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Begegnung sagenwie fast alle Frauen –: Wir gehören nicht zusammen!

Ihre Furcht erwachte aufs neue ...

Zu schreiben an Nück wagte sie nicht ... Täglich hatte Nück das Princip wiederholt, das sie schon bei der ersten Unterhaltung von ihm gehört: Nicht schreiben! ...

Schon nach drei Tagen war ihr Zustand völlig ratlos ...

Als sie gerade in den obern, schon von Delring verlassenen Zimmern des zweiten Stockes etwas räumte, kam ihr eines Morgens Nück entgegen. Es war wie zufällig. Hier, in den schallenden Zimmern, ohne Tisch und Stuhl, hier wagte er, nicht achtend der Erinnerung an eine Sterbestätte, auf der sie standen, eine Scene herbeizuführen, wie die erste gewesen an jenem Piter'schen Festabend und wie sie neulich ihm gestört worden war ...

Lucinde unterbrach ihn aber und sagte:

Wollen Sie mich wieder auffordern, das auszuführen, wofür Hammaker Bickert gedungen hat, der in diesem Augenblick vielleicht im Begriff ist, Ihren Process durch Mord brennerei zu entscheiden?

Nück sah sie mit seinen weit aufgerissenen weissen Augen an ...

Schon ertrug sie diese Augen, die ihr früher so entsetzlich gewesen ...

IndiesemAugenblick –? Was reden Sie da? sprach er ...

Lucinde wiederholte ihre Frage ...

Hammaker? Wer istSie kennenwaswer istBickert?

Diese Frage war eine heuchlerische. Die ersten Reden jedoch, die Nück in unterbrochenen Sätzen ausgestossen hatte, schienen in der Tat unverstellt gewesen zu sein ...

Bickert, sagte Lucinde, jede Fiber in seinen Bewegungen beobachtend, Bickert ist jener Kirchhofräuber des Dorfes sankt-Wolfgang ... Ich entdeckte ihn hier bei jener Gefahr im Professhause, von der ich Ihnen noch nicht alles erzählt habe ... Aber Sie, Sie hat er mir genannt als den Mann, der ihm die Mittel geben würde, für immer nach Amerika zu entfliehen, wenn erstaunen Sie nur! – zuvor auf einem schlossFeuer angelegt und bei dieser gelegenheit eine falsche Urkunde

Himmel! unterbrach sie Nück ... Die Wände haben ja Ohren –! Was sprechen Sie da? ..

Sprachen Sie nicht einst selbst so zu m i r ?

Ich? ... Zu Ihnen? ... Wann?

Nück stand besinnungslos ...

In wessen Auftrag ist Dionysius Schneid nach Witoborn gereist? fuhr Lucinde mit überlegener Ruhe fort ...

DionysiusSchneid –? Weristdas?

Nück zeigte eine unverstellte Befremdung, war aber zugleich in eine Aufregung versetzt, die ihm, dem Kalten, Ruhigen, Allem gleichgültig Zuwartenden den Schweiss auf die Stirne trieb ... Kein Stuhl war im Zimmer, auf den er sich hätte niederlassen können ... Er taumelte zum Fenster hin, um sich dort zu halten; zufällig ergriff er eine noch zurückgebliebene Vorhangschnur und liess diese sofort aus den Händen gleiten, stöhnend:

Ich hielt meinen Schutzengel von der Reise zurück! ... Ich fange anzuahnen –! Jesus Maria! ... Ja, ja! ... Sie müssen fort, fort, sogleich! ... Wär' es denn möglich! Ich sah nichts, nichts als Ihre Liebe zum Domherrn ... Sogar die toten Schatten Serlo und Klingsohr beneid' ich noch –! Fort! fort! In diesem Augenblick!

Jetzt noch mehr erbebte Lucinde vor dieser Angst des sonst so mutigen Mannes ...

Wenn ich an jenem Abend, fuhr er mit ungewissem Stammeln und grauenhaftem Auf- und Abgehen seiner Kinnladen fort, überdie Urkundescherzte; wenn ichdie Urkunde nannte, die zu Ihrer Freude Paula zur Gräfin von Salem-Camphausenmachen könnte, so geschah's im Taumel der Freude, Sie allein zu sehen, Sie in Ihren Geheimnissen zu überraschen, Sie zu sehen an einem so berauschenden Abend in Ihrem Glanz, in Ihrer Schönheit ... Können Sie glauben, dass ich in meinem Hass so, so weit gehen konnte –? Aber ja, Sie haben Recht ... Ich Wahnsinniger, ich habe einst zu einem solchen Plane gelacht ... Ich habe drei verzweiflungsvolle Monate meines Lebens über dies lachen hingebracht ... drei Monate, wo Hammaker unter den Verhören der Richter stand ... Damals kam kein Schlaf über meine Augen ... Ich irrte umher, scherzte undlachte, aber unterm Damoklesschwert ... Hammaker warmuss ich es doch zugestehen! – ein Höllenbrand ... Für seine verlorene Ehre, für die Bildung, die er besass, rächte er sich am Menschengeschlecht ... Wie er mich auf dem Gewissen hat, darüber beicht' ich Ihnen, Lucinde, Ihnendoch nurwenn wir beide in Rom sind ... Lassen Sie mir dies Bildin der Wüste meines Lebens! ... Hammakern liess ichschon seit langefür sichgewähren und suchte nur von ihm loszukommen ... Merkte er diese Absicht, dann konnte' ich sicher sein, einen neuen Anschlag von ihm zu gewärtigen ... Er war der dunkle Schatten meines LebensUnd so unzertrennlich blieb er von mir, dass ich ihn sogar vor Gericht noch verteidigen musste! ... Die unglückselige Dose! ... Dass ich sie auch gerade ziehen musste und ihm in sie den