und Guadeloupe ... Ihr Reisen, ihr Kommen und Gehen, ihr Correspondiren konnte man Intrigue nennen ... Dennoch lag auf allem, was sich an ihren Namen knüpfte, ein diesen Schein mildernder Duft von Andacht, von Beförderung des Menschenwohls, von Veredlung dieser Zeitlichkeit ... Jetzt waren die "Exercitien" ihre Parole ... Der Andrang dazu war so gross, dass Frau von Sicking über die Aufnahme wie eine Ordensmeisterin schaltete ... Der ostensible Grund, warum Lucinde Schwarz bei ihr erschien, war die flehentlichste Bitte der Frau Commerzienrätin Kattendyk, doch auch sie und ihre Töchter an diesen Exercitien teilnehmen zu lassen ... Lucinde war autorisirt, im Namen der Commerzienrätin die grössten Opfer, die nur verlangt würden, in Aussicht zu stellen, wenn sie das Glück und die Ehre haben könnte, an dieser vornehmen "Andacht zum Kreuze" teilzunehmen ...
Seit gestern war Lucinde noch zu keiner Fassung gekommen über die Rückkehr in diese Gegenden, auf den Schauplatz, wo Bonaventura weilte, ohne Zweifel, wie sie ahnte, im glückseligsten Bunde mit ihrer frühern Pflegbefohlenen Paula ...
Noch sah sie mit dumpfer Starrheit durch das Fenster die vom Abendrot beschienenen weissen Höhen, auf denen Schloss Neuhof lag, wo der Kronsyndikus nicht mehr lebte ... Diese Kunde erschütterte sie nicht, lockte ihrem Herzen keine Rührung ab ... Sie sah einen gewonnenen Vorteil mehr und wahrhaft tröstlich erklang es ihr zu hören, als Frau von Sicking sprach: Die Frau Präsidentin von Wittekind scheint die Rolle in Vergessenheit bringen zu wollen, die ihr Gatte seiter als Beistand der Regierung gespielt! Man ist hier entschlossen, nicht sofort auf ihre Wünsche einzugehen! Nur die Rücksicht auf ihren edlen Sohn, den Domherrn, kann die Gesellschaft bestimmen, ihren Empfindungen nicht schon jetzt einen entschiedenern Ausdruck zu geben! ... Selbst der blitzende Punkt dort in der Ferne, ein vergoldetes Kreuz auf der Kirche vom Kloster Himmelpfort, wo Klingsohr verweilte, beschäftigte sie nicht ... Diese weisse, mit Abendschatten sich füllende Ebene, auf die sie einst so sehnsuchtsvoll von Schloss Neuhof herniedergeblickt hatte wie in ein Land der Freiheit und des ungebundenern Glückes, als das war, das sie dort in einer nur scheinbar glänzenden Abhängigkeit hielt, bot nichts, was ihr Auge gesucht hätte, als das Schloss Westerhof, das indessen hinter den Wäldern nicht zu sehen war ...
Bei Bonaventura's Abreise hatte Lucinde den Vorsatz gefasst, nur der Rache zu leben ... Ohne dass sie den Oberprocurator, den allmächtigen Dominicus Nück, einweihte in alles, was dieser von ihrem Herzen teilweise selbst schon wusste, teilweise erriet, war sie mit ihm vertraut geworden, denn seine Huldigung gab sich so masslos, dass sie den Ausbrüchen derselben schon deshalb entgegenkommen musste, um sein Benehmen der Gesellschaft nicht zu auffallend erscheinen zu lassen ... Er kannte ihre Liebe zu Bonaventura und musste diese schonen ... Sie duldete seine von unreinern Wünschen scheinbar plötzlich frei gewordene leidenschaft unter der Bedingung, dass Nück sie wie eine anderweitig Vermählte betrachtete ... Bonaventura wurde ihr bald wieder der alte Gott und nur noch die Tempel schwur sie zu zertrümmern, in denen andere ihm huldigten. Von jener Urkunde, mit der sie ihn sein ganzes Leben lang, wie sie gedroht, in Schach zu halten vermochte, sprach sie nicht zu Nück ... Der Schmerz und die Zeit hatten ihre Rachegefühle gegen Bonaventura gemildert ...
Nück wurde für sie ein psychologisches Rätsel ... Sein Lebensüberdruss war jene Krankheit, die sich bei allen jenen Menschen findet, die etwas anderes tun, als sie denken ... Könige haben wir gesehen, die geistesschwach wurden, weil sie eine Welt von schönen Gedanken, Plänen und Entwürfen in sich trugen und keine Menschen fanden oder – suchten, die sie bei ihrer Ausführung unterstützten. Der Mut, der schon zum Brechen mit den Rücksichten, die uns binden, bei ihnen nicht vorhanden war, fehlte vollends für alles Uebrige, was das Leben begehrt; ein geknickter Genius spielt zuletzt mit Puppen, die er an- und auszieht ... Und dann – dann wissen: Das ist unwahr! und es dennoch befördern – darum befördern, weil die Lüge einem andern zu Schaden kommt, den man hasst –! das untergräbt vollends die innerste Seele, wenigstens deren Ruhe ...
Nück konnte zu Lucinden auf ihrem kleinen Cabinet oder wenn sie ihn selbst, scheinbar in Aufträgen, in dem Zimmer besuchte, das zum Garten der Seminaristen hinausging – wenn sie vor ihm auf seinem unheimlichen Sopha sass, unter dem verhängnissvollen Ringhaken an der Decke – ganz wie der verzweifelnde Serlo sprechen: Es ist nichts mit unserm Hoffen und Glauben! Erde wird Erde! Wir düngen die Zukunft! Apostel oder Mörder – omnes una manet nox! (alle erwartet eine und dieselbe Nacht!) ...
Dennoch ging ein Mann mit solchen Ansichten in die Kirchen und Kapellen, bückte sich im Beichtstuhl und kreuzigte sich in der Messe ...
Nück konnte spotten über die Priester, konnte in seiner cynischen Art von reichen, wohlgenährten Pfründnern, die Lucinde in seinem Vorzimmer antraf, sagen: "Sehen sie nicht aus wie die roten Fettäpfel, die die gebratene Gans 'Kirche' in ihrem Steisse trägt!" ... Sprang auch Lucinde bei solchen Worten auf, entfernte sich, so nahm sie doch das staunende Gefühl mit: Dennoch kämpfst du wie ein