Visitenkarten, die Renate geschickt hatte, fiel Bonaventura die Traueranzeige über den Tod Hendrika Delring's auf. Er widmete ihrem Andenken die innigste Teilnahme. Er vergegenwärtigte sich die Wirkungen dieses Schicksalsschlags, der das Kattendyk'sche Haus betraf. Schon so frei, schon so entfesselt von seinen frühern Anschauungen war er, dass er sich sagte: Also ein zeugnis für die Liebe weniger in der Welt! ... Von Lucindens Nähe hatte er keine Ahnung ...
In Witoborn fand er um Mittag alles von der Jagd erfüllt und von den Nachrichten, die schon über den Landrat eingelaufen waren ... Er selbst musste sich geistlichen Aufträgen widmen und konnte deshalb auch nicht zum Kloster Himmelpfort, so gern er wollte ... Dann musste er jedenfalls die in Westerhof heute so verlassenen Damen besuchen ... Onkel Levinus und Terschka konnten möglicherweise erst spät Abends zurückkehren ... Gegen vier Uhr fand er Westerhof einsam und still ... Die Dienerschaft war grösstenteils zur Jagd ... Die Beamten sogar feierten – sie wohnten ringsum zerstreut in den entlegneren Wirtschaftsgebäuden ... Zwei Diener waren daheim geblieben und Dionysius Schneid war seines Ungeschicks wegen kaum zu rechnen ... Nur an weiblichem Personal war kein Mangel ... Er hörte sogleich, dass Paula heute wieder wohler war ... Wie immer musste er sich erst Bahn brechen durch Hülfebegehrende, die sich auch von ihm die geistliche Segnung, die er im Vorübergehen spendete, nicht entgehen liessen ...
Jetzt erst – zweimal vierundzwanzig Stunden nach der Frage: Und wenn nun doch noch die Urkunde gefunden würde – und wenn man dann verlangen würde, dass Sie das Opfer brächten, die Hand des Grafen Hugo zu nehmen? ... sahen sich die Liebenden wieder ...
Paula's Antwort lag in den stummen Gegenfragen der Begrüssung: Und jetzt erst sehe' ich dich wieder? Ist denn noch alles so, wie an jenem Abend? War es kein Traum? Hältst du Wort, Wort dir selbst und mir? ... Deutlich sprachen dies die ersten Grüsse; doch mildernd und dämpfend musste sich Tante Benigna's Nähe einmischen, ja Bonaventura's eigner Anblick. Der Gruss, einem Geistlichen, den die Kirche gezeichnet hat, dargebracht, verstand sich so von selbst zur Entsagung ... Sofort fiel eine süsse Bangigkeit auf Paula's Herz und auch in Bonaventura's Zügen schmolz sein erstes frohes Lächeln zum mildesten Ernst ... Grade aber auch heute musste die Tante nichts unterlassen, was den Eindruck der Würde eines Priesters mehrte und seine Erscheinung mit allen Glorien der Heiligkeit umgab ...
Sie begann bald die Nähe Monika's und Ulrich's von Hülleshoven einzugestehen ...
Jene hatte an sie selbst geschrieben und der heute so stille Abend war bestimmt, ihr zu antworten ...
Von Ulrich lag ein Brief an seinen Bruder vor ... Benigna durfte alles an Onkel Levinus Gerichtete öffnen ... es war schon vorgekommen, dass ein vorteilhafter Verkauf – von Schweinen, der Hauptbranche dortiger Viehzucht, versäumt worden war, weil Onkel Levinus einen Brief nicht erbrach, den er für die Abfertigung eines Recensenten hielt, mit dem er über alte römische Helme in Streit geraten war ...
In diesen Briefen wurden an Schwester und Bruder die gleichen Ansprüche auf Armgart gestellt ... Tante Benigna las Monika's Brief –
"Liebe Schwester! Ich schreibe Dir im Vertrauen auf jene Versicherung Eurer Versöhnlichkeit, die Levinus der Gräfin Erdmute gegeben! Ist es Euch genehm, so erschein' ich auf Westerhof. Armgart verlässt auf ein Jahr das Stift, begleitet mich nach Wien, Italien; ich lasse sie zurückkehren, wenn ihr der Aufentalt im Stifte Vorteile bringt, die sie nicht verscherzen dürfte ... Wollt Ihr Ulrich den Vorzug lassen, so kann ich Euch keine Beweise meiner grösseren Würdigkeit geben. Mein Herz kämpfte, ob ich nicht in einer längern Zuschrift das Urteil meines Kindes gewinnen sollte; ich entschied dagegen. Darf ich, wie ich war und wie ich bin, in Euerm Kreise erscheinen und hab' ich Euern Beistand, dass die Erziehung einer Tochter der Mutter gebührt, und stellt sich Armgart gehorsam und ergeben einem Auge dar, dessen bei ihrem Anblick vielleicht ausbrechende Tränen sie für keine Selbstanklage zu halten berechtigt ist, so hab' ich das Glück meines Lebens erreicht! Entscheidet!"
Paula klagte diese Sprache der Kälte und des Hochmuts an ... Sie, die sonst so Gütige und Milde, sagte:
Welche Selbstzufriedenheit! Mir ist's ein Wunder, wie nur immer Herr von Terschka die Tante so rühmen kann ...
Bonaventura blickte nieder. Er durfte nichts von einer nähern Bekanntschaft mit Monika aus dem Beichtstuhl verraten ... Doch stand ihm versöhnend das Bild des Abschieds vor Augen, den auch die Frau in silbernen Locken am Portal des Kapitels ihm gewinkt hatte, als Schnuphase seine Rede hielt ... Darauf hin sprach er wie bekannt von ihr und sagte:
Verbürgt sich so denn Herr von Terschka für sie –?
Ueberschwenglich spricht er von ihr –
Die Tante schwieg ... Sie hatte diese Neigung Terschka's wohl bemerkt ... Und Bonaventura gedachte der fragen, die Monika über die zweite Liebe einer Geschiedenen an ihn gerichtet, aber auch des Vorzugs, den Armgart dem Fremdling zu geben schien und den er annahm – dieser Zweideutige ...
Die ängstliche Stille, die