Liebe, sahen die Offenbarung des Alls im Atom, des Ewigsten im Zeitlichsten ... Kommen und Gehen, Werden und Schwinden sind ja ohnehin Gedanken, die dem Frauendasein so urgegenwärtig sind ... Sie umspannen jetzt wie immer ihre Herzen wie mit magischen Fäden ... Und selbst Frau von Sicking, die frommste der Frommen, hätte nicht geahnt, dass diese Stunde sie ebenso feierlich stimmen würde, wie ihr nur je zu Mute war im Moment der "Wandelung" beim heiligsten der Opfer ...
Andachtsvoll hörte man selbst manchem Scherz Püttmeier's zu, selbst dem, dass das doppelte Dreieck, Pentagramm genannt, den magischen Zeichen der Zauberer angehöre, auch dem Gotte Gambrinus, setzte er lachend hinter dem mutmachenden Oelpapier hinzu, der damit in Göttingen anzeige, wo gutes Bier feil wäre, "worin jedoch nur ein tiefes Symbol des Frühlingsanfangs läge, ein Haustür-Gedenkzeichen des Hexensabbats auf dem Brocken, da ja am 1. Mai der Hexen Ausritt stattfände, und zwar" – hier hätte den Doctor eine seiner Escheder Gönnerinnen allerdings ein wenig am Frackschoos zupfen sollen – "auf dem Bock, welches Tier denn auch sotanerweise bis gegen München hin im innigsten Zusammenhang geblieben wäre mit dem ersten Labetrunk am ersten Tage des Wonnemonds" ...
Püttmeier erhob sich aus diesen Gedankenreihen, die den Onkel Levinus zu einem Streite über Bock und Eimbock oder Eimbeck und Eimbecker Bier veranlasst haben würden, in eine reinere Höhe, als er, angeregt wahrscheinlich von Göttingen und der gerade pausirenden Harmonica und einem blick auf die Pfarrerstochter von Eibendorf, mit stolzem Selbstbewusstsein fortfuhr:
Heureka! meine Damen, ich habe gefunden! rief einst Pytagoras, als er seinen berühmten Satz vom Quadratinhalt der Schenkel des Dreiecks entdeckte! Heureka! soll auch der Titel meines nächsten Werkes sein? Zu Gott hoff' ich, dass sich mein Losungswort weiter verbreiten wird, als, wie ich heute erst erfuhr, in jene Berge drüben, wo ein treuer Anhänger meiner Lehre, Jérôme von Wittekind, den Dank für die ihm durch sie gewordene Anregung auf einen einfachen steinernen Würfel schrieb ... Mit der Anerkennung neuer Ideen, meine Damen, ist es zu allen zeiten gewesen, wie mit diesem Gedenkstein ... In einem dichten, unzugänglichen wald erschallt ihr erstes Echo, wie auch jenes Heureka! in der Nähe des Ortes Eibendorf sich jetzt nur noch ausjubelt ins Ohr der Einsamkeit, an einem nur von Schilf und Blumen umstandenen stillen See ... Kein Nachen fährt dahin auf diesem See, kein Fischer steht an seinem Ufer ... Ein solches einsames Heureka! ist nur anfangs für die Wildniss da, für einen Vogel, der auf ihm sich ausruht, für eine Lacerte, die sich ihr Lager im Moose gesucht hatte, das seinen Sockel überwuchert ... Die Zeit kommt dann aber doch, wo auch eine grosse und bequeme Landstrasse zu einem solchen einsamen Steine hinführen wird! ...
Die Frauen murmelten Beifall ... Die Musik begann ihre anschwellenden Töne ... Püttmeier rüstete sich zu seiner Mystik der Kegelschnitte ...
Vom Denkstein bei Eibendorf hatte ohne Zweifel die Tochter des Pfarrers ihm auf der Herfahrt erzählt ... Von jenem Heureka!, das Jérôme von Wittekind einst auf den Würfel schrieb, den er an der Stelle errichten liess, wo er sein Elfenkind, Lucinde, im Riedbruch gefunden ...
Als Lucinde dort auf ihrer Flucht vor Oskar Binder ohnmächtig unter den Farrenkräutern und Glockenblumen zusammengesunken war, glitt allerdings eine Lacerte über sie hinweg, die sie damals nicht mehr fühlte ...
Hätte sie aber das Tier noch über ihre Hand gleiten gesehen, sie würde ohne Zweifel so aufgesprungen sein, wie eben unter den Zuhörerinnen sich eine Dame erhob mit einem Ausruf, als wenn ihr der Atem versagte und wirklich eine Schlange sie stäche ...
Die Dame hielt sich zwar an ihrem Sessel, beruhigte die erschreckenden Frauen mit einer Handbewegung, sprach, zum Sitzenbleiben auffordernd, ein: Bitte! Bitte! – schwankte jedoch der Tür zu und verliess das Zimmer ...
Lassen Sie! sagte Frau von Sicking, als die Damen und vorzugsweise die Herrin des Schlosses von einem notwendigen Beistand sprachen ... Es ist die Mamsell, mit der ich gekommen bin! ...
Man glaubte sich auf die Versicherung der Dame, die sie eingeführt, verlassen und beruhigen zu dürfen ...
Die seraphischen Klänge der Harmonica tönten indessen fort und Püttmeier erläuterte ...
15.
Lucinde war es, die sich aus dem qualmenden dunstigen Zimmer so plötzlich entfernt hatte ...
Sie floh in den grossen, nun schon dunkelnden Speisesaal ... gejagt von Empfindungen, die zu, zu krampfhaft an ein Herz sich pressten, von dessen lauten Schlägen sie fürchtete, sie könnten noch in der rings sie umgebenden Stille vernommen werden ...
Nicht dass sie so überwältigend die Form des Vortrags, ihr Inhalt und die Andacht dieses vornehmen Auditoriums ergriff. Das sind Narren! sagte sie sich ... Nicht dass sie von Wehmut ergriffen war beim Anhören der Harmonica, die ihr einen doch immer holdverklungenen Jugendmärchentraum zurückrufen musste. Sie war im stand, in dem Herangewachsensein der Kinder des Pfarrers, dessen Namen sie einst angenommen hatte, als sie die Bühne betrat, verdriesslich nur den Gradmesser ihres eigenen Aeltergewordenseins zu sehen ... Nicht dass sie Jérôme so rührte, der um ihretwillen Erschossene, Jérôme, der sie anbetete wie eine Heilige,