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Der Tag war so öde hingegangen, so einsam ... Sein Herz klopfte ... Wem sollte er sich vertrauen? Bei wem Beruhigung suchen! ... Ziemten seine Empfindungen dem Priesterherzen? ... Und hätte er sich vielleicht auch zu Benno, der selber litt, aussprechen dürfen, er räumte dem Stifter des Cölibats, Gregor VII. ein, dass kein Gefühl uns in der Tat mit grösserm Egoismus erfüllt, als die Liebe ... Doch, setzte er hinzu, vielleicht nur die ringende, die kämpfende, nicht die glückliche Liebe ... Auf seinem Zimmer schloss er sich ein und las in seinen mitgebrachten Büchern erst im Augustinus, dann in seiner geliebten "Trutz-Nachtigall", schrieb auch selbst in sein "Sünden-Brevier", wie er ein kleines Büchlein seiner geheimsten Gedanken nannte: Ich kann es nicht sagen – was jeder doch weiss! Ich kann es nicht tragen – und trag's doch so heiss! Ich kann es nicht finden – was überall liegt! Ich kann es nicht binden – und hab's doch besiegt! Ihr Sterne behütet's? Das dank' ich euch nicht! Dich schelt' ich, o Mond, der sein Schweigen nicht
bricht!
O Sonne, o Sonne! Mit strahlender Miene Sag' du es der Welt, welcher Königin ich diene! So im Lied sich tröstend und erhebend, voll Ahnung in den Frühling sich versetzend, in Wonneschauern schon die erste Lerche sehend, die im feld aufsteigt, wirbelt, immer höher und höher sich schwingt, schrieb er:
Lerche, schwebst im blauen Feld,
Willst gegen Himmel dringen?
Ist's dein Ton, der so dich hält?
Trägt dich so dein Singen?
Vöglein, Vöglein, wüsstest du,
Wie beim stillen Wandern
Durch die grüne Sonntagsruh'
Du voransteigst andern –
Wie in deinen jubel sich
Andrer jubel mischen,
Sich in deinem Sangesstrich
Mit im Blau erfrischen –
Folgend deinem Schwebeflug
Hoch und höher steigen –
Droben würdest bald genug
Du als Stern dich zeigen!
Es kamen Briefe aus seinem Kapitel ... Es kamen Anfragen, ob er nicht eine Mission nach Wien übernehmen wollte zur Begrüssung des dort erwarteten Cardinals Ceccone ... ob er auch seine stimme mitgäbe zu diesem Protest und zu jenem Begehren ... Es kamen Müllenhoff's Exercitien und – die lächerlichste Scene von der Welt – denn schon wieder hatte man dem Pfarrer von sankt-Libori einen Streich gespielt, schon wieder ein Neugeborenes an seiner Tür ausgesetzt, diesmal ein Lebendiges sogar, nur kein Kind, sondern ein frischgeworfenes Kätzchen, das mit einem Häubchen und wie ein Wickelkind eingeschlagen und befestigt bei erster Morgenfrühe in einem Korb vor seiner Haustür wehwinselte ... In dem darob entstandenen Lärmen erst erfuhr Bonaventura, dass diese Verspottung bereits ähnlich neulich vorgekommen. Er suchte den Pfarrer zu trösten, der diesmal kleinsilbig wurde und das Toben und Androhen mit den Gerichten der Katrein, dem alten Tübbicke und den Hausangehörigen verwies ... Dabei versicherte Tübbicke aufs bestimmteste: Es ist nicht die Schmeling! ... Bonaventura erfuhr, dass man für diese Streiche eine Hebamme im Verdacht hatte, die Müllenhoff öffentlich des "Teufels Grossmutter" genannt haben sollte ...
O brächte doch der Cardinal Ceccone, stöhnte Müllenhoff, seinen Zorn mit einem Stück harten Schinkens beim Frühstück hinunterwürgend, o brächte er doch eine grossmächtige Kette von einigen hundert Meilen im Umfang, dass man unsere deutsche Wildniss wieder an Roms Gesetz und Regel binden könnte! Nein! Frau von Sicking sagte mir gestern, und eine junge Dame, die soeben aus der Residenz des Kirchenfürsten bei ihr eingetroffen ist, bestätigt mir's, dass die Curie Sie entsenden will, Hochgeehrtester, den Cardinal zu begrüssen – nein, Sie werden einer solchen Ehre und gelegenheit, bald Bischof in partibus, mindestens Weihbischof zu werden, nicht ausweichen! Die ganze germanische Kirchenprovinz bittet für Sie trotz Ihrer Jugend um das Pallium, wenn Sie ihr erwirken: Petri beide Schwerter! Oder wenn nur das eine, doch dies auf beiden Seiten geschliffen! ... Daran reihten sich einfach, wie der Pfeffer zum Schinken, in Müllenhoff's Reform: Bischofsrecht über jedes Amt in Schule und Kirche! Keine Stelle vergeben, wenn nicht durch die Hirten Christi! Kein Amt, keine Pfründe, keine Strafe, keine Belohnung mehr aus weltlicher Hand! Keine Berufung mehr auf weltliches Gesetz! Wer innerhalb der Kirche wagt, weltliches Gesetz gegen Geistliche anzurufen, excommunicirt! Priester sind jetzt schon zu erziehen von Kindesbeinen an, damit hernach kein Mangel ist! Religion auf keiner Schule mehr, als durch uns! Kein Placet, kein Transeat, kein Cabinetspass für den Willen Roms! Gottesdienst überall, im Tempel und im Freien: Congregationen, Bruder- und Schwesterschaften nach Bedürfniss! Klöster mit ganzer und halber Regel! Selbstbeschauung, wer nur Lust hat, sich, sei's als Eremit allein, im Spiegel seiner Nackteit zu erblikken oder im Bund mit andern in den Exercitien! Verkehr zwischen Rom und jeder Hütte von Baumzweigen, "wo nur ein stümpernder sankt-Antonius oder sankt-Hieronymus" beten will! Jeder heller endlich, der der Kirche gehört, nur von unserer eigenen Regula de Tri verrechnet! ...
Alles das tobte die Verzweiflung aus, dass er Mutter Schmeling nicht sogleich unter den Hexenhammer einer geheimen, sicher wirkenden Inquisition bringen konnte ...
Unter den Zeitungen, Briefen,