der grüne Heuschreck Stammer fehlte nicht und machte seine landbekannten Possen. Dann erhob sich der Oberförster, der an der Tafel teilnahm, und hielt eine Rede, die sogar teilweise an Tiebold gerichtet war, eine Rede, die sich in die altdeutschen Urwälder verlief, in einigen Sümpfen stecken blieb und endlich nach langen Umwegen, wo man wunder dachte wo er herauskommen würde, unter Tränenanflug bei seiner teuern, liebwertesten, gnädigsten, jungen herrschaft anlangte, bei der Comtesse Paula ...
Das gab dann einen Sturm von Beifall ... Alle Gläser klangen ... Auch das Glas Armgart's, die zwischen dem Onkel und Terschka sass, erklang ... Wie ihre Augen sich gefeuchtet hatten, bemerkte Niemand ... Gräfin Paula auf Westerhof erschien allen wie in der Glorie einer Schutzheiligen des Landes ...
Lucinde sass in einem Kreise von Offizieren ... Schon fing sie an allgemeines Interesse zu erregen ...
Terschka hatte sie sogleich erkannt und wollte Armgart auf sie aufmerksam machen ... Diese aber redete, um ihr Seelenleid, den ganzen Jammer ihres wahnbetörten Herzens zu verbergen, mit Püttmeier, der ihr gegenüber sass, und entschuldigte ihre Nichtanwesenheit bei seinem Vortrag, der, sie sprach das im vollen Glauben, ja "so entzückend schön" gewesen sein sollte ...
Püttmeier hörte indessen nur halb ... er wollte den ihm dargebrachten Toast erwidern und es ist ein eigener Zustand im Menschen, wenn er, so zu sagen, einen Toast im leib hat. Oder wie anders soll man die Lage nennen, die nicht unähnlich sein muss der sehnsucht nach einer glücklichen Niederkunft? Sage man was man will, Steckenbleiben ist bitter und Geistesgegenwart ist nicht Jedermanns Sache, am wenigsten derer, die Geist haben. Da sitzt so ein toastschwangerer Mensch und die speisen werden ihm servirt und er nimmt mit dem Löffel, was er mit der Gabel greifen soll, tief abwesend ist er und lebt nur in der Repetition der schönen Dinge, die er sagen möchte. Nun begegnet ihm noch das Unglück, dass ihm links ein Nebenmann fortwährend die Flammen der Begeisterung schüren will, mit dem Messer an ein Glas zu schlagen droht, zum Zeichen, dass hier Jemand sprechen wolle. Um Gottes willen noch nicht! ruft der verzweifelnde Demostenes dazwischen, während er, statt sich in Musse sammeln zu können, wieder zur Rechten von einer unglückseligen Plaudertasche ins Gebet genommen wird, die ihn nichts ahnend über alles ausfrägt, über den Kirchenstreit, den Kirchenfürsten, über Roms Allocutionen, Concordate, Exercitien, Barmherzige Schwestern, Hoffnungen auf neue Klöster und Jesuiten ... Eine Erklärung: Beste gnädigste Frau Gräfin, schonen Sie mich, ich habe einen Toast im leib! kann ein Mensch von Geist unmöglich abgeben, da ein Toast nur immer die Schöpfung eines fast bewusstlosen, genial improvisirenden Mitteilungsdranges sein soll. Ein verzweiflungsvoller Zustand das! Um so mehr, wenn der rechte Moment vorübergehen kann, der, wo die Toaste, die nach vielen andern kommen, ihre Zündkraft verlieren ...
Püttmeier hatte die Gräfin Münnich zur Linken, das fräulein von "Anflicker" zur Rechten, Armgart sich gegenüber. Klopfte auch Jene nicht, einen "Zustand" an ihm bemerkend, vorschnell mit dem Messer an ihr Glas, so glaubte doch die Dame zur Rechten alles aufbieten müssen, den hochberühmten Denker so zu unterhalten, wie es einer Dame auch ihres vielseitigen Rufs geziemte; denn fräulein von Merwig-Anflikker, eine Jungfrau in den Vierzigen, war von einem Unternehmungsgeist, der in allen Gebieten Courage zeigte, in der Musik, in der Plastik, in der Poesie, in der Declamation – nichts fehlte, als der Erfolg ...
Püttmeier! Püttmeier! Wahre deinen Vorteil! Gleiche dem Maikäfer, den der glückliche Knabe über die Hand laufen lässt! Im besten Bewundern seines schwarzen oder braunen Halsschildes, seiner behaarten Fussschienen, fliegt er dem Beobachter plötzlich auf und davon! fräulein von Merwig-Anflicker reisst die Debatte an sich und dich mit hinein! Sie muss ja streiten, streiten bis zum Unschönen – sie stritt schon sogar einmal bis zu einem nur mühsam beigelegten Pistolenduell ... Die Offiziere necken sie heute über den Tisch hinweg mit ihrer Kunst zu reiten und ein feinerer Kopf unter ihnen spricht in Anspielung auf die ungedruckten Gedichte des Fräuleins – vom Hufbeschlag des Pegasus und vom Riemzeug und vom Geschirr der Sonnenrosse ... Nun erwidert sie:
Die Hufeisen des Pegasus sind dem Huf des Götterpferdes v e r k e h r t angeschlagen! Wer seinem Wolkenflug nicht folgen kann, wer ihn nur zu würdigen weiss, wie der Aermste mit geknicktem Flügel auch wohl über die Sandflächen der Erde dahinjagen muss, den führt seine Spur immer gerade nur auf die entgegengesetzte Seite hin, als wohin ihm die nichtsnutzige Kritik im Sande nachtrottet!
Das war ein Wort der Kraft und erntete nicht wenig Zustimmung und zerstreute nur leider Püttmeiern, den das sympatische Wort: Nichtsnutzige Kritik vollends aus dem Kreisen seines Toastes brachte ...
Aber die Sonnenrosse? – rief Onkel Levinus und hob sein Römerglas und genoss heute die ganze Freiheit seiner – ungeschlossenen Ehe ... Wie Sonnenrosse eingeschirrt werden, fuhr er begeistert fort, das kann man nur wissen, wenn man Aurora auf ihrem Gespann von einem Berg der Alpen begrüsst hat oder vom Capitol in Rom oder von einem Vorgebirge Griechenlands! Da hört man die Sonnenrosse, wie sie angeschirrt werden! Da sieht man's, wenn