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zu waschen, sie für die Bahre zu schmücken ... Gerade das, worauf die meisten Vorbereitungen getroffen werden, gerade das, dessen Eintritt ins Dasein uns nicht hoch genug beschäftigen kann und an das wir all unsern Mut, all unsern Verstand, unser ganzes Herz setzen, das tritt n i c h t ein!

Lucinde sprach dies einem Urteil in Serlo's Papieren über eine Dichtung nach. "Der Held m u ss t e sterben! Wie kann man denn soviel reden und handeln lassen, um dem Misgeschick vorzubeugen, wenn das Misgeschick nicht wirklich ein Ungetüm ist, das Menschenkraft nicht überwindet? Die Götter strafen jede Einmischung in ihre Rechte. Das ist traurig, aber gar nicht so niederdrückend, wie es scheint. Wenn der Vorhang fällt, wenn die Menschen wieder an ihren abendlichen Kartoffelsalat gehen und sie hochvergnügt scheinen, dass nicht Gott, sondern die Birch-Pfeiffer die Welt regiert und die guten Seelen zuletzt doch 'sich kriegen', so glauben sie's im grund nicht. 'Romeo und Julia' kann kein Schauspiel sein. Der Todder ist zuletzt doch etwas Süsses für uns und die einzige Schönheit, die eine Tat ins Grosse verklärt. Wäre der Tod nicht, wir unternähmen nichts mehr, was unserm göttlichen Ursprung Ehre macht. Es ist, als forderte uns ein Preis heraus, je höher die damit verbundene Gefahr ist. Was wären wir, wenn das Schöne auf Erden sich halten könnte! Gerade der unterliegende Kampf gegen das Verhängniss zieht uns himmelan!"

Acht Tage nach dem Begräbniss Hendrika's wurde der edlen ein Opfer gebracht, das reiner gegen Himmel stieg, als alle Seelenmessen für sie, die auf Jahre hinaus von der Mutter gestiftet wurden. Treudchen Lei, die noch nicht ihr Trauerjahr um ihre Mutter vorüber hatte, kehrte in die teilweise schon geminderte volle Trauerkleidung zurück. Tief verhärmt war sie schon lange; ihr schönes blondes Haar verriet nichts mehr von der alten gefallsamen Pflege. Schon lange nagten die bittersten Schmerzen an ihrer Ruhe. Piter hatte einem geheimen Familienconvent nicht beigewohnt. Als er das Resultat desselben erfuhr, das Beziehen des obern Stocks durch GoldfingersJohanna sollte sich noch vor Beendigung der "Heiligen Botanik" verehelichenerklärte er das ganze obere Stockwerk für sich allein zu bedürfen, für seinen nächstens zu eröffnenden Hausstand, und niemand anders, als "ein einfaches, bescheidenes Mädchen aus dem volk", keine "Staatsdame", würde er heiraten. Ein Widerstand dagegen war deshalb auch schwierig, weil die ganze Familie Treudchen liebte und sie schon lange wie eine Verwandte behandelte. Da verschwand eines Tages Treudchen. Sie hinterliess die Kunde, dass sie bei den Karmeliterinnen war. Man konnte annehmen, dass sie den Schleier nahm. Cajetan Roter, der Beichtvater der Damen vom Römerweg, kam selbst zur Commerzienrätin und erklärte, schon lange trüge das junge Mädchen die schwärmerischste Liebe zur seligsten Jungfrau im Herzen und würde der Majestät ihres göttlichen Sohnes jedenfalls die Huldigung bringen, eine Braut Christi zu werden ...

Mitten in dem furchtbaren Revolutionsausbruch, den diese Nachricht im Kattendyk'schen haus zur Folge hattePiter drohte nicht weniger, als die Katedrale bis auf den letzten Stein zu schleifentraten die Veranlassungen ein, die Lucinden bestimmten, sich selbst zur Dolmetscherin der Wünsche zu machen, die die Commerzienrätin in Betreff der vielbesprochenen neuen Unternehmung der Frau von Sikking hegte ...

Eines Tages kam sie aufgeregt in das Toilettenzimmer ihrer Gebieterin und erklärte mit angstentstelltem Antlitz, sie wollte selbst nach Witoborn reisen, um jene Bussfrage zu ordnen ...

Wally Kattendyk, hocherstaunt, weinte Tränen der Rührung über diesen edlen Entschluss, küsste Lucindens Stirn und Wange und drückte sie an die eben im Schnüren begriffenen Corsetverschanzungen ihres Herzens ...

Noch am selben Abend wollte Lucinde abreisen, unmittelbar nach jenem Besuch des Herrn Cajetanus Roter ...

Nück war Rotern auf der Treppe begegnet ... Er kam mit einer Anzahl in den Bart gemurmelter Vermutungen über die seltsam geheimen Zusammenhänge der dieser Flucht Treudchen's zum grund liegenden Ursachen ... Piter war noch auf dem Polizeiamt und requirirte eine hülfe, die ihm nach der Bulle De salute animarum nicht werden konnte, wenn Gertrud Lei auf ihrem Willen bestand und von ihrem Vormund in Kocher am Fall, einem ehrlichen Handwerker, die Zustimmung zum Eintritt ins Kloster brachte ...

Da hörte Nück von der Reise, die die nicht anwesende Lucinde beabsichtigte ...

Nach Witoborn? fragte er staunend. Das ist ja seltsam! setzte er hinzu und suchte Lucindens Zimmer ... Am Vormittag war sie zweimal bei ihm gewesen, ohne ihn zu finden ... Er hatte gerade beim Gericht plaidirt ...

Als Nück eintrat, fand er Lucinden vollständig zur Reise gerüstet ... Erst wollte sie mit einem Wort aufwallen, dann beherrschte sie sich und sank auf einen der mehreren Koffer nieder, die rings um sie her standen ...

Was ist denn, mein fräulein? fragte er mit hoch aufgerissenen Augenbrauen ...

Ich reisenach Witoborn! ... war die leise verhauchende Antwort ...

Hör' ich ja mit Befremden, erwiderte Nück ... Und mit Extrapost noch dazu? ... Im Hof unten steht Mutters Reisewagen ... Joseph begleitet Sie doch? ... Und nicht einmal das? ... Nur die Pferde fehlen noch? ... Liebste Freundin, welche Eile