ihn selbst im Zusammenhang mit dieser Reise denken musste – im Postbureau wurde ihr bestätigt, dass Herr Dionysius Schneid aus Strasburg seinen Platz bis Witoborn genommen hatte –
Dann sagte sie sich: Nein, wie kannst du Nück an Dinge erinnern, die von seiner Seite nur ein einziges mal und auch da nur so flüchtig und scherzhaft hingeworfen wurden? ... Sie wusste, um was es sich in jenem zu Nück's tiefstem Verdrusse verlorenen Process handelte, jenem Process, der Paula's Lebensschicksal entschied. Sie wusste, dass mit dem Fund der Urkunde Paula zwar ihr Erbe erhielt, aber auch das von einer durch die ganze Verwandtschaft festgehaltenen Etikette gestellte Ansinnen, sich mit dem um seine Hoffnungen betrogenen Grafen Hugo zu vermählen ... Ihrer Rache konnte an sich nichts Süsseres geboten werden als dieser schadenfrohe Hinblick auf – Bonaventura's Schmerz, und dennoch – zu mächtig wirkte entweder noch die Liebe und sorge für ihn in ihrem für alles Uebrige abgestorbenen Herzen, um nicht zu erschrecken bei dem Gedanken, dass um den grausamen, sie "mit Füssen tretenden" Mann soviel Wildes sich begeben könnte, oder sie gedachte der Gefahr eines Frevels, der leicht dem Scheitern ausgesetzt sein konnte und sie selbst vielleicht in neue Wirren stürzte ... Schon war wiederholt ihr Name bei der Veröffentlichung der Beda Hunnius'schen Briefe genannt worden ... Sollte sich der Fluch ihres Daseins immer greller und greller erfüllen? ... Sollte sie durch diese wirkliche Ausführung geheimer Taten auf die Bahn des Verbrechens hinübergeführt, ihrer Bekanntschaft mit Bickert überwiesen, um ihrer Erlebnisse auf dem Professhause willen wohl gar dem öffentlichen Gerichte preisgegeben werden? ... Sie wünschte die Folgen der Tat mit heissester Begier, zitterte aber vor ihrem Mislingen ... Und nun ergriff sie die ihr eigene namenlose Angst, die sie immer hatte vor jeder Katastrophe, ehe sie da war. Flügel hätte sie sich geben mögen, den Verbrecher einzuholen, ihm nicht von der Seite zu weichen, ihn von seinem Vorhaben zurückzuhalten ... Noch einmal ging sie zu Nück, fand ihn aber wieder nicht ...
Die Ruhe des Nück'schen Hauses, die Ordnung des Geschäfts, der Reichtum, dem sie auf Tritt und Schritt begegnete, sagten ihr wohl: Törin, Törin, wessen hältst du einen Nück für fähig! Für wahnsinnig würde' er dich halten, sprächst du davon! ... Und bin ich's vielleicht nicht selbst? ... sehe' ich mich nicht ewig mit Hammaker auf dem Schaffot, sehe' ich mich da nicht mit meinen Brüdern, mit Oskar Binder, mit meiner Hauptmännin – alles so, wie ich's so oft träume! ... Die Stimmung einer wie von Furien Verfolgten und wie der höchsten Gewissensangst kam über die in sich haltlose und so tief ehrgeizige Seele ... Und um nur etwas zu tun, was den Augenblick festielt, betrieb sie ihre Reise, schützte Gründe der Eile vor, liess alle Anstalten wie zu einer Flucht treffen ... Sie glaubte wenigstens darin das Beste zu tun, dass sie, selbst wenn keine Verständigung mit Nück möglich war, doch in die Nähe des Verbrechers zu kommen suchte, um seinen Arm zu ergreifen und ihm zuzurufen: Die ewigen Mächte ziehen mich durch dich noch nicht rettungslos hinunter!
Das "Hessenmädchen" – die halbe Bäuerin – das war sie geworden! ... Geworden durch Schönheit, Ehrgeiz, Geist und – "Unglück!" ... Sie sah Nück in ihrem kleinen Zimmer jetzt an wie eine Verzweifelnde ... Ihm aber erschien sie bei alledem eine Zauberin; nur die roten Kleider, die phantastischen Zeichen fehlten um ihre Schultern, der goldene Stab in ihren Händen; er hätte sie zur Priesterin welcher Religion sie wollte gemacht ...
Schon sprach er, mit heissen Seufzern sich ihr nähernd:
Sie sind krank! Lucinde!
Sie fuhr zurück, als vergiftete sie sein Atem ...
Sich sammelnd bat er sie, sich zu beruhigen und die Pferde abbestellen zu dürfen ... Seine Augenbrauen zuckten hin und her ... Er öffnete das Fenster, sprach in den Hof hinunter und bestellte die Pferde ab ...
Lucinde liess nun alles geschehen ...
Kommen Sie! Was haben Sie? Sprechen Sie aufrichtig mit mir! Ich kann alles hören! begann er ...
Diese gleisnerische Ruhe war so entwaffnend, dass sie, als glücklicherweise die Tür aufging und die Commerzienrätin, Johanna, die Hausfreunde herbeigeeilt kamen und staunend von dem veränderten Reiseplan sprachen, einwilligte zu bleiben, zustimmte nach vorn zu gehen und ihre Furcht und ihr Bangen für den Augenblick beschwichtigte ...
Nück folgte mit Ingrimm ... Er war gestört worden in einer längst ersehnten Stunde ... Doch scherzte er alles hinweg und sagte, dass er es so weit zu bringen nie geglaubt hätte, sich wieder an Tee zu gewöhnen ...
Einige Tage vergingen Lucinden auf den Anblick der Harmlosigkeit des schreckhaften Mannes in einem Zustand scheinbarer Beruhigung oder der Abspannung ... Monika von Hülleshoven machte Condolenzbesuch und nahm Abschied, um ebenfalls auf Witoborn zu reisen ... Lucinde hätte sich der Hand dieser kleinen freundlichen und mit Rührung von Hendrika Delring sprechenden Frau anklammern und rufen mögen: Nimm mich mit! ... Doch Monika's blick war ihr kalt und streng und es schien, als wollte auch sie schon nach seiter öfter erfolgter