1858_Gutzkow_031_53.txt

, im Taumel der entfesselten Sinne hatte er sich über die Halbschlummernde gebeugt ... zurückgesunken und halb auf dem Divan ausgestreckt, hielt sie den linken Arm rückwärts unter das Haupt gelehnt ... mit dem rechten wehrte sie kraftlos stürmischere Zärtlichkeiten ab ... das Bewusstsein verging ihr ... die Augen schlossen sich, müde wie damals im wald mit Oskar Binder.

Selbst eine heftige Erschütterung, die sie annehmen lassen musste, dass Klingsohr plötzlich aufsprang, erweckte sie diesmal nicht.

Sie hörte ein fernes Brausen wie an einem wasser. Es konnten Türen, Schritte, Stimmen durcheinander sein ... sie träumte von bunten Wolkenwagen, von Farben des Regenbogens ... sie sah ihre Tauben wieder, die den Wolkenwagen zogen, sie sah alle die glänzenden Shawls, Teppiche, Kleiderstoffe aus dem Magazin des Herrn Gutmann rings drapirt über dem Regenbogen und kleine Gnomen trugen alles ab und zu, und wieder waren es doch die lächerlichen Modegecken im Bazar Gutmann, und ein langes Mass von Papier zog der eine und dem andern wurde unter der Hand eine Reihe von Sternen daraus ... und dann waren es die Blumenbüschel und blauen Glocken, die sie im wald am fuss des Eggegebirges einst im Sinken am Riedbruch in der Hand gehalten, und alles um sie her wurde dann grün und immer grüner und mit zwei funkelnden Augen lag plötzlich jene Eidechse auf ihrer Brust, die damals unter dem moosbewachsenen Steine aufschlüpfte ...

Nun erwachte sie.

Um sie her war es still. Die Lichter waren ausgelöscht bis auf eines, das fast niedergebrannt war.

Sie musste so schlummernd, erst heiter, dann angstvoll träumend, mindestens schon eine Stunde gelegen haben.

Sie richtete sich empor. Was war geschehen? Hatte sie Klingsohr verlassen, ohne sie zu wecken?

Nichts war zu hören als das Klappern einer fernen nicht geschlossenen Tür.

Die Reste der Mahlzeit, die leeren Flaschen und halbgefüllten Gläser standen unabgeräumt, wirr durcheinander. Sie boten jenen Anblick, der nach einer Orgie die Sinne so ernüchtert, die Empfindung so beschämt und empört ...

Unendlich müde, wie zerschlagen an allen Gliedern, durchfröstelt von der kühlen Luft des Zimmers, das geöffnet gewesen sein musste, suchte sie nach Menschen, die noch wach waren. Alles war wie ausgestorben ... Von Klingsohr war ihr doch gewesen, als hätte sie im Traum gehört, wie er laut über sie hinweggerufen, an ihr gerüttelt hätte, und Menschen mussten im Zimmer gewesen sein, alle Stühle standen ja in Unordnung, der getäfelte Fussboden knirschte sogar von förmlichem Schmuz ... Sie sah zum Fenster hinaus ... Es war tiefe, stille Nacht ... Die grosse Wölbung der fast unermesslichen Fernsicht über Wiese, Wald und Feld hin eine einzige schwarze Finsternis, die kein Stern erleuchtete ... Die Regenwolken hingen trüb und schwer. Sie öffnete, streckte die Hand hinaus; sie fühlte, dass die Luft kühl war, doch nicht mehr tropfte ...

Sie gedachte jetzt deutlicher Klingsohr's, gedachte erschreckend seiner letzten Zärtlichkeiten, die sie mit schon geschwundenem Bewusstsein hingenommen, seiner wilden, vermessenen, wie ein schneidender Luftzug noch durch ihre Seele gehenden Reden. Ihr war nur am Mute des Mannes gelegen, an seinem Trotz, an seiner Herausforderung gegen Menschen und Geschick, und in dem, was sie heute und schon oft von Klingsohrn gehört, lag doch eher eine Tatkraft, die sich nur künstlich aufstachelte ... Sie gedachte schreckhaft des Kammerherrn; sie glaubte die Tür sich öffnen zu sehen und das kratzende Scharren eines Hundes zu hören. Nun fasste sie den Gedanken, ob sie noch zu dem Pavillon in den Park könnte, wo sie doch eigentlich wohnte. Hatte man sie vergessen? Sie nahm das Licht, um auf die Treppe und dann über den Hof zu schreiben.

Erst musste sie durch die langen Corridore, wo rings an den Wänden die Spiegel ihre eigene Gestalt wiedergaben. Wie sah sie aus! Wie aufgelöst hing das Haar! Wie lag das Kleid von den Schultern herab! An die Spiegel mit dem Lichte tretend, bebte sie zurück, weil sie plötzlich der Sage gedachte, dass es mit dem Glockenschlage zwölf unheimlich wäre mit einem Licht sich im Spiegel zu sehen ...

Doch bis zum hof kam sie nicht, nicht einmal bis zur Treppe; die offen stehende Tür machte einen Zugwind, der ihr das Licht ausblies.

Nun stand, sie vollends erschreckt. Sie rief:

Lisabet! Lisabet!

Keine Antwort, als das Echo des langen Corridors ...

Sie tastete sich zurück zu den vordern Zimmern. Hier aus dem Fenster zu rufen war den Sternen gesprochen ...

Nun wankte sie dem Divan wieder zu und hielt sich an der kalten Marmorbekleidung des Kamins ... verwünschend die Rücksichtslosigkeit, die sie hier so preisgeben konnte.

Als sie sich aber niederlassen musste, weil es sie fieberisch fröstelte, fühlte sie etwas wie einen Mantel. Erschreckt fuhr sie zurück. Es war eine Decke, eine der gesteppten, die unter die Federbetten gebreitet werden.

Man hatte also doch an ihre Ruhe gedacht und vorausgesetzt, dass sie hier und auf dem Divan die Nacht, zubringen würde.

Ihr Fuss stiess auch an ein Federkissen, das hinuntergeglitten war. Sie konnte es unter ihren Kopf legen und tat es.

Sich in ihr los ergebend, streckte sie sich, um zu schlafen, drückte den Kopf in das untergelegte Kissen und zog die Decke über sich