... Die Welt wusste schon alles! ...
Der Alte sah die Vermutung des Briefes bestätigt ...
allmählich zog er aus der inneren tasche seiner Kutte das Papier ... Vor Aufregung lächelte er selbst ... Konnte eine so schöne, junge Dame mit Verbrechern bekannt sein? ... Bei seinem Lächeln gingen ihm die Winkel seines Mundes fast bis zum Ohr ... Es war nicht zu unterscheiden, ob der schreckliche Mönch ihr Vorwurf oder Teilnahme bezeigte ...
Lucinde stöhnte mit schwerem Atem:
Jean Picard? ... Den Namen hab' ich – einmal nennen hören ... Ja! ... Was soll es mit ihm? ... Er hat auf einem Kirchhof einen Sarg erbrochen ...
Der ... Der! Ganz recht! ... ergänzte der Mönch, entfaltete den Brief und prüfte Lucindens Benehmen, das sich vergebens zu fassen suchte ...
Wissen Sie, wo er ist? Sie würden den Behörden – mit der Angabe – einen Gefallen tun! sagte sie kleinlaut ...
Hubertus legte die Hand an den Knochen, der sein Kinn war, und betrachtete von unten her, forschend und mistrauisch, die kalte Ruhe, die sich ihm gegenüber so als völlig sorglos zu geben suchte ... Ob diese Ruhe gemacht war, unterschied er nicht ... Der gute Bruder hatte ein edles Herz, hatte viel erlebt, doch seine Geistesgaben waren nicht die hervorragendsten ...
fräulein, sprach er, als Lucinde so erwartungsvoll fragend stand ... Hier ist ein Brief an die Behörden in Witoborn ... Der Regierungsrat von Enckefuss wünscht, dass Sie – ja Sie, fräulein – von seinem Vater, dem Landrat, um Ihre Bekanntschaft mit diesem Jean Picard befragt werden ...
Lucinde hatte von Serlo einen Grundsatz angenommen. Dieser hiess: Droht dir eine Gefahr, und du weisst es und sie naht endlich, dann denke dir nur immer gleich die ganze Fülle des Elends! Lass nichts von beschönigenden Mittelstufen, von möglichen bessern Erwartungen aus! Sage gleich: Alles ist verloren! Und bricht dann doch nicht alles so herein, wie du fürchtetest, so hast du ja gleich eine kleine Abschlagzahlung wieder auf das Glück! ...
So sah sie sich jetzt, wo schon die Sicherheitsbehörden ihr geheimnis wussten, geradezu bereits in Ketten und Banden ... Sie sagte sich: So wandelst du hin! So wird dein los sich erfüllen! Das wird aus einem weib, wenn – "es die Liebe nicht findet" ...! So war dir's, als du auf der Bühne scheitertest! ... So war dir's, als dir in der Dechanei gekündigt wurde! ... Nun sieh nur zu, was kommt! ...
Der Mönch betrachtete das ihm durch Klingsohr so wohlbekannte Mädchen voll Staunen und Mitleid ... Kreidebleich, wie der Rand des Kamins, stand sie und bemerkte nicht, dass ihr der Alte mit seiner knöchernen Hand den Brief selbst zu lesen gab ... Die Augen gingen ihr tief innenwärts ...
Lesen Sie's nur selbst, sagte der Greis und sprach dies schon wie strafend ...
Zu dunkel ist's! antwortete sie, wollte lesen und konnte nicht ...
Sie wandte sich, weil ihre hände zitterten und hauchte:
Sagen Sie doch selbst, was darinnen steht!
Hubertus teilte ihr den Inhalt des briefes im kurzen Zusammenfassen mit ...
Lucinde hörte ihr Todesurteil ... Sie sah Flammen um sich her und konnte nicht entfliehen ... Sie hörte Sturm läuten von den Türmen und rannte sinnlos mit den andern ... Grützmacher, der Wachtmeister aus Kocher am Fall, stand vor ihr mit seinem Signalementbuch und sprach sein: Na Paschol, Mamsell! ... Eine Emissärin hiess sie den Behörden schon lange ...
So stand sie wie eine Statue ...
Bei alledem sagte sie:
Dummheit! Ich sehe da die ganze – blonde – blauäugige – Weisheit des – Herrn von Enckefuss! ... Wie kommen denn Sie – Sie, ein Klosterbruder, dazu, von diesen Menschen – in – Criminalsachen gebraucht zu werden?
Der Landrat kennt diesen Brief noch nicht! sagte Hubertus. Auch soll er seinen Inhalt nicht erfahren – Darauf geb' ich Ihnen mein Wort – falls Sie mir sagen, fräulein, wo ich – Jean Picard finde!
Lucinde wandte staunend ihr Antlitz ...
Und was geschah? Da lag das Papier schon auf dem halb im Verkohlen begriffenen Feuer des Kamins ...
Der Mönch hatte es eben hingeworfen und das plötzliche Wehen des Kleides, das entstanden war, als Lucinde hoffnungsbelebt einen Schritt zurückfuhr, brachte den Zugwind, an dem sich das Papier entzündete und langsam zu verbrennen anfing ...
Ich begreife Sie nicht –! flüsterte sie und fühlte bereits jene Serlo'sche "Abschlagzahlung wieder auf das Glück" – ihre Augen blitzten wie ein Sonnenstrahl aus Wolken ...
Mein fräulein, begann der Mönch, mag dem sein wie ihm wolle, und was Sie auch mit solchem Volk zusammenbringt, ich gebe Ihnen den Schwur beim Patron meines Ordens, dass ich diesen Teufel kneble, binde, geradezu aufhänge, wenn ich ihn finde, um ihn von seinem Lasterleben zurückzuhalten ... Sagen Sie mir nur, wo ich ihn entdecke – diesen Jean Picard