Zuletzt ist aber das Leben so, dass wir, beim Zurückblicken auf unser Rechtgehabtaben, doch mit Trauer an unsere Schwächen, beim Zurückblicken auf unsere Irrtümer, immerhin doch an unsere Kraft erinnert werden. In Frieden und guter Hoffnung!"

Benigna las diesen Brief in einem Ton der Angst und sorge, der seinem so versöhnlichen Inhalt widersprach. Auch sie war mit der Zeit so angesteckt von der Krankhaftigkeit der ganzen Sphäre, in der sie hier lebte, dass sie ihre eigene resolute Weise verloren hatte und sie nur noch zuweilen bei aufloderndem Poltern geltend machte. So sicher und fest, wie in diesen beiden Briefen, war auf Westerhof lange nicht gesprochen worden.

Paula, gedenkend des neulichen Abends, wo Armgart den an Terschka gerichteten Brief ihrer Mutter zurückbehalten hatte, sagte mit derselben Zuversicht wie damals: Sie versöhnen sich beide! Und Armgart hat es zur seligsten Jungfrau gelobt, dass auch sie nicht eher ruhen will! Die sehnsucht beider nach ihrem kind wird das harte Eis der Herzen brechen! Was könnte noch dazwischen liegen? ...

Der Vermutung Armgart's, auch ihre Mutter liebe Terschka, hatte sie gleich anfangs nicht nachleben mögen; Armgart's neue Gedankengänge kannte sie nicht ...

Sie war befremdet über Bonaventura's Schweigen ... Diesem hatte freilich Monika von Ehescheidung und zweiter Liebe gesprochen ...

Inzwischen sagte, Bonaventura's stillen Schmerzblick nicht beachtend, die Tante:

Ich schreibe beiden: kommt und versucht Euer Heil! Armgart ist kein Kind, das sich regieren lässt! Ihre Stellung auch im Stift macht sie selbständig ...

So und ähnlich schrieb sie fort und liess dem Flüstergespräch der beiden Liebenden Raum ... Freilich blieb Bonaventuraein Priester und Paulaeine Leidende ... Wie die zarte Gestalt, die Künstlerhand aus Alabaster schuf, nur mit äusserster Vorsicht von prüfenden Händen berührt wird, so schonungsvoll musste sich von selbst jedes Wort, jede Bewegung geben in Paula's Gegenwart ... Der Atem eines so rätselhaften Mundes; der feuchte Glanz eines Auges, das so geisterhaft in die Ferne sehen konnte! ... Wäre nicht das Gefühl gewesen: Risse ich dich mit mächtigem Arm an meine Brust und bedeckte deine Lippen mit Küssen, du würdest dem Leben angehören, das uns alle bindet, den Sinnen, die die Schranken unserer gemeinsamen natur sind! – es hätte Bonaventura wohl bange werden dürfen in dieser unheimlichen, spukhaften Umstrickung von Fäden, die Geisterhände um Paula zu spinnen schienen ... Oft erschrak er, wenn die sanften schwarzen Wimpern sich über die blauen Augen senkten und das unendlichste Behagen in den edlen Formen des jungen Mädchens ihre Neigung auszudrücken schien, sanft zu entschweben in jenes dunkle Zwischenland zwischen Wachen und Traum, zwischen Leben und Tod, jenes Land, das hier den Menschen das Jenseits erschien ... Die weissen hände sanken dann nieder in den Schoos ... Das ganze Sein der Kranken schien Nahrung einzusaugen, die aus der Luft ihr zuströmte, ja aus Bonaventura's Atemzügen ... Der unwiderstehlichste Reiz des Frauentums, die hingegebene willenlose Schwäche, benahm ihm die Sinne ... Wäre in der wahren Liebe nicht der Vorbau des Herzens immer mächtig, dass es sich sagte: Entweihe Deine Gotteit nicht! Lass sie rein und unberührt von deinen stürmischen Wünschen! Lege deine Schätze für noch seligere Zukunft zurück! – er würde sich nicht haben halten können, mit seinen Armen diese seltsame Weltan sich zu ziehen und zu zwingen, sich zur Menschheit zu bekennen .