? Alles das – der Exercitien wegen –?
Lucinde sass, die hände aufgestützt ... Ihre Hand hielt die Bänder eines Reisehuts, der beinahe auf der Erde schleifte ... allmählich hob sie von unten her den blick und durchbohrte mit prüfender Schärfe die völlig ruhigen Züge des Oberprocurators ...
Sie waren bei mir, um Abschied zu nehmen –? fragte dieser voll erhöhten Erstaunens ...
Zweimal ... antwortete sie scharf betonend und doch durch seine Ruhe in ihrer Elasticität schon nachlassend ...
Gestehen Sie, wandte sich Nück ihr näher, es ist die Eifersucht, die Sie so mächtig ergreift! ... Sie haben von den Erfolgen des Domherrn gehört ... Tagelang ist er mit Gräfin Paula ... Er magnetisirt sie ...
Lucinde hielt die hände über die Augen, als blendeten sie die Lichter, die auf dem Tische standen ...
Haben Sie schon vom Tod des Kronsyndikus gehört? fuhr Nück fort. Ich hörte, dass er sterben wird! Fürchten Sie, von seinem Testament ausgeschlossen zu sein?
Lucinde schwieg ...
Der Präsident von Wittekind ist nach Neuhof gereist ... Hätten auch Sie noch so viel Teilnahme für den alten Tyrannen, ihn noch einmal sehen zu wollen?
Lucindens Erinnerungen liefen geisterhaft an ihrer Seele hin ... Sie sah den Kronsyndikus in Hamburg aus dem Wagen steigen, als er sie, schon damals leichenblass, bei den Geschwistern Carstens aufsuchte ... Sie sah ihn in jener Nacht in Kiel, wo er gespenstisch mit dem Degen in der Hand von seiner zweiten Frau sprach ... Dann aber drängte sich in die Teilnahme für ihn sein Schweigen, als sie mit Serlo's Familie umherirrte, darbte und vergebens auf seine hülfe hoffte ... Sie zeigte sich zu seinem möglichen tod ohne jede Teilnahme ...
Nun, in Nück's Benehmen keine Bestätigung ihrer Ahnungen findend, erhob sie sich und ging entschlusslos im kleinen Zimmer auf und nieder ...
Wollen Sie Klingsohrn das Mittel mitteilen, das ich Ihnen neulich sagte, um ihn aus dem Kloster zu bringen?
Alle diese Namen berührten Lucinden nur schmerzlich und trugen ihm ein: O schweigen Sie! nach dem andern ein ...
Ihr Reisegrund war in der Tat einer, den sie ihm nicht mitzuteilen wagte ...
Am frühen Morgen, als sie in die Messe gehen wollte, hatte sie eine Entdeckung gemacht, die sie mit eisigem Schrecken überlief ...
Am Postof hatte sie vorüber müssen und war eines Briefes wegen in diesen eingetreten ...
Da stand ein Eilwagen, der soeben bespannt wurde ...
In Begriff einzusteigen sah sie in Pelzen, mit Handtaschen, Fusssäcken, sechs bis acht Passagiere harren ...
Eine dieser Gestalten fiel ihr auf und noch mehr fiel sie, wie sie sogleich sah, diesem Reisenden selbst auf ...
Kaum hatte sie einen prüfenden blick auf einen Mann in einem wassergrünen Flausrock, mit einem roten Comfortable um den Hals, geworfen, als sich derselbe auch sofort abwandte und die hände schnell aus den Rocktaschen zog, in die er ruhig sie gesteckt hielt ...
Sie sagte sich: Das ist ja Bickert! ... Darüber konnte kein Zweifel sein ... Wuchs, Gesichtszüge waren unverkennbar, nur das Hauptaar ein anderes ... Sonst rot, war es jetzt dunkelschwarz und lockig ...
Sie musste stehen bleiben und wandte sich, um den Verbrecher näher in Augenschein zu nehmen ...
Jetzt, sah sie, entdeckte er, dass auch sie ihn erkannt hatte, und immer mehr vermied er nun, ihr ins Angesicht zu sehen ...
Einen Augenblick tat sie, als entfernte sie sich; doch nur um wieder zurückkehren zu können und sich vor die auf den Türen befestigten Tarife zu stellen und scheinbar diese zu lesen ...
Jetzt wurde das Gepäck der Reisenden gebracht ... Sie hörte: "Nach Witoborn!" ...
Ihre Brust klopfte ... Sollte sie den Unglücklichen anreden, der ihr seine Nichtentdeckung, dem aber auch sie kürzlich eine grosse hülfe und Rettung ihrer Ehre verdankte, ihn, der sie mit jenen Papieren aus dem Sarg des alten Mevissen, wie sie wenigstens glaubte, zur ewigen Herrin über Bonaventura's Schicksal gemacht hatte? ... Sollte sie ihn fragen, ob er es wäre, der nach Witoborn reiste? ...
Da fiel ihr seine Mitteilung über Hammaker's Anträge, sein Wort vom "roten Hahn auf ein Schloss" ein, sein: Sapristi! als sie in dem unterirdischen gang selbst von Westerhof, selbst von Nück begonnen hatte ...
Noch wogte ihre Angst um ein Verbrechen, in das sich nun Nück doch noch einliess, noch wogte die Furcht, hier so länger stehen zu bleiben, als die Namen der Passagiere aufgerufen wurden ... Der, der ihr Jean Picard schien, stieg mit der Bezeichnung: "Herr Dionysius Schneid" in den Wagen ... Sie hatte sich's wohlgemerkt; der Name wurde zweimal gerufen ...
Nun blies der Postillon ... Der Verbrecher fuhr von dannen ... Unter dem Eingang der Post drückte er sich in eine Ecke, um nicht beim Vorüberfahren ganz aus nächster Nähe beobachtet zu werden ...
In erster Aufregung flog Lucinde zu Nück, um aus seinem Benehmen zu erkennen, ob sie sich wirklich ihn,