die ersten gelben Lichter über die dunkelblauen Wellen im Ost wie von einem Wind heraufgetragen erscheinen, das Meer geweckt wird aus nächtlichem Schlummer, dann sich alles purpurn und violett und blau malt! Immer unruhiger jauchzt das Meer der Sonne, wie einem Bräutigam entgegen! Was Correggio, Guido, Raphael gemalt haben, sieht man jetzt! Neptun, Jo und Jupiter und Europa! Tritonen! Alles bläst und spritzt Wasserstrahlen über sich her und auf Delphinen schwimmt ein Brautzug mit Blumen und flatternden Bändern! Nein, meine Herren und Damen, im Süden haben die Sonnenrosse gar keine Eisen an den Hufen. Nur hier, hier bei uns, hier wo sie ihren feurigen Wagen über die traurigen Eisschollen des Philistertums schleppen müssen, hier, hier muss wohl – die alte Westerhofer Schmiede dran!
Hurrah! Das gab eine Erregung ...
So konnte Onkel Levinus sprechen, wenn durch sein eigenes Philistertum der Genius hindurchbrach ... Der Adel wusste, was er an dem mann besass. Er drückte ihm aus, was zu besitzen ihm Beruhigung gewährte, wenn man Schiller und Goete ablehnt. Da waren ja Denken und Dichten, Wahrheit und Schönheit auch vertreten; wozu brauchte man die protestantische Welt? Auf Freiherrn Levinus von Hülleshoven war die ganze Provinz stolz; nur musste er nicht von Rom, Griechenland und Jerusalem gleich auch nach Abyssinien und Cochinchina reisen ...
Deshalb kamen die Hörner gerade recht, die ein lustiges Jagdlied schmetterten ...
Schon war das reiche Mahl fast zu Ende, schon war der heute so auffallend schweigsame Terschka in der notwendigkeit, auf Rom sowohl, wie auf den Hufbeschlag der Pferde Rede zu stehen – hatte er doch alle Offiziere durch seine Kenntniss des letzteren, wie die Damen durch seine Kenntniss des erstern oft genug gefesselt – als Püttmeier endlich, endlich an sein Glas klopfte. Beim fortgesetzten Gefülltwerden desselben hatte er bemerkt, dass seine Sinne plötzlich zu schwindeln anfingen und der Augenblick zu kommen drohte, wo der Mensch von Einsicht erkennt, dass er keinen Toast mehr bringen soll ...
Allgemeines Bravo und klopfen an die Gläser ...
Püttmeier steht auf ... Es war ein Moment, wo ihm der Boden unter den Füssen wankte. Hinter einem Transparent im Dunkeln hatte er stundenlang sprechen können – jetzt aber musste er seinen ganzen Menschen aufbieten, um sich zu behaupten. Danken wollte er für das ihm gebrachte Hoch, wollte wiederum, wie sich's erwarten liess, seiner Philosophie eine anerkennende Zukunft prophezeien ... Armgart sah durch ihre in Tränennebeln flimmernden Augen hindurch die sonnenbeschienene Warte des Geierfels, von der Angelika Müller einst in einer schönern Stunde gesprochen: Da möchte man predigen! ... Schon war Püttmeier's: Hochzuverehrende Damen und Herren! über seine Lippen, die etwas im Tone Schnuphase's sprachen; schon hatte er wiederum zum Beginn seiner eigenen Verherrlichung gelegenheitsgemäss gesagt: "Wie aus dem Wald, in welchem die edle Waidmannskunst vor wenigen Stunden, bald zum letzten mal ehe die Axt des Holzschlägers die alten Stämme niederlegen wird, ihr fröhliches Jagen erschallen liess, in kurzer Zeit sich die Grundlagen einer jener Eisenstrassen erheben werden, welche das Gaslicht der Aufklärung auch endlich in unser Land, in das Land der Böotier"; – – und schon war nach dem stürmischen jubel auf dies ironische Sichselbstverspotten durch ein Stichwort, mit dem die fragliche Provinz nicht selten bezeichnet wurde, und nach dem Wehen der Damentaschentücher, die in diesem Augenblick zu Kriegsfahnen wurden für den neueröffneten Kreuzzug gegen Ketzer- und Beamtentum – Püttmeier im Begriff, seinem "einsamen Denkstein" und seinem: "Heureka!" auch vor den Männern eine genugtuunggebende Zukunft zu verheissen, als – die Lacerte am Riedbruch auch in diesem Augenblick wieder dahinhuschte, wieder eine Dame aufsprang, wieder wie zur Flucht, und wieder Lucinde, die schon Allbeobachtete, nach der Tür suchte ...
Diesmal war aber die Störung nur das Signal eines allgemeinen Aufbruchs ...
Im Saal waren die Fenster nicht verhängt gewesen. Durch eine grosse dreigeteilte Balcontür hindurch hatte man einen erschreckenden Anblick ...
Feuer! riefen schon draussen Stimmen zu gleicher Zeit ... Feuer! wiederholte man von den Corridoren ... Ein Nordlicht ist's! rief Jemand im saal, zur Beruhigung auffordernd ... Der glührote Schein konnte nur einem Brande angehören ...
Eine Weile Todtenstille ... Der Schein war im Süden ...
In Witoborn ist's! riefen die einen ...
In Heiligenkreuz! die andern ...
Auf Westerhof! schrie Armgart und stürzte wie aus einem Traum erwachend, der den Tag über dumpf auf ihr gelegen, und mit fanatischer Erregung zur Tür hinaus ...
Die Rede und der Abend waren zu Ende. Püttmeier stand an der Tafel, wie ein kalt gewordenes Gericht und konnte sich nicht finden. Es war ihm, als wäre ihm plötzlich auch sein eigener Verstand so davonund zur Tür hinausgelaufen ...
Die Beruhigungen des Wirtes und der Diener konnten Niemanden mehr zurückhalten ...
Ein breiter glühroter Schein blieb quer über dem schneebedeckten rücken eines Tannenwaldes liegen ...
Am Zittern des Scheins sah man, dass die Flamme vom Winde bewegt wurde. Bald war der Schein stärker, bald schwächer; die Bewegung kam, wie in regelmässigen Pulsschlägen. So unheimlich sah es sich an, dass die Frauen schon die Erscheinung fühlten, wie wenn die intermittirende Bewegung vom eigenen Herzen kam ...
Die Phantasie der einen