Löwe, offen und heimlich, für die Wiedereinsetzung des Kirchenfürsten? ...
Nück konnte so laut lachen über die Verlegenheiten der Regierung, dass es gellend dahinschallte in den Zimmern seiner Schwiegermutter, die er jetzt jeden Abend besuchte ... Das wird die Lernäische Schlange! rief er. Einen Kopf hauen sie herunter und zwei wachsen wieder! Ha, ha! Die zeiten sind vorüber, wo die Schusterjungen, wenn sie in Berlin in einem Winkel am königlichen Opernhaus ihre Bedürfnisse befriedigen wollten, von den Gensdarmen hören konnten: "Wozu ist denn da drüben die katolische Kirche?!" ...
Solche Cynismen milderte die Lokalsprache, deren sich Nück bei seinen Bildern bediente ...
Die Frauen protestirten durch Aufstehen und heftigste Vorwürfe ... Bald aber setzten sie sich wieder und lachten über den Sonderling, der dann in die süsseste Courtoisie verfallen und den Liebenswürdigen spielen konnte ... Das graue Ungeheuer! nannte ihn, mit Wohlgefallen, seine eigene Schwägerin Johanna Kattendyk ... Guido Goldfinger, ihr Verlobter, applaudirte ihm, wenn Nück in seinen seltnern politischconservativen Anwandelungen polterte: "Aufklärung! Aufklärung! Kaum hat der dumme Bauer gehört, dass die Sternschnuppen nicht von Gottes Lichtputze kommen, wenn der Alte, im Flurhypotekenbuch der Menschheit vertieft, sich nur deshalb die Sternenlichter putzt, um ihre Sünden in desto deutlicherm Lichte zu sehen, so denkt er ja gleich: Nun all' gut, nun auch gleich Mistforke und Heugabel in die Hand genommen und auf die Zoll- und Ratäuser gestürmt, wo die unbezahlten Steuerrester und Schuldverschreibungen liegen!" Bei alledem jubelte er jeder Nachricht von einem Pöbelauflauf, wenn er nur die "Neunmalweisen" in Verlegenheit setzte ...
Ein solcher Zustand der Seele wird zuletzt haltungslos, die Widersprüche heben sich auf, nichts bleibt übrig, als was Nück in seinen geheimsten Stunden war, ein Verzweifelnder, tief Lebensüberdrüssiger. Nächtlich konnte er umherrasen, in seinen grauen, alten Mantel gehüllt. Frau Schummel war dann die Vertraute der Phantasieen seiner entfesselten Sinne; Bedürfnisse hatte er, deren Befriedigung an einem Abend ein Vermögen kostete ... Plötzlich aber stiess er wieder alles von sich und predigte Busse und konnte an Selbstmord denken ... So überraschte ihn einst Hammaker und brachte ihn auf die uns bekannten Verirrungen des scheinbar sich Erhängenwollens ... In vertrautester Stille konnte er um diesen Hammaker klagen: "Was war denn nun das für ein Unglück, dass er den bösen Drachen umgebracht hat? Die natürliche Vergeltung ist das ja hier schon auf Erden! Jene hatte andere auf der Seele, diese hatten wieder andere und den Hammaker hätte dann auch schon Einer gerichtet!" ...
"Mädchen, kannst du lügen?" "Kannst du falsche Handschriften machen?" "Kannst du Feuer anlegen?"
So hatte Nück zu Lucinden gesprochen an jenem Piter'schen Festabend. Aus ihrer unterirdischen Wanderung mit Jean Picard wusste sie etwas von einer gewissen Tat, für die dieser durch Hammaker war gedungen worden. Nück war nie wieder auf diese Zumutungen, ein Verbrechen zu unterstützen, zurückgekommen. Einiges hatte er von Lucindens Besuch im Professhause und von ihrer damaligen Todesangst in Erfahrung gebracht – die Erwähnung der "Spinozistin" Veilchen Igelsheimer brachte sie darauf ... Aber über alles Andere, was von ihm zum Gewinn des grossen Processes der Dorstes verbrecherisch unternommen werden konnte, waren seit Benno's Abreise nach Witoborn die Schleier der Vergessenheit gefallen ...
So schien alles still und friedlich ... Lucinde wurde die Vertraute des Hauses, die Freundin, die T o c h t e r , wie oft die Commerzienrätin ihr zuflüsterte – vorzugsweise, wenn sie der Mesalliance gedachte, die ihr durch Piter drohte. Denn Piter liess nicht von Treudchen. Au contraire – seit seinem verunglückten Abend war er entschiedener, denn je, darauf bedacht, sich durch gänzliche Nichtübereinstimmung mit dem, was die gesunde Vernunft von ihm erwartete, allen Menschen so gefährlich wie möglich zu machen ... Der uns bekannte Entschluss Ernst Delring's, aus dem Geschäft auszutreten und die Stadt zu verlassen, wurde auch durch ein Ereigniss erleichtert, dessen betrübender Verlauf von Tieferblickenden geahnt werden konnte ... Lucinde war nach Witoborn in Trauerkleidern gekommen ... Das Hauptmotiv, mit dem sie das Herz der Frau von Sicking im Interesse der Kattendyk'schen Bitte zu rühren hoffen konnte, war Mutterschmerz und Geschwisterliebe ... Hendrika Delring war nicht mehr ...
Die sanfte, gute, liebevolle Frau, die Treudchen Lei einst so herablassend zu schmücken verstand; die so tief beklommen dem Gebet zugehört, als Treudchen niederkniete zur zurückgesetzten Madonna; die dann gleichfalls die hände faltete – über der Hoffnung ihres Gatten, dem sie ihr Kind nach dessen ganzer Zukunft schenken wollte; Hendrika Delring, der von Piter tyrannisirte Flüchtling in den Beichtstuhl Bonaventura's, hatte die Schmerzen der Geburt nicht überstanden ... Ihr schon den Jahren nach auf solche Proben seiner Kraft nicht mehr angewiesener Körper leistete Widerstand; um die Mutter zu retten, musste das Kind geopfert werden; bald darauf entwich auch ihr die Kraft, ein letzter Hauch des versagenden Atems und sie ging hinüber in ein Land, wo ihr die Taufe ihres Kindes keine Leiden mehr bereitete ...
Das Leben i s t so! sprach Lucinde zu dem in Tränen verzweifelnden Treudchen, das sich bis zum letzten Augenblick treu bewährt hatte, sich nicht hatte nehmen lassen, die tote zu entkleiden,