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machte sich durch Aufschrei Luft, die andern gingen wie in der Irre. Jede natur, mochte sie sich eben auch ganz in der Beherrschung gegeben haben, die Bildung und Ueberbildung mit sich bringen, warf jetzt die Fesseln ab. Die schweigsamste wurde beredt, die lauteste verstummte. Schluchzen hörte man, Trostworte ... Alle aber riefen: Die arme Gräfin Paula! Und sie hat es vorausgesehen! ... Levinus, Armgart, Terschka und Tiebold waren schon verschwunden ...

Noch ehe diejenigen, die auf das obere Stockwerk und das Dach geeilt waren, zurückkehrten und die Nachricht brachten, es schiene in der Tat entweder das Schloss Westerhof oder die Liborikirche oder das Stift Heiligenkreuz zu brennen, war der Saal entleert ...

Im Hof drängte sich ein Gewühl kaum zum Durchkommen ... Die Pferde, die Spritzen wurden aus den Ställen und Remisen gezogen ...

Viele Herren, selbst fräulein von Merwig setzten sich auf eine der Spritzen, um nur rasch an Ort und Stelle zu kommen ...

Dabei fehlten die Diener, die Jäger, die Mägde. Viele hatte schon der magische Reiz, den jede Feuersbrunst ausübt, angezogen, trotz der ernsten Warnung des Grafen, die Jedem verbot sich ohne erlaubnis zu entfernen ...

Frau von Sicking war unter allen die verlassenste ... Doch war ihr Besitztum glücklicherweise nicht genannt worden ... Sie liess sich von Jedem, der noch nicht im Besitz seiner Pelze, Mäntel, Fusssäcke war, Bericht erstatten von der gestrigen Vision Paula's und sah sich zuletzt nach ihrer bei alledem doch fast zu auffallend schreckhaften Begleiterin um ... Wo ist mein fräulein? rief sie ...

Ein Jäger sagte, das fräulein wäre wie ein angeschossener Vogel gewesen plötzlich verschwunden ... Man suchte sie ... Lucinde war nicht zu finden ...

Mit Verdruss über "diese doch merkwürdigen Sonderbarkeiten", aber mit interessanten Tatsachen für ihre weitverzweigte Correspondenz bereichert, fuhr Frau von Sicking allein nach haus.

17.

Friede! ... Linder, sanfter, himmlischer Friede! ...

Du, der du Stirnen kühlst, die noch vom Kampf des Lebens erglühen, lindernden Balsam träufelst auf Herzen voll Kummerdeine heiligsten Tempel baut dir Mutter natur!

Doch du segnest auch jedes bescheidene Dach, wo das Echo des schallenden Marktes verhallt, wo nur der Pendelschlag der Uhrfernklingendes Schärfen der Sichel Saturn's! – uns in die grünen Matten versetzt, in die zeit- die raumlosen, die Paula's geschlossenes Auge erblickt! Segnest dem ermüdeten Wanderer sein Lager mitten auf Landstrassen! Segnest dem zum Tod ermatteten Krieger noch am Abend der verlorenen Schlacht, unbekümmert um des Siegers Ueberfall, mitten auf dem Weg seiner Triumphe, die Schlummerstätte! Zahllos sind die Wohnungen des Friedens auch noch auf dieser streitbewegten Erde ...

Traulicher jedoch spinnt sich nicht die Spinne in ihr Netz, als es die Liebe versteht. glückliche, die erlaubte Liebe, die sieht sich noch zuweilen um und beobachtet die Welt, ob sie auch bei so viel Glück noch steht, beobachtet die Menschen, ob sie auch neidisch sind ... Aber die ungestandene, die verschwiegene Liebe hat Ohr und Auge verloren ... Sind da Sterne vom Himmel gefallen, sind Türme eingestürzt, war ein Erdbebenindessen der Lampe milder Schimmer das Antlitz der Geliebtesten beschien, indessen die Weisse ihrer Hand wetteifernd mit den Spitzen, an denen sie stickte, glänzte? Das Ohr hörte nichts. Schwirrte ein Käfer in ihrer Nähe, fiel eine zierliche Rolle aus ihrem Nähtisch zu Bodendas waren Weltbegebenheiten ...

So in traulicher Stille und Verlorenheit der Gedanken sass Bonaventura in diesen Stunden bei Paula ...

Nicht allein waren sie heuteTante Benigna kehrte beiden im grünen Zimmer den rücken und schrieb und las an einem geöffneten Schreibbureau ...

Sollte Armgart wirklich zur Jagd sein? Und: Wenn nur kein Unglück geschieht! ...

Das waren die beiden einzigen Worte, die, viertelstündlich wiederholt, die Liebenden störten ...

Bonaventura hatte seit vorgestern Abend den Weg zur Erde nicht mehr zurückfinden können. Er schwebte in Lüften. Verpflichtungen gab es nach allen Seiten hin, nach Schloss Neuhof zur Mutter, nach Himmelpfort zu Klingsohr, Briefe und geschäftliche Mahnungen drängten, auch Müllenhoff's, seines polternden Wirtes Zumutungen; sorge drückte ihn um Benno, auf dessen dunkles Leben der Brief des Onkels so seltsam neue Streiflichter hatte fallen lassen, auch ein längst bezweckter längerer Besuch bei Hedemann, alles das drängte auf ihn einaber er entschied sich für nichts, er entschloss sich zu nichts, es zog ihn nach Westerhof ...

Gestern gegen Mittag hatte Paula die Vision von den Flammen gehabt ... Er sah und hörte ihr angstvolles Ringen mit der unheimlichen Anschauung und musste sie, da sie der Ruhe bedurfte, verlassen, gefoltert von den Bildern, die Paula sah. Es waren Bilder des Brandes und der Zerstörung. Es waren Bilder, die ihn an seine Beichtgeheimnisse, seine stummen schweren Bürden, erinnertenBürden, deren er sich nicht entledigen durfte ohne andere anzuklagen ... Sprechen durfte er wohl: Terschka ist mir verdächtig! Oder: Wenn Nück etwas im Schilde führte! ... Aber das war auch alles ... mehr zu sagen war ihm nicht erlaubt; denn bei genauerm Hinweis wusste jeder sogleich, er stellte Beichtbekenntnisse bloss ..