Jérôme, der ihr, ihr jenes Heureka! der dankbarsten Erinnerung im einsamen wald gerufen hatte ... Alles das waren Anwandelungen einer ihr fremden Sentimentalität ... Sie lebte nur der verzehrenden sorge um das Allernächste.
Schon mit klopfender Brust war sie auf dem schloss Münnichhof erschienen ...
Schon mit dem grössten Widerwillen war sie in jenes dunkle Zimmer getreten ...
So gefasst und ruhig sie erschien, als Frau von Sikking sie als eine ihr aus der Residenz des Kirchenfürsten Empfohlene einführte und der Herrin des Schlosses vorstellte, sie trat auf einem Boden hier auf, der unter ihr wankte ...
Dennoch richtete sie sich hoch und majestätisch auf, als beim vorstellen ihr Name genannt wurde und die Anwesenden die schlanke Gestalt, die in Trauer gehüllt war, musterten, das bleiche, errötende Antlitz anziehend fanden, ein goldenes Kreuz, das unter einer Trauerecharpe von Spitzen auf der Brust blinkte, für ein Zeichen von Frömmigkeit nahmen. Jenes Mädchen, das in dieser Gegend vor längern Jahren, auf Schloss Neuhof, eine abenteuerliche Rolle gespielt und das gewiss einige unter den Anwesenden schon einmal gesehen hatten, erkannte niemand ... Diese schwarzen Augen schienen die Glut der heiligsten Andacht zu bergen ... Dieser etwas trotzige Mund schien nur im Beten geübt ... Lucinde sprach wenig und setzte sich zu den in immer grösserer Anzahl sich sammelnden Damen wie ein Wesen voll Bescheidenheit, eine Bürgerliche, die den Abstand ihrer Stellung von der der andern erwog, obgleich diese gnädiglichst anzudeuten schienen, dass man auch durch Gesinnung geadelt sein könnte ...
Die Namen Neuhof, Asselyn, Benno, de Jonge, Stift Heiligenkreuz, Paula, Armgart, Kloster Himmelpfort gingen an ihr vorüber, ohne dass Jemand ihren Anteil bemerkte ...
Selbst wie sie die Lehne ihres Sessels ergriff, als die Stiftsdamen, die von Heiligenkreuz kamen, fräulein Benigna von Ubbelohde und Gräfin Paula um ihr Fernbleiben von Püttmeier's "chinesischen Schatten" entschuldigten und von ihrer gestrigen ängstlichen Flammenvision erzählten, bemerkte Niemand das Beben der zusammengepressten Lippen, Niemand die Verlegenheit des Lächelns; auch nicht da, als Frau von Sicking sagte: Ja, ich hoffe Sie morgen auf Westerhof vorstellen zu können!
In dem luftleeren Zimmer, während der Bewunderung und des Lauschens auf die Orphische Weisheit des Sehers von Eschede, hielt es sie nicht länger ... Sie musste aufstehen, gehen, reden können ... Als ihr Beispiel, wie dies der Nervenschwäche der Frauen geschieht, ansteckte, als bald eine zweite, bald eine dritte Dame entfloh, huschte sie noch aus dem dunkeln Speisesaal mit seinen blendend weissen Gedecken, seinen Gläsern, Schüsseln, Tellern, hinaus in das erste beste Zimmer, dessen Tür ihr zunächstlag ...
So betrat sie ein bereits zum Kartenspiel hergerichtetes, behagliches, trauliches Cabinet ...
Auch hier war es dunkel; aber sie hätte noch die Vorhänge herablassen, hinter sich zuriegeln mögen, so sehr fühlte sie das Bedürfniss, sich in der Einsamkeit zu den Aufgaben zu sammeln, die sie auf diesen für sie so gefahrvollen Boden hergeführt hatten ...
Jetzt, wo sie sich erschöpft auf ein Sopha niederwarf, jetzt knickte sie zusammen. Jetzt war sie so, wie sie schon seit einiger Zeit sich zu geben pflegte, ohne es zu wissen ... Etwas Spinnenhaftes hatte sie bekommen, Mageres, Lauerndes, von "Schmerz Gekrümmtes", wie sie's nannte, wenn man deshalb ihr Vorwürfe machte ... Ihr hoher Wuchs sowohl, wie die religiöse Rolle, die sie mit immer grösserer Uebung, Gewöhnung, ja sogar schon Einverständniss spielte, brachten es mit sich, dass sie zu den vielen mittlern und kleinen "erbärmlichen" Wesen dieser Erde den Medusenkopf niederbeugte ... Unter den dichten dunkeln Flechten ihres schwarzen Haares, die sie wie ein Turban umgaben, heute das Werk der Kammerjungfer der Frau von Sicking (hier hatte sie nicht Treudchen, die ihr schon zuweilen hochaufstaunend weisse Härchen auszog), spitzte sich ihr Ohr und lauschte so, wie ihr Nück ärgerlich einst gesagt hatte, "jung-hexenhaft, dass man mutatis mutandis" – sie verstand ja diese Bedingung – "an die alte Frau Buschbeck denken könnte, wenn diese mit mir oder mit Hammakern vom Anlegen ihrer Kapitalien sprach!" ... Dann freilich konnte sie sich auch wieder aufrichten und sich besinnen auf ihre blühenden zwanziger Jahre ...
Lucinde war zu Frau von Sicking empfohlen worden durch Nück und die hochvornehmsten Kreise der Devotion ...
Sprach etwas gegen ihre Vergangenheit, so war sie ja eine Convertitin ...
Auch Frau von Sicking war in gleicher Lage ... Eine Nachkommin des tapfern Ritters, der mit dem Schwert, wie Ulrich von Hutten mit der Feder, gegen Rom sein Leben einsetzte, verliess sie den mit soviel Tränen und blutigen Opfern erkauften Glauben ihrer Väter ... Sie gehörte jenem Kreise der Gottseligkeit an, der sich jetzt so weit über Europa verbreitet, einem Kreise, in den einzutreten Lucinde das unwiderstehlichste Verlangen trug, seitdem sie wusste, dass auch Bischöfe und Erzbischöfe auf weichen Teppichen dahinschreiten und mit Behaglichkeit die Freuden der Geselligkeit mit andachtsvollen Seelen geniessen können ... Frau von Sicking war reich ... Sie hatte ein Haus bei Witoborn, eine Besitzung im Süden Deutschlands, Absteigequartiere in allen geistlichen Städten Deutschlands und Belgiens ... Ihre Correspondenz erstreckte sich nach Rom wie nach den entferntesten Missionen des Sacré Coeur, nach Pondichéry