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Waren denn das Worte der Verstellung? ... War denn dieser mutige, entschlossene Ton die Sprache eines Feindes oder Bundesgenossen?
Der Greis richtete jene Miene auf sie, die, das erkannte sie jetzt, Lächeln sein sollte ... Sie vertraute dem innigen Ton der heftigen Rede des Alten und fragte mit Wonneschauern glücklicher Hoffnungen:
Was haben denn aber Sie für ein Interesse an solchen Verbrechern, die, wie Herr von Enckefuss glaubt, meine Freunde sein können?
Bei sankt-Franciscus! rief Hubertus ... Das ist, denke' ich, keine Kleinigkeit, wenn man in Liebe an Jemand jahrelang denkt, ihn wiedersehen will und wiedersehen muss und gerade im selben Augenblick von ihm erfährt, ein Dieb, ein Räuber ist's geworden, wie – die andern waren ... Sehen Sie diesen Picard milder an, so weiss ich nicht, warum, fräulein. Ich habe in jungen Jahren ein paar gute Körner in den Schurken gelegt ... sind die so schlecht aufgegangen? So ganz der Apfel beim Stamm geblieben? Zwischen zwei Bäumen mach' ich im Wald eine Hängematte aus ihm und lass' ihn nicht eher zur Erde, als bis er vor Gott mir ein besserer Zeuge wird! Das schwör' ich Ihnen!
Wie kühlender Regen nach wochenlanger trockener Hitze überrieselten diese Worte Lucindens Furcht und Bangen ... Sie sah eine Möglichkeit, den Verbrecher von seinem boshaften Plane, Nück zu Geldzahlungen zu zwingen, zurückzubringen ... Aus ihrer unterirdischen Wanderung mit Bickert entsann sie sich seiner Scheu vor einem Madonnenbilde, entsann sich seines Ganges in den Beichtstuhl Bonaventura's ... Vielleicht war er nicht nur einer Drohung, sondern selbst einer Mahnung zum Besseren zugänglich ... Es lebte in ihm jene Ideenverwirrung, die die moralische Milde des Katolicismus in den Köpfen der Masse anrichtet ... Sie sündigt und beichtet und beichtet und sündigt ... Der Bravo lässt den Dolch weihen, der gedungen ist, einen andern zu morden ... Die gemachte Beute wird mit der Gottesmutter und mit den Heiligen geteilt ...
Um ihre Freude nicht zu verraten, schwieg sie und redete auch da noch nicht, als Hubertus mit immer dringlicherer Eile fortfuhr:
Sie kennen ihn! Sagen Sie mir aufrichtig, ohne Furcht: Wo ist er? Verlieren wir keinen Augenblick! Ich will ein Wort mit ihm reden wie Jüngstes Gericht!
In Lucindens inneren zog es wie eine himmlische Musik auf ... Hubertus erschien ihr schön ... Sie hätte ihn küssen mögen ... Aber auch schon lachen vor innerstem Krampf und namenloser Freude ...
Sagen Sie mir es nicht? Mir? Mir nicht? Was sollte auf Westerhof geschehen? ...
Lucinde zuckte zusammen ...
Reden Sie? Ich bitte!
Ich will Ihnen vertrauen! sprach sie. Auch ich – möchte – den – verirrten – Menschen schonen! Eine elende Vorspiegelung hat ihn bestimmt, hieher zu reisen und ein Verbrechen auszuführen, das ich – Ihnen nicht anzugeben weiss, das aber gute – unschuldige Menschen – ja mich selbst in peinliche Lagen bringen kann! – Versichern Sie sich seiner person! Haben Sie Einfluss auf ihn, so können Sie mir und manchem, der Ihnen dafür ewig danken wird, keinen grösseren Dienst erweisen, als wenn Sie ihn, wie Sie nur irgend können, unschädlich machen! Ich wünschte, Sie wären nicht so geldscheu, wie dies Klosterbrüder zu sein pflegen! Geld scheint das einzige Mittel zu sein, diese wüste Seele zum Bösen oder vielleicht ebendeshalb auch noch zum Guten zu lenken – und wenn ich Ihnen aus meinen Mitteln –
Das lassen Sie nur! unterbrach Hubertus. Sehen Sie, wie sich alles treffen musste – Dem Schurken hielt ich zehntausend Taler in Bereitschaft –! Sie staunen? ... Noch mehr! Das ist Geld, an dem Ihre eigenen Tränen haften, fräulein! Ja Ihre! Ihre! ... Geld, das Sie, Sie mit erwerben halfen durch Hunger und Entbehrung! Jene Erbschaft der ermordeten Frau, die auch Sie auf dem Gewissen hat – fiel ja mir zu ...
Lucinde war es nicht gewohnt, etwas von ihren Tränen zu hören ... Und wie sich der ewig Unglückliche des Glücks entwöhnen kann und dessen Annäherung gar nicht mehr mit voller Beseligung fühlt, so entwöhnt sich auch das Herz, das man ewig kalt und empfindungslos nennt, der Anerkennung seiner bessern Gefühle ... Sie war mehr erstaunt als gerührt über diese Worte ... Sie erschrak sogar über sie; sie erinnerten an Klingsohr ...
Woher wissen Sie das? fragte sie ...
Durch Pater Sebastus! bestätigte Hubertus und musterte Lucinden mit dem ganzen Rückblick auf alles, was er über sie wusste und nach dem Eindruck, den sie ihm machte, jetzt wohl für glaublich halten konnte ... O wüsst' er, fuhr er mit freundlichem Nicken fort, dass Sie in seiner Nähe sind! Darf ich's nicht dem Armen sagen?
Wem? fragte sie ausweichend und befremdet ...
Heinrich Klingsohr! ...
Wir sprechen von den Gefallenen, nicht von den Erhöhten! sagte Lucinde mit einer der ihr geläufig gewordenen devoten Wendungen ... Sie finden den, den Sie suchen, auf dem schloss Westerhof! Unter dem Namen "Schneid" hat er dort eine Stelle gefunden ... Sein Aeusseres – Seit wie lange schon sahen Sie