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ihn nicht?

Ich habe das Merkzeichen meiner Kinder ... Und schon in Westerhof! ... Was wollt' er dort? ...

Warnen Sie ihn!

Warnen? ... Damit halte ich mich nicht auf! ... Ich trag' ihn auf einen Turm und werf' ihn hundert Fuss tief, wenn er nicht Ordre hört! Ist aber an ihm noch zu flicken, so schaff' ich ihn nach Bremen und von da aufs Schiff und mag er dann nach Amerika gehen ...

Lucinde sagte sich selbst: Werde nur nicht übermütig, seit du siehst, dass dich der Himmel noch liebt!

Hubertus begann eine Frage, die er nun auch noch nach Terschka richten wollte, unterbrach sich aber, weil in der Ferne die Jagdhörner ertönten ...

Also Westerhof! wiederholte er ... Schneid! ... UndSieSie Wilde, Wilde! Warum soll ich nicht den Pater Sebastus grüssen?

Einem Kloster ziemt kein Frauengruss! sprach sie mit Lächeln ...

Der arme sitzt in Haft ... Wie hätt' ich ihm gegönnt, nach Lüttich zu entfliehen ...

So vertraut war Hubertus mit Klingsohr ...

In Haft? fragte sie ...

Wenn ihn nicht heute der Domherr von Asselyn frei bekommt ... Ja! ... Der wollte ein Wort für ihn beim Provinzial einlegen ...

Lucinde sah im Geist zwei, drei Räder gehen und sich selbst in ihrer Mitte ... Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftalles rollte rundumund nichts war fest ...

Noch einmal rief sie dem schon Abschiednehmenden und immer vor sich hin: "Schneid!" "Schneid!" Murmelnden und richtete lächelnd die Frage an ihn:

Wissen Sie nicht irgendeinen hohlen Baum? Eine vom Blitz erschlagene Eiche?

Im Düsternbrook! Gewiss!

In diesen Baum soll Klingsohr entfliehen! ...

IneinenBaum? ...

Ich denke ... Wo möchte der Pater am liebsten sein?

Wo Sie sind oderin Rom!

Nun gut! ... Der Weg nach Rom führt durch jenen hohlen BaumAber die Jäger kommen ... Ein andermal! ...

Was Jäger! Auch ich war einerhier und in den Wildnissen Javas! Was Entbehrung und Anstrengung heisst, das kenn' ich ... Ich bin von Schlangen gebissen worden und Malayen sogen mir das Gift aus den Wunden ... Selbst lernt' ich Gift aus einem frisch gebrochenen Schlangenzahn saugen und keine Schlange mehr hatte seitdem Gewalt über mich ... Doch ja! EineEine freilich! ... Aber was soll's mit dem Baum? Ich verstehenurersthalb und halb ...

Lucinde wiederholte Nück's Rat ...

Die Regel Ihres Ordens, sprach sie schnell und wie zwischen Tür und Angel, gestattet Ihnen Veränderungen Ihrer Lage, aber nur müssen Sievom Strengen zum Strengern übergehen! Flieht der Pater in einen Baumstamm, lebt dort als Einsiedler, erträgt die Härte des Winters, bleibt in Sturm und Regen, hütet sein Crucifix und kümmert sich nicht, wer oder was ihn ernährt, so hat kein Kloster Gewalt über ihn; das Bedürfniss grösserer Gottseligkeit ist heilig. kommt dann aberder Frühlingkommen die Schwalben

Ha! So entfliehen wir nach Rom!

Nach Rom? Auch Sie?

Auch ich!

Nun gut! Aberohne Sandalen! Ohne Kapuze! Statt des Stricksmit dem Stachelgürtel! ... Nach der Regel des heiligen Petrus von Alcantara, die Sie vorgeben müssen, in Rom annehmen zu wollen ... Seinen getreuen Alcantarinern wird sankt-Franciscus Verzeihung gewähren ... Die Prüfung ist gross ... Aber wo sehe' ich Sie wieder? ... Man kommt! ... Morgen in der Frühe im Münster von Witoborn ...

Damit drängte sie den staunenden Bruder aus dem Zimmer, zog die Tür sofort wieder an sich und eilte die Reste des briefes zu zerstören, ihr Haar, ihre Kleider zu ordnen und sich zur Rückkehr in die Gesellschaft zu sammeln ...

Ihre Brust atmete auf ...

Kann denn für dich, riefen tausend frohlockende Stimmen, noch ein Wunder geschehen? Selbst das Gefühl der Versöhnung mischte sich in ihren jubel. Wurde das Verbrechen unterdrückt, so zog keine unerbittliche Hand mehr Paula von Bonaventura's Seite ... Auch das glaubte sie jetzt wünschen zu können. Mit erleichtertem Herzen, hoffnungsvoll kehrte sie in den jetzt schon von Kerzenlicht widerstrahlenden Saal zurück ...

Das ganze Schloss war inzwischen in Bewegung gekommen ...

Hörnerschall, Peitschenknallen, Hundegebell hörte man schon in nächster Nähe ... Die Jagd kehrte heim ... Jubelndes Halali wurde geblasen schon bis in den Schlosshof herein ...

Die Frauen standen im saal und zum Empfang der Männer geschart ... Von Püttmeier's Künsten waren sie noch alle wie Traumbefangene; der Glanz der Lichter, der Duft der speisen rief sie in eine nicht minder behagliche Wirklichkeit zurück ...

Der Erfolg der Jagd war zuletzt der lohnendste gewesen. Das erlegte wild kam in einer langen Wagenreihe an hoch bedeckt mit Tannenzweigen. Sämmtliche Treibleute, die den Tag über und schon gestern meilenweit mitgewirkt hatten, standen im Schlosshof und empfingen ihren Lohn für die gehabte Anstrengung. Man zahlte mit