1858_Gutzkow_031_520.txt

bei Witoborn im dortigen Archiv Feuer anlegte ... Bei dem dann entstehenden Tumult sollte er eine Urkunde, die er wohlverwahrt bei sich zu haus hätte, in das Archiv bringen ... Ich stand erstarrt ... Mich endlich ermannend fuhr ich dem wüsten Menschen an die Gurgel und wollte die Wache rufen ... Darüber wieder entsank mir der Mut ... Ein Verdacht, ein Flecken würde immer geblieben sein ... So redete ich dem stumpfsinnigen, der deutschen Sprache kaum mächtigen Menschen zu, bat ihn vernünftig zu sein, solche Nichtswürdigkeiten nicht zum zweiten male gegen mich auszusprechen und gab ihm hundert Taler zur sofortigen Abreise ... Wie bereu' ich die geringe Summe, die ich gegeben! Auch die Drohungen, die ich ihm nachrief! Ich fahre sofort auf das Polizeiamt! sprach ich ihm die Tür weisend; ich werde Sie anzeigen und beobachten lassen! ... Da erst besann ich mich: Hammaker wird ihm gesagt haben: Gelingt es oder nicht, so sind tausend Taler mehr oder weniger für Nück's Furcht eine Bagatelle! Ewig kannst du auf die Art von ihm ziehen! Jedenfalls mehr, als wenn du in Westerhof uns, heute oder morgen, beide angäbest und zum Dankdann doch auch mit ans Eisen müsstest! ... Ich höre alles das! ... Lucinde, wir erleben eine grosse Demütigung ...

Nück brach fast zusammen. Er kam zu keiner Besinnung mehr, steckte mit seiner Furcht aufs neue Lucinden an, die an manche Beruhigung sich halten wollte, drängte in sie, abzureisen, Bickert aufzusuchen und durch ihre Beredsamkeit, natürlich auch durch so viel Geld, als sie nur mitnehmen wollte, den Verbrecher von seiner Tat zurückzuhalten ...

So reiste sie noch am selben Abend ab und kam nach Witoborn in der leidenschaftlichsten Erregung ...

Nur zu bald erfuhr sie hier, wo sich ein gewisser Dionysius Schneid befand ... Schon auf Westerhof! ... Schon am Ziel seiner gewinnsüchtigen und frevlerischen Absichten! ... Wie aber näherst du dich ihm? Wie rettest du dich vor Schimpf und Schande ... Im Geist sah sie sich durch alle diese Vorgänge auf der Bank vor den Assisen ...

Willenlos hatte sie sich heute schmücken lassen ... Willenlos war sie nach Münnichhof gefahren ...

Paula hatte schon eine Vision von einer Feuersbrunst gehabt! ... Das hörte sie dann ... Sie sah in Püttmeier's Bildern immer nur Brand und Brand ... Sie musste sich selbst wie schon aus den Flammen losreissen ...

Brütend, wie sie an Dionysius Schneid kommen sollte, sass sie in dem dunkeln Zimmer, zum Tod vernichtet ...

Entsetzt fuhr sie zusammen, als ein Bedienter den Kopf durch die Tür steckte und sie nach ihrem Namen fragte ... Vor ihren Blicken standen gleich Häscher und Richter ...

Der Bediente sagte, ein Mönch, ein Laienbruder hätte bei einigen Dienern, die von Witoborn mit gekommen wären, nach dem fräulein gefragt und zu seinem Erstaunen gehört, dass sie selbst hier anwesend wäre ... Ob er sie sprechen dürfte? ...

Wer? fragte sie halb ablehnend, halb nicht begreifend ...

Ein Bruder Hubertus! Ein frommer guter Alter ... Aus dem Kloster Himmelpfort drüben ...

Hubertus? ...

Den Namen kannte sie ja ...

Aus Serlo's Erinnerungen sah sie den Pater Fulgentius vor sich, den Hubertus einst gerichtet hatte ...

Sie wusste auch, Hubertus war der ehemalige Verlobte ihrer Hauptmännin ... Der "Bruder Abtödter" war's, der Klingsohr zum Pater Sebastus gemacht hatte ...

Naht sich schon wieder die Kette, die dich ewig an das Vergangene schmiedet? rief es verzweifelnd in ihrem inneren ...

Sie wollte den Mönch abweisen ...

Doch, noch ehe sie erwidert hatte, öffnete sich die Tür und ein dunkler Schatten huschte herein.

16.

Vor der Unschönheit des Anblicks, der sich ihren Augen darbot, ergriff Lucinden ein Schauder ...

Das waren keine Züge, die dem Leben angehörten ... Jene Chinesenköpfe, die sie einst im verschlossenen Zimmer der Buschbeck gesehen, traten ihr entgegen ... So lächeln Mumien ...

Was wünschen Sie? fragte sie indessen mit sich sammelnder, ablehnender und hoffärtiger Kälte ...

Sie erwartete eine Botschaft von Klingsohr und konnte sich darum noch weniger zur Freundlichkeit stimmen ...

Mein geehrtes fräuleinbegann Hubertus mit seinem im wunderlichen Tonfall gesprochenen fremdartigen Dialekt und unterbrach sich dann schon selbst, um sich erst zu versichern, ob seine Rede unbelauscht blieb ...

Lucindens Schrecken mehrte sich ...

Was wollen Sie? sprang sie voll Furcht und Unwillen auf ...

Dunkler und dunkler war es geworden ... In einem Kamin, sah Lucinde erst jetzt, leuchteten noch halbglimmende Kohlen ...

Mein fräulein, begann der Mönch aufs neue und mit Milderung seiner auffallenden Hast, Sie wohnen ja wohl bei Frau von Sicking –?

Ja! Warum? ...

Sie heissen Lucinde

Schwarzwas fragen Sie danach?

Ich möchte wissen, ob Ihnen der Nameeines gewissenJean Picard bekannt ist? ...

Lucinde musste sich am Rand des Kamins halten ... Da war das tödliche Wort gefallen ... Das geheimnis ihres Innersten ausgesprochen