Griff verweigern! ... Eine Hölle grinste mich gleich an aus seinem Racheblick ... Ich sehe – sie ist jetzt losgelassen ...
Nück musste sich halten ... Er war zu erschüttert – Lucinde dachte an Serlo, der einen Abend hatte zubringen können, zu raten, wen wohl Goete in seinem "Clavigo" im Sinne gehabt, als er Carlos sagen lässt: "Ich, der ich dabei war, als dem ersten der Menschen die Angsttropfen auf der Stirn standen" –? Lucinde hätte unter den vielen Beispielen verzweifelnd Ueberführter oder unerwartet vom Schicksal Geäffter, die Serlo aus seinem Leben nennen konnte, jetzt den Oberprocurator Nück anführen können ...
Eines Tages, fuhr Nück in stammelnder Rede und so, als würde schon durch seine Erzählung der Moment des Handelns versäumt, fort – eines Tages, als ich über die fehlende Urkunde in dem grossen Processe klagte, sagte Hammaker, der ein Jurist war, seltene Kenntnisse besass: Nück! Spielen wir doch – ein bischen Pseudo-Isidor! Sie verstehen das nicht ...
Doch! sagte Lucinde. Der heilige Isidorus von Sevilla hat die Regeln aufgeschrieben, nach denen sich allmählich euer kirchliches Recht bildete! Ein Geistlicher in Mainz, Benedictus Levita, gab hierauf diese noch einmal heraus, gefälscht aber durch Zusätze, die der Macht der Bischöfe über den Klerus günstig waren. Um nun wieder die Bischöfe sicher zu stellen vor den Folgen jener Verfälschung, liessen diese durch neue Fälschungen dem ersten Bischof in Rom die höchsten Ehren. Ohne diese Lügengewebe des falschen Isidorus von Sevilla gäb' es keinen Papst in Rom, keine dreifache Krone, die die Welt beherrscht, auch keinen Orden vom goldenen Sporen – –
Nück reichte gezwungen lächelnd mit der zitternden Hand zu Lucindens Stirn hinauf, als wollte er sagen: Wert bist du selbst eine Krone zu tragen! ... Mit einem Gemisch von Huldigung, von gemachter Frömmigkeit und Ironie warf er die Worte hin: Bei alledem sind Sie eine grosse Ketzerin! ... Dann fuhr er fort: Ja! Hammaker sprach von diesem Pseudo-Isidor, der allerdings Rom gross gemacht hat und Rom gedeihe doch! Gedeihe durch eine Lüge! sagte der Schurke. Ich lächelte – lächelte ohne Arg ... Ich beschwöre Ihnen dies! Ich beschwör' es – bei – Ihrer – Liebe zum Domherrn – denn an etwas anderes in der Welt glauben Sie doch nicht! Hammaker veranstaltete alles, was ich – zwar nur so obenhin, aber doch schon von Entsetzen ergriffen – plötzlich zu ahnen begann ... Immer hatte er etwas, was bald zu meinem Glück, bald zu meinem Verderben ausschlagen konnte ... Alle Kenntnisse besass er, die dazu gehörten, eine falsche Urkunde im Geschmack alter Zeit aufzusetzen, sie aufs zierlichste zu copiren, sie mit chemischen Mitteln wie wurmstichig zu machen, sie mit Kaffeesatz zu bräunen ... Nur durch einen Act der List oder Gewalt konnte diese Urkunde in die Archive kommen ... Ich ahnte ein Vorhaben dieser Art, das mich ewig zu seinem Sklaven machen musste ... Das wollte er denn auch ... Indessen – ich beruhigte mich – ich sah ja sein nahes Ende ... Im gefängnis wär' ich gern einmal auf meine Furcht zurückgekommen, nur hatte' ich immer Feuer an den Sohlen, so oft ich mit ihm reden musste ... Noch jetzt – sehen Sie – Nur an ihn zu denken und nicht schon handeln ist gefährlich – Sie müssen reisen, Lucinde ... heute, heute noch! ...
Lucinde stand mit klopfendem Herzen, ein Bild zwar des Schreckens, aber doch schon gefasster, da sie die Mitfurcht eines so mächtigen Dritten hatte ...
Vielleicht irr' ich mich in den Voraussetzungen über die Verkleidung jenes Picard ... sagte sie ...
Nein, nein! Hammaker hat mir diesen Dank fürs Leben hinterlassen wollen! Nun weiss ich es für gewiss! Folge mir auch d u ! riefen die Teufel in seiner Brust, als er aufs Schaffot musste ... In meinen Gefängnissgesprächen mit ihm deutete ich auf jene frühern Aeusserungen über den falschen Isidorus hin ... Da fuhr er auf und sagte höhnisch, dass ich ihm denn doch auch zu viel Devotion für meine Interessen zutraute ... Für – meine Interessen? fragte ich forschend, musste aber schweigen und sehen Sie da, wie ich mit ihm stand – jedesmal dass ich bei ihm war, hatte ich Gift bei mir und wollte es ihm anbieten ... Einmal machte ich davon eine Andeutung ... Da sprang er auf mich zu und erschlug mich fast mit der Handschelle ... Ich entfloh, die Wache kam herein ... Ich hörte die nichtswürdigsten Worte hinter mir hergerufen ... Er glaubte nicht an seine Hinrichtung – er wollte die Buschbeck nur im Ringen, nur im Verteidigungsstand gegen eine Wütende erwürgt haben ... Voll Rache, auch gegen mich und meine scheiternde Verteidigung, bestieg er das Schaffot. Seitdem atmete ich auf und ahnte nicht, dass er mich nach sich zieht ... Neulich merkt' ich etwas davon zum ersten male ... Ein Mensch kommt zu mir und stellt sich mir vor als ein von Hammaker Gedungener –
Den – Den mein' ich! ... bestätigte Lucinde ...
Als ein Mensch, der von mir tausend Taler bekommen würde, wenn er auf Schloss Westerhof